: VierTageimJuni
Der Sommer geht zu Ende, mit der erschreckenden Zahl von über 16.000 Hitzetoten. Wer ist an den heißen Tagen gestorben und warum? Ein Notarzt, eine Klinikärztin und die Leiterin einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung erzählen von Patient*innen, denen sie nicht mehr helfen konnten
Foto: Quirin Leppert
Von Sophie Fichtner
Es ist Mittwoch, der 24. Juni 2026, einer der heißesten Tage dieses Sommers. Um Viertel vor sieben beginnt Jörg Schmids 24-Stunden-Schicht. Schmid ist Notarzt in München. Wie immer kontrolliert er zuerst die Ausrüstung im Notarzteinsatzfahrzeug, er füllt die Rucksäcke mit Medikamenten und Verbandsmaterial auf. Dann schlägt sein Pager schon Alarm, „Reanimation“ steht auf dem Display.
In der letzten Juniwoche reichen Rottöne nicht mehr aus, um darzustellen, was auf Deutschland zukommen sollte. Die Wetterkarten sind dunkellila eingefärbt: 38 Grad, 39 Grad, 42 Grad. Es ist die zweite Hitzewelle, die sich in diesem Sommer über Europa ausbreitet. Neue Rekorde werden gemessen und – besonders anstrengend für den Körper – auch die Durchschnittstemperatur liegt weit über dem normalen Niveau im Juni. Denn nachts kühlt es kaum noch ab und der Körper kann sich im Schlaf nicht erholen.
9.600 Menschen sterben in dieser Woche in Deutschland wegen der Hitze. Am Ende dieses Sommers geht das Robert-Koch-Institut von 16.000 Hitzetoten aus. Eine Zahl, die alle Vorjahre weit übertrifft. Zum Vergleich: Für das Jahr 2025 wird von 2.500 Hitzetoten ausgegangen, im bisherigen Rekordjahr 2018 waren es 8.400.
16.000 Menschen also, die in diesem Sommer gestorben sind, weil es zu heiß war. Diese Zahl wird vom Robert-Koch-Institut statistisch berechnet, anhand der Übersterblichkeit in den heißen Wochen. Wer aber sind diese Menschen, die zwischen Juni und August gestorben sind, weil es zu heiß war? Und warum sind sie gestorben?
Antworten finden sich in Jörg Schmids Schicht vom 24. Juni. Und bei den Notfällen, die in dieser Woche in die Uniklinik in Freiburg eingeliefert wurden. Und in den Notrufen einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in der Westpfalz. Um diese heißen Tage Ende Juni zu rekapitulieren, haben Notarzt Schmid, eine Klinikärztin und eine Einrichtungsleiterin ihre Dienstprotokolle mit der taz geteilt.
Einsatz: 07:04 Uhr, Mann, 80 Jahre alt, Reanimation
Im Rettungsdienst gibt es schnelle Stichworte, die grob einteilen sollen, welcher Notfall die Sanitäter:innen und Ärzt:innen vor Ort erwartet. Bei dem Wort „Reanimation“, sagt Jörg Schmid, weiß er, dass er oft schon zu spät kommt. Am Einsatzort trifft er auf eine aufgelöste Frau, sie führt ihn in die Küche. Auf dem Boden liegt ihr Mann. Als sie morgens aufwachte, merkte sie, dass er nicht mehr neben ihr im Bett lag und fand ihn so auf, erzählt sie dem Notarzt. Der Mann liegt auf dem Bauch. Schmid greift seinen Arm und stellt fest, dass die Leichenstarre bereits eingesetzt hat. Er muss seit Stunden hier liegen. Für eine Wiederbelebung ist es zu spät.
„Der Mann hatte eine chronische Herzschwäche“, sagt Schmid. Damit gehörte er zu einer Gruppe, die bei Hitze besonders vulnerabel ist. Wenn es heiß ist, weiten sich die Blutgefäße in der Haut, in Armen und Beinen, damit der Körper besser abkühlen kann – das Herz muss dafür mehr Blut transportieren und schneller schlagen. Ein schwaches Herz hat aber oft nicht genug Kraft, um den Kreislauf stabil zu halten. So muss es auch bei diesem Patienten gewesen sein, vermutet Schmid. Er muss nachts in die Küche gegangen sein, um sich ein Glas Wasser zu holen und ist dabei kollabiert. Alles, was Jörg Schmid tun kann, ist den Tod festzustellen und psychologische Betreuung für die Ehefrau zu rufen.
Einsatz: 07:54 Uhr, Mann, 86 Jahre alt, Bewusstsein, vitale Bedrohung
Als Schmid in der Wohnung des Patienten eintrifft, liegt der Mann im Bett. Er lässt sich kaum wecken. Die Haut auf seinem Arm bildet stehende Falten – für den Notarzt ein Zeichen, dass der Mann ausgetrocknet ist. In den vergangenen Tagen sei ihr Mann immer schwächer geworden, erzählt seine Ehefrau, die ihn pflegt. Er habe weniger gegessen und getrunken, kaum noch gesprochen. Der Patient hat Fieber, stellt Schmid fest, er atmet schnell und sein Blutdruck ist kaum noch messbar. Der dunkle Urin im Beutel sieht für den Notarzt nach einer Blasenentzündung aus. Jörg Schmid vermutet eine Sepsis, eine Blutvergiftung. Wenn man tagelang schwitzt und zu wenig trinkt, trocknen die Nieren aus, Bakterien werden dann nicht mehr vom Urin weggespült, sondern können aufsteigen und in den Blutkreislauf gelangen.
