piwik no script img

So ist die AfD zu schlagen

Anklam: Amtsinhaberbonus und Powerwahlkampf

Michael Galander ist nicht wegzudenken aus Anklam. Seit 24 Jahren ist der Parteilose dort Bürgermeister. Im April nun forderte ihn AfD-Mann Jörg Valentin heraus, ein Kommunikationswissenschaftler aus Greifswald. Aber Valentin hatte keine Chance: Er unterlag deutlich, holte nur 27,9 Prozent, und Galander gewann seine vierte Amtszeit. „Das war eine Personenwahl“, sagt Galander. „Und die Bürger haben gesehen, dass ich in den 24 Jahren doch eine Menge bewegt habe.“

Tatsächlich präsentierte sich Galander im Wahlkampf als Macher, zeigte seine Projekte vor: den neuen Schulcampus, den neuen Sportplatz, das neue Schwimmbad, die sanierte Innenstadt. Auf seinem Schreibtisch steht ein Schild: „Jammern und meckern verboten“. Wirtschaftsvertreter und Bauern warben für den 56-Jährigen, ein Bündnis aus SPD und Linken unterstützte ihn. Galander selbst tritt für die „Initiativen für Anklam“ an – bewusst suchte er einen Weg jenseits der etablierten Parteien. Nach der Wahl gratulierte ihm SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.

Dabei räumte die AfD bei der Bundestagswahl 2025 in Anklam noch ab, holte 45,3 Prozent. Aber Galander hatte ein elfköpfiges Wahlkampfteam, hing Großbanner in der Stadt auf, verschenkte bei Aktionen Kino­tickets, Stadtrundfahrten oder frische Brötchen.

AfD-Mann Valentin dagegen blieb blass, seine Plakate wirkten austauschbar, seine Wahlkampfstände altbacken. Und es blieb der Makel, dass der 59-Jährige nicht mal in Anklam wohnte, sondern im 40 Kilometer entfernten Greifswald. Die AfD in Anklam hatte keinen eigenen Kandidaten gefunden, ihre Fraktion sich früh gespalten. Und Galander – anders als die CDU vor Ort – hält klaren Abstand zur AfD, sucht sich im Stadtrat seine Mehrheiten mit anderen Frak­tio­nen. Sein Rezept ansonsten: „Einfach mit der eigenen Arbeit punkten. Wenn man sich wirklich reinhängt für die Stadt, dann überzeugt das die Leute, auch AfD-Anhänger.“

Uckermark: Kompetenz – und Unterstützung von Linke bis FDP

Der AfD-Kandidat Felix Teichner ist innerhalb der AfD Brandenburg bestens vernetzt. Umtriebig versuchte er während des Wahlkampfs mit Tiefschlägen gegen die erfahrene Amtsinhaberin zu punkten – die CDU-Landrätin Karina Dörk. Teichner griff sie als „Merkel-Imitat“ an, ein KI-generiertes Großplakat zeigte Dörk mit Merkel-Raute vor dem Bauch, inmitten eines rosa Dreiecks, das wohl nicht zufällig an den Rosa Winkel erinnerte: dem Symbol für Homosexuelle in NS-Konzentrationslagern.

Teichner feixte danach über die Aufmerksamkeit, doch Dörk ließ den Angriff ins Leere laufen. Sie erstattete keine Anzeige und konzentrierte sich im Wahlkampf auf das Wesentliche: Kommunalpolitik, Kenntnis der Rechtslage und lösungsorientierte direkte Ansprache gegenüber den Bür­ge­r*in­nen.

Und so gilt auch hier: Die AfD Brandenburg ist zwar extrem stark, aber stärker noch ist die Mobilisierung gegen die Rechtsradikalen. Teichner verlor die Stichwahl schließlich deutlich mit 40 zu 60 Prozent.

Ihren Wahlsieg kommentierte die alte und neue CDU-Landrätin Dörk mit den Worten: „Morgen geht die Arbeit weiter.“ Gewonnen hat die CDU-Landrätin auch, weil sie von FDP bis Linkspartei sowie von mehreren demokratischen Organisationen des Landkreises unterstützt wurde. Unterm Strich: Die AfD ist stark – scheitert aber, wenn es gelingt, die gesellschaftliche Mitte gegen ihre extremistischen Parolen und Positionen zu mobilisieren.

Gommern: AfD-Kandidat mit dubioser Vergangenheit

In wenigen Wahlen ist die AfD so deutlich unterlegen wie in der Kleinstadt Gommern in Sachsen-Anhalt. Dort wollte der AfD-Kandidat Phillipp-Anders Rau am 22. März Bürgermeister werden und scheiterte spektakulär. Er erhielt nur 12,9 Prozent der Stimmen. Bürgermeister war und bleibt der parteilose Jens Hünerbein.

Das Scheitern von Rau dürfte auch mit seiner Vita zusammenhängen. Die Lokalzeitung nannte ihn „Skandal-Kandidat“, selbst Parteikollegen sagten öffentlich, dass sie sich für Rau schämen. Rau wurde vor seiner politischen Karriere mehrmals verurteilt, wegen Diebstahls und Urkundenfälschung. 2012 hatte er sich mit einem gefälschten Abiturzeugnis einen Studienplatz erschlichen, ein Gericht verurteilte ihn dafür 2017 zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung. Seine Anwältin erklärte sein Verhalten damals mit seiner Kokainsucht. Rau soll zudem an Pornoproduk­tio­nen mitgewirkt haben, weswegen sogar das Landesschiedsgericht der AfD eingeschaltet wurde. Rau, befanden die Menschen in Gommern, sei damit nicht geeignet, Bürgermeister zu werden.

