: Wenn an einem stillen Ort heftig debattiert wird
Der beste Ort, um innerlinke Debatten zu verfolgen, ist eine Uni-Toilette. Idealerweise eine bei den Geisteswissenschaften.
„Stalin did almost nothing wrong!“ steht da, in fetten, roten Buchstaben auf der Innenseite der Klokabine, dass Stalin also fast nichts falsch gemacht habe. Ich wollte eigentlich nur schnell pinkeln, aber jetzt bin ich interessiert. „Bist du dumm?! Stalin steht für Zwangsarbeit, für die Verfolgung von Anarchist*innen, für Queerfeindlichkeit“, hat jemand in Schwarz daruntergeschrieben. „Dumm als Schimpfwort zu benutzen ist ableistisch“, steht daneben, aber nur mit blassem Kuli geschrieben, weshalb ich mich anstrengen muss, um es entziffern zu können. Ein Sticker zeigt Wolfgang Weimar, der von einem Buch geohrfeigt wird. Auf der Wand neben mir wird der Nahostkonflikt diskutiert, aber es ist mir viel zu viel Text, deshalb verlasse ich die Klokabine lieber und gehe zum Waschbecken.
Bremen-Lehe
8.200 Einwohner*innen.
Die 1971 gegründete Universität in dem Stadtteil mit derzeit 18.400 Studierenden hatte mal den Ruf, eine rote Kaderschmiede zu sein. Das mag Geschichte sein, manche Toiletten sind aber weiterhin links.
„Fußball, Ficken, Feminismus“ klebt auf dem Spiegel, der Sticker wurde durchgestrichen. Irgendjemanden hat das wütend gemacht: „Fußball & Feminismus schließen sich nicht aus?!“ „Doch“, steht daneben. Ich wüsste gerne warum. Ich muss wiederkommen. Amanda Böhm
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