„Viele Probleme bei Hitze fangen beim Trinken und Schwitzen an“, sagt Schmid. Zum einen haben ältere Menschen weniger Durst. Er erlebe aber auch oft, dass alte Menschen wenig trinken, weil sie Schluckbeschwerden haben, oder sie sind inkontinent und trinken absichtlich wenig, um unterwegs nicht auf die Toilette zu müssen. Das Problem ist aber: Dehydrierung schwächt das Immunsystem, Infektionen haben es so leichter.
Mit der Ehefrau des 86-jährigen Patienten und dem Hausarzt am Telefon entscheidet sich Schmid für eine palliative Vorgehensweise – in erster Linie sollen seine Symptome gelindert werden, aber der Mann bleibt zu Hause. Laut seiner Ehefrau habe er partout nicht mehr ins Krankenhaus gewollt, die Chancen auf eine Genesung sind gering. Schmid spritzt ihm Morphin gegen die Atemnot und mögliche Schmerzen und klärt die Ehefrau über mögliche Verläufe des Lebensendes auf. Sehr wahrscheinlich wird ihr Mann noch an diesem Tag sterben. Dann meldet sich Schmid für den nächsten Einsatz bereit.
In der rund 400 km entfernten Westpfalz erinnert Barbara Gude ihre Wohngruppe immer wieder ans Trinken. Sie leitet eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Eigentlich heißt sie anders, aber Hitzetote in Pflegeeinrichtungen sind besonders heikel, also bleibt sie lieber anonym. Hitze bedeutet für die Bewohner:innen ihrer Einrichtung eine akute Gefahr. Viele der Bewohner:innen könnten ihr Körpergefühl nicht deuten, sagt Gude. „Sie verstehen nicht, dass sie bei der Hitze viel trinken müssen, sie merken nicht, dass ihnen schwindelig ist und verstehen nicht, warum sie einen Sonnenhut tragen sollten.“
In den vergangenen Tagen mussten Barbara Gude und ihr Team mehrmals einen Krankenwagen rufen, weil Bewohner:innen mit der Hitze nicht klarkamen. Ein Mann hatte nach einem Ausflug einen Hitzschlag und musste tagelang im Krankenhaus bleiben. Mit jeder Bewohner:in, die von den Sanitäter:innen abgeholt werde, steige die Unruhe in der Einrichtung, sagt Gude. Viele hätten Angst, dass sie die nächsten sind, für die der Rettungsdienst kommt, sagt Gude.
Am Samstag wird ihr Team wieder einen Krankenwagen rufen. Ein Mann, 67 Jahre, wird immer teilnahmsloser. „Man sieht den Klienten erst spät an, dass es ihnen schlecht geht“, sagt Gude. „Sie werden stiller, ihr Blick verändert sich und sie wollen nicht mehr aus dem Bett aufstehen.“ Das seien Anzeichen. Aber der Moment, dass die Person etwa ohnmächtig wird, das passiere total plötzlich. In der Nacht stirbt der Mann im Krankenhaus.
In München hat Jörg Schmid gerade einen Schüler mit starken Bauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht, als er wieder zu dem Patienten mit der Blutvergiftung gerufen wird.
Einsatz: 10:29 Uhr, Mann, 86 Jahre alt, Bewusstsein, vitale Bedrohung
Schmid fährt wieder zu der Wohnung des Mannes, vielleicht braucht er noch mehr Schmerzmittel, damit er nicht leiden muss. Als der Notarzt eintrifft, ist der Mann aber bereits tot.
Etwa die Hälfte der Hitzetoten dieses Sommers waren über 85 Jahre alt. So wie Schmids Patienten an diesem Vormittag. Unter online veröffentlichten Beiträgen über die Tausenden Hitzetoten kommentieren Nutzer immer wieder, dass diese Menschen ja sowieso gestorben wären, weil sie alt und krank gewesen seien. Und sie fragen: „Sind sie an oder mit der Hitze gestorben?“
So zu tun, als wäre es egal, dass diese Menschen gestorben sind, weil sie alt sind, findet Schmid „ziemlich krass“. „Jedes Mal ist da ein Opa gestorben, ein Ehemann, eine Tante. Sie hätten noch ein paar schöne Jahre haben können.“ Schmid sieht die Sache andersrum: „In vielen Fällen kann man sagen, die Person ist an der Hitze gestorben, mit ihrer Vorerkrankung.“ An der vom Robert-Koch-Institut ermittelten Übersterblichkeit während der Hitzewelle könne man ganz klar sehen, dass die Menschen ohne die Hitze noch am Leben wären, sagt der Notarzt. Aber auf den Totenscheinen stehe Herzschwäche oder Blutvergiftung statt Hitze oder Klima, kritisiert Schmid.
