piwik no script img

momentaufnahmenWenn halt unbedingt geschimpft sein will

Kommen Sie auch aus Stuttgart?“ Die ältere Dame, geschminkt, Gürtel mit glitzernden Steinen, setzt sich zu mir im Regionalexpress. Die Sonne scheint, wir stehen abfahrbereit am Nürnberger Hauptbahnhof. „Nein? Da haben Sie Glück. Es war viel zu eng in dem Zug. Die Toiletten waren kaputt und dann die Verspätung. Schrecklich!“ Die Dame blickt mich erwartungsvoll an. Ich sage: „Ja, die Verspätung, die gehört halt dazu.“

Die Dame bearbeitet ihr Handy und murmelt: „Jetzt geht das Handy nicht mehr. Wieso denn nicht?“ Und dann in meine Richtung: „Wir machen uns viel zu abhängig von diesen Geräten!“ Ich fange an zu lesen. Ich will nicht unhöflich sein. Aber es ist wirklich ein schöner Tag.

„Was soll ich jetzt machen?“, sagt die Frau. Ich empfehle einen Neustart. Dann meldet sich der Zugführer: „Wir sind zum Stehen gekommen, weil die Strecke derzeit nur eingleisig befahrbar ist und wir vier Züge durchlassen müssen.“

Nürnberg-Tafelhof

1.200 Ein­wohner*innen.

Da kommt man an in der Stadt. Und wieder weg: In dem Stadtteil liegt der Nürnberger Hauptbahnhof, hier halten täglich über 800 Züge des Personenfern- und Regionalverkehrs.

Die Frau stöhnt auf, aber ihr Handy geht wieder und sie ruft gleich jemanden an, um das mit den vier Zügen loszuwerden. Ich schaue raus. Die Herbstbäume leuchten in der Sonne. Und wie sie leuchten. Es ist wirklich ein schöner Tag. Klaus Irler