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schlaglochVerteidigerin der Vernunft

Jeder Blödsinn gilt heute als berechtigte Meinung. Zeit für die Arbeiterbewegung, wieder als Erbin der Aufklärung aufzutreten

1. Mai in Berlin, Autos werden bestiegen Foto: Piotr Pietrus

Vergangenen Freitag war mal wieder der 1. Mai. Der war 1889 als Kampftag der Arbeiterklasse ausgerufen worden, die Vorgeschichte geht auf Proteste und Unruhen in Chicago ein paar Jahre zuvor zurück. Man kämpfte damals für ordentliche Löhne und Arbeitszeitbegrenzung, etwa für einen Achtstundentag und ein paar Tage im Jahr zur Erholung.

Knapp 140 Jahre später hat das Proletariat den gesetzlichen Urlaub durchgesetzt, und der 1. Mai ist ein Feiertag. Diesmal fiel er auf einen Freitag, wodurch die Arbeiterklasse ein verlängertes Wochenende hatte. Manche jammern seit jeher über die „Verbürgerlichung“ der Arbeiterklasse, aber ich lese das auch als eine Erfolgsgeschichte. Wer arbeitsfreie Tage und einigermaßen faire Bezahlung durchsetzt, der sollte nicht jammern, wenn die arbeitenden Klassen in die Ferien abdüsen.

In Wien, wo wir die Tradition eines kämpferischen roten 1. Mai besonders hochhalten, weil wir historische Kostümierungen gerne pflegen, wird zum Abschluss des sozialdemokratischen Aufmarsches nicht nur die Internationale geschmettert, es wird auch das „Lied der Arbeit“ gesungen.

In einer Passage darin feiert sich die Arbeiterbewegung als Erbin von Aufklärung und Wissenschaft: „Und wie einst Galilei rief / Als rings die Welt im Irrtum schlief: Und sie bewegt sich doch!“ Dieser Vers wirkte lange Zeit wie von gestern, weil er auf Probleme Bezug nimmt, von denen wir dachten, dass wir sie nicht mehr haben. Heute empfinde ich das anders: als eine Widerstandsparole in einer Ära der Zerstörung der Vernunft. Als bockigen Aufschrei in der Dunkelheit.

Die Ultrarechten und ihre nützlichen Idioten vom radikalisierten Konservatismus haben die Gewohnheit kultiviert, den verrücktesten Unsinn als „Argument“ und jedes Vorurteil als „Meinung“ zu bezeichnen. Der Begriff der „Fake News“ wird dem nicht richtig gerecht. Es ist zu einer regelrechten Mentalität geworden, irgendeinen Unfug zu behaupten, von dem alle wissen, dass er Unfug ist.

Sie haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei, wie das früher oft der Fall war – bei Leuten, die lügen und Angst haben, bei der Lüge ertappt zu werden. Sie haben vielmehr eine reine Freude am Blödsinn, wenn er nur dem Ziel dient, Leute zu verwirren und in Erregung und Bitterkeit zu versetzen. Ertappt man sie, lachen sie einen aus. Korrigiert man sie, kommen sie mit der nächsten Lüge daher, ein mitleidiges Grinsen im Gesicht, das zeigt, für wie naiv sie Leute halten, die glauben, dass so etwas wie Fakten irgendeine Relevanz im Diskursrauschen hätten.

Sie kommen sich besonders schlau vor, im Sinne von: Wem jede Art von Faktentreue und Ernsthaftigkeit egal ist, der hat einen unschlagbaren Vorteil gegenüber skrupulösen Langweilern, die sich eine innere Konsistenz des Gedankenganges abquälen. Ernsthaftigkeit wirkt heute fast wie eine Persönlichkeitsstörung. Galileis „Und sie bewegt sich doch“ erscheint da erneut wie eine störrische Widerstandshandlung.

Es gehört zu den seltsamen Eigenarten der Linken und der linksliberalen Mitte, dass sie nicht nur zu sektiererischem Gegeneinander neigen, sondern auch zu einer Selbstgeißelung, die an das rituelle Flagellantentum christlicher Sekten erinnert. Man sucht die Schuld gern bei sich selbst. Selbst am Rechtsradikalismus sind nicht die Rechtsradikalen schuld, sondern die Linken, so liest man mitunter.

Foto: skajskaj

Robert Misik, Jahrgang 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Theatermacher und taz-Kolumnist. Jüngste Veröffentlichung: „Das große Beginnergefühl: Moderne, Zeitgeist, Revolution“, Suhrkamp Verlag, 2022.

Schlagloch-Vorschau:

13. 5. Georg Seeßlen

20. 5. Charlotte Wiedemann

27. 5. Mathias Greffrath

3. 6. Gilda Sahebi

10. 6. Georg Diez

Voller grüblerischer Selbstgram suchen Linke dann die Schuld an der Zerstörung der Vernunft bei sich oder den eigenen Leuten: Hat die frühere Linke nicht schon das Konzept „Wahrheit“ untergraben, indem sie erklärte, dass es keine „Objektivität“ gäbe, da in Klassengesellschaften jeder Sprecher vom Standpunkt seiner Interessen aus argumentiert? Diese gesellschaftskritische „Standpunkttheorie“ sei dann auch noch durch die Postmoderne radikalisiert worden, die betonte, dass es überhaupt keine Wahrheit da draußen gäbe, die man finden könne, sondern bloß Sprachspiele, die nur mehr lose mit einer „Wirklichkeit“ verbunden sind. Welche ihrerseits fiktional ist, weil es keine Wirklichkeit gibt, die nicht durch Narrationen – also Storytelling, quasi: durch Märchenerzählung – erschaffen ist.

Der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour fragte einmal, ob Verschwörungstheorien womöglich nur „absurde Deformationen“ unserer eigenen Argumente seien, „wie Waffen, die über eine unübersichtliche Grenze geschmuggelt werden und in die Hände der falschen Partei geraten“. Also: Weil wir das Konzept der Wahrheit dekonstruierten, erleichterten wir es den Rechtsradikalen, den größten Blödsinn zu erfinden und „Narrationen“ in die Welt zu setzen. Na ja, ich weiß nicht, ob die Nachdenklichen wirklich an der Lüge schuld sind.

Die Linke und die linksliberale Mitte neigen zu Selbstgeißelung und suchen die Schuld an der Zerstörung der Vernunft bei sich

Es gibt Fakten. Dass zwei plus zwei vier ist, ist zwar eine spekulativ-abstrakte Konvention, deswegen ist es aber noch lange nicht so, dass zwei plus zwei auch fünf sein kann. Nur weil ich jedes reale Geschehen und die Wechselwirkung realer Geschehen auf unterschiedliche Weise interpretieren kann, heißt das nicht, dass man das reale Geschehen einfach abstreiten und die verrücktesten Wechselwirkungen behaupten kann, für die es nicht einmal Indizien gibt.

Klar, „Wahrheit“ ist in der Physik etwa anderes als in der theoriegeleiteten Soziologie oder der spekulativen Gesellschaftstheorie. Aber auch in Letzterer ist es einfach blödsinnig und unzulässig, reales Geschehen einfach zu ignorieren, wenn es nicht in die Kopfgeburt der Fantasiebildung hineinpasst. In diesem Sinn ist die Galilei zugeschriebene Formel „Und sie bewegt sich doch“ plötzlich wieder ein Kampfruf der Verteidigung der Vernunft gegen ihre Feinde.

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