Um kurz vor 12 Uhr ist Jörg Schmid zurück auf der Wache und wartet auf sein Mittagessen.
Auf dem Viktualienmarkt, ein paar Kilometer weiter in der Münchner Innenstadt, sind es inzwischen über 30 Grad. Der gepflasterte Platz hat sich aufgeheizt, die Luft staut sich zwischen Häuserwänden und Marktständen. Eine Frau verlässt eine Bäckerei und kollabiert plötzlich in einer Seitengasse.
Einsatz: 11:54 Uhr, Frau, 88 Jahre alt, Reanimation
Jörg Schmid springt vom Esstisch auf.
Etwa zeitgleich wird in die Freiburger Uniklinik eine Frau eingeliefert, 42 Jahre, sie ist bewusstlos. Katrin Fink arbeitet an diesem Tag in der Notaufnahme. Die Ärztin beatmet die Patientin im Schockraum. Sie ist alkoholkrank und wurde in ihrer heißen Wohnung aufgefunden. Mehrere Tage verbringt die Frau danach auf der Intensivstation, erinnert sich Fink.
Noch drastischer ist ihr ein Patient in Erinnerung geblieben, der an diesem Mittwoch noch auf einer Baustelle arbeitet. Der 54-jährige Bauarbeiter steht stundenlang in der prallen Sonne. Eine Siesta, wie es in südeuropäischen Ländern bei diesen Temperaturen üblich und vor allem für diese Berufsgruppen wichtig ist, macht der Mann nicht. Am Tag darauf wird er bewusstlos in seinem Auto gefunden. Er muss durch die Hitze und die direkte Sonneneinstrahlung so geschwächt gewesen sein, dass sein Kreislauf zusammengebrochen ist, vermutet Fink. Im Schockraum versuchten sie ihn wiederzubeleben, kurz ist der Kreislauf wieder da, aber dann stirbt der Mann.
Foto: Tina Eichner
Am Freitag wird wieder ein Bauarbeiter in die Freiburger Uniklinik eingeliefert. Der Mann ist 42 Jahre. Auch er hat stundenlang in der Sonne gearbeitet. Ursprünglich hatte er einen Sonnenstich, aber als Katrin Fink ihn aufnimmt, krampft sein ganzer Körper. Das Fieberthermometer zeigt seine Körpertemperatur nicht mehr an, weil die Skala nur bis 42 Grad geht, erinnert sie die Ärztin. Er wird heruntergekühlt und in ein künstliches Koma versetzt.
Die Frau auf dem Viktualienmarkt in München hat Glück. Ein Feuerwehrteam steht nicht weit entfernt von ihr, als sie zusammenbricht. Die Gruppe fängt direkt an, sie zu reanimieren. Passanten sperren die Gasse mit einem Tuch ab. Als Jörg Schmid eintrifft, übernimmt er die Leitung der Wiederbelebung und intubiert die Frau. Nach zwölf Minuten ist ihr Kreislauf zurück. Schmid gibt ihr eine Infusion und stellt fest, dass ihr Herz sehr langsam schlägt.
Das kann an der Reanimation liegen, sagt Schmid, oder aber an einem Medikament, das die Frau einnimmt. Ein Betablocker, ein sehr häufig verschriebenes Herzmedikament.
Dieses Problem begegnet Schmid häufig an heißen Tagen. Betroffen sind Menschen, die herzfrequenzsenkende Medikamente einnehmen und dann zu wenig trinken. Weil sie zu wenig Flüssigkeit aufnehmen, trocknen die Nieren aus und arbeiten weniger. Dadurch sammelt sich das Medikament im Blut und wirkt stärker. „Es ist, als würde man die doppelte Dosis nehmen, dabei nimmt man die normale Menge“, sagt Schmid. Das Resultat: die Herzfrequenz wird zu sehr gesenkt. Das sei auch bei dieser Patientin passiert, vermutet Schmid. Er fährt sie in die Klinik.
„Alles, was ich aus dem Lehrbuch kannte, habe ich an dem Tag wie im Brennglas erlebt“, sagt Schmid über seinen Dienst am 24. Juni. Überdosierte Medikamente, ausgetrocknete Menschen, geweitete Blutgefäße und zu schwache Herzen. Der Deutsche Wetterdienst berechnet später in einer Studie, dass diese Hitzewelle ohne den Klimawandel statistisch nicht möglich gewesen wäre. Die Weltgesundheitsorganisation nannte die Tage Ende Juni deshalb auch eine „Generalprobe“ für die zukünftigen Sommer in Europa. Bei dieser „Generalprobe“ sind in Deutschland 16.300 Menschen gestorben.
In der Westpfalz reichen sie gerade den Bauauftrag für ein neues Haus ein, in dem die Menschen mit Behinderung besser geschützt sind. Der jetzige Bau aus den 80er-Jahren heizt im Sommer zu stark auf. Gefragt, wann das Haus fertig werden soll, sagt die Geschäftsführerin: „Gestern.“
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