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„Da musste halt mal gurgeln!“

Heute entscheidet die DFL, wer in Zukunft die Bundesliga überträgt. Viel ändern wird sich wohl nicht. Vielen ist’s eh egal. Die schauen gratis – via Internet

Ganz egal, wie die Senderechte für die Spiele der Fußball-Bundesliga jetzt oder in Zukunft verteilt werden: Internetaffine Fans gucken die Spiele ohnehin übers Netz. Ob im 5. Kanal des chinesischen Staatsfernsehens (CCTV5), bei Guandong, bei GOL TV, beim Disney-Sender ESPN, im türkischen NTV oder auf einer skandinavischen Station – fast alle Spiele können heute übers Internet empfangen werden. Kostenlos und in einer inzwischen durchaus annehmbaren Qualität.

Auch besondere Kentnisse sind nicht erforderlich. Es reicht, kurz vor dem Spiel auf eine der vielen Live-Fußball-Webseiten zu klicken, die es inzwischen gibt. Dort sind weltweit alle wichtigen Spiele gelistet, der jeweils richtige Sender ist oft erst ganz kurz vor Spielbeginn zu erfahren. Die meisten dieser Seiten sind erst in den letzten Monaten entstanden. Bislang mussten mit einer Reihe spezieller PC-Programme die Sportkanäle der Welt der Reihe nach abgeklappert werden.

Oft verpasste man da den Spielbeginn, weil chinesische Sender nicht unbedingt vorab ankündigen, welches Spiel sie übertragen. Bei Übertragungsraten unterhalb von etwa 300 oder 400 Kilobit/Sek. kann der Datenstrom auch mal abreißen, so dass das Bild ruckelt oder sekundenlang stehen bleibt. Fans sehen das sportlich: Wenn es ein wichtiges Spiel des Lieblingsklubs gibt, das anderswo ohne Premiere-Abo nicht zu sehen ist, wird Unbill locker weggesteckt. Auch sind chinesische Kommentare nicht jeden Fans Sache. Aber das ist auch nicht schlimmer als ein Fritz von Thurn und Taxis. Und wer den Kommentar verstehen will, kann den Fernsehton durch das gute Ligaradio auf bundesliga.de ersetzen.

Weil die Fernsehbilder immer ein paar Sekunden später kommen, ist im Radio mitunter schon Jubel zu hören, während im Fernsehen der Torschütze gerade mal zum Elfmeter Anlauf nimmt. Manchmal ist auch von irgendeinem unbekannten Server das unkommentierte Bild zu sehen, im Ton nur die Stadion-Atmo. Am schönsten sind jedoch die englischen Kommentare auf dem chinesischen GOL TV oder dem amerikanischen ESPN. Feinstes muttersprachliches Englisch, kein amerikanisches Genuschel – es ist erstaunlich, wie viele BVB- oder Eintracht-Fans es unter den britischen Kommentatoren gibt.

Wer einen Fußballfan fragt, wo denn all die schönen Live-Seiten angeklickt werden können, erntet oft nur Achselzucken: „Da musste halt mal gurgeln!“ Kein Wunder, inzwischen gibt es so viele, dass niemand mehr den Überblick hat. Mit den entsprechenden Suchbegriffen ist das aber per Google schnell erledigt. Wirklich wichtig sind nur die passenden Player wie Sopcast, TVAnts oder TVU. Den Windows Media Player haben ohnehin alle, die drei anderen werden gebraucht, weil Live-Sportübertragungen via peer-to-peer ins Netz gestellt werden: Wie bei Musik-Tauschbörsen wird der Datenstrom einfach von Empfänger zu Empfänger weitergereicht.

DFL, Uefa und andere Rechteinhaber versuchen schon seit langem, das zu unterbinden – schließlich werden Senderechte nicht in ferne Länder verkauft, damit Spiele von dort ins Internet übertragen werden. Bislang ohne Erfolg. Im Gegenteil: Die Livestreams werden immer besser. Ungeklärt ist auch, ob Fußballfans rechtliche Konsequenzen zu befürchten haben, wenn sie Spiele im Internet gucken. Immerhin tragen sie mit der P2P-Technik zur Weiterverbreitung bei.

Zumindest kann hierzulande niemandem verboten werden, ausländische Sender zu empfangen. Das hatten wir vor 70 Jahren schon mal. DIETER GRÖNLING