Kraftsdorf: Demokrat mit breiter Unterstützung in der Gemeinde

Das kleine Kraftsdorf liegt im Osten Thüringens und hat 3.700 Einwohner. Im Frühjahr 2026 wählten sie den ehrenamtlichen Bürgermeister und schon vor Monaten wurde Gerhard Rassier von Kraftsdorfern angesprochen, ob er nicht kandidieren wolle. So erzählt er es am Telefon. Rassier war Richter, fast 30 Jahre lang verhandelte er Strafsachen am Landgericht Gera.

Etwa genauso lange lebt er in der Gemeinde Kraftsdorf und bringt sich ein. Er war Trainer im örtlichen Fußballverein, engagierte sich im Karnevalsverein und beim Maibaumsetzen. Zur Bürgermeisterwahl war Rassier gegen zwei Kandidaten angetreten, eine Parteilose und einen Mann, der für die AfD und ein lokales Wahlbündnis antrat. In der Stichwahl am 15. März setzte sich Rassier schließlich mit 71,1 Prozent gegen den AfD-Kandidaten durch – und das, obwohl der AfDler groß plakatiert hatte, Rassiert hingegen gar nicht.

Die Frage „Ich oder die AfD“ habe er im Wahlkampf nicht thematisiert, sagt Gerhard Rassier. Das habe er aber auch nicht gebraucht. Die Mehrzahl der Kraftsdorfer haben ihn gewählt, glaubt er, weil sie ihn kennen und weil er als ehemaliger Richter hohes Ansehen genieße.

Landkreis Elbe-Elster: Bodenständigkeit kontert AfD-Elitenkritik

Gern wütet die AfD gegen die angeblich abgehobenen Eliten. Bei Marcel Schmidt läuft der Vorwurf ins Leere. Der gelernte Maler und Lackierer ist 37 Jahre alt und arbeitet im Vertrieb eines Farbherstellers. Im März wurde er zum Landrat des südbrandenburgischen Elbe-Elster-Kreises gewählt. „Überraschend“ fand das nicht nur der RBB – auch weil Schmidt bisher lediglich als Parteiloser in der Gemeindevertretung der südbrandenburgischen Gemeinde Hirschfeld saß.

Im ersten Wahlgang im Februar hatte Schmidt noch auf Platz zwei gelegen – vor dem AfD-Kandidaten Norbert Kleinwächter, einst Vize der Bundestagsfraktion seiner Partei. In der Stichwahl Anfang März gewann Schmidt dann gegen den von der CDU vorgeschlagenen amtierenden Landrat Christian Jaschinski mit 65 zu 35 Prozent.

Der Amtsinhaber konnte gegenüber dem ersten Wahlgang praktisch keine Stimmen dazu gewinnen, Schmidt bekam mehr als doppelt so viele. Als Thema hatte Schmidt vor allem auf eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung gesetzt, seine Erfahrungen als Handwerker herausgestellt und versprochen, die Wirtschaft zu fördern. Bei seiner Vereidigung versprach er einen „respektvollen politischen Umgang“ und rief dazu auf, gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden. In seiner ersten Amtswoche übergab er 15 Neubürgern ihre Einbürgerungsurkunde. Die Begrüßungsfeier sei ein Zeichen für „Zugehörigkeit, Vielfalt und das gemeinsame Miteinander“, sagte er.

Rodewisch: der AfD ordentlich Paroli bieten

In Rodewisch holte Kerstin Schöniger, amtierende Bürgermeisterin, am 1. Februar die meisten Stimmen bei der Wahl: 64 Prozent. Es ist die dritte Amtszeit in Folge für die CDU-Frau, die nun aber als Parteilose antrat. Sie gilt als Anpackerin, fleißig, pragmatisch, und punktete auch mit Frauenpolitik – mit der sie der AfD Paroli bot.

Die AfD habe im Wahlkampf auf Nostalgie gesetzt. „Meine Strategie war es, nach vorn zu schauen“, erklärt Schöniger der taz zu ihrem Wahlergebnis. Das fiel zwar eindeutig aus, dennoch verlor Schöniger im Vergleich zu 2019, als sie noch 85 Prozent der Stimmen bekam. In ihrer zweiten Amtszeit gab es viele Konflikte mit der AfD-Fraktion im Stadtrat.

Zu der gehört seit etwa zwei Jahren auch Schönigers einziger Herausforderer Tino Wolf, ein Fleischermeister. Seine Niederlage kommentierte er in der Freien Presse mit dem Satz: „Wir waren wohl zu fair im Wahlkampf.“ Eine seiner Forderungen war es, die „Gendersprache“ in der Stadt abzuschaffen. Damit meinte er offenbar auch, dass sich Schöniger als Bürgermeisterin bezeichnet und nicht als Bürgermeister. Die CDU-Frau aber hielt bei der AfD dagegen und erklärte: „Bloß weil sie sehr laut sind, muss man nicht denken, dass sie viele sind.“

Mitarbeit: Clara Dünkler

und Katarina Machmer

Nur noch 460 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen