: Ein Gefühl von Jugend und Aufbruch in Abidjan
Es ist eine Art Wunder, dass sich das Femua seit fast 20 Jahren in Côte d’Ivoire hält. Ein Besuch des Festivals, während Youssou N’Dour tanzt und Rap-Superstar Didi B auftritt
Aus Abidjan Ruth Lang Fuentes
Das neue El Dorado, das liege genau hier, sagt Salif Traoré, alias A’Salfo. Der ivorische Sänger der Band Magic System – weltweit bekannt durch den WM-Hit „Magic in the Air“ (2014) – sitzt in einem Zelt. Die Klimaanlage surrt. Zwischen Empfängen und Begrüßungsreden gibt der Star Interviews. In A’Salfos Lächeln blitzt Zuversicht auf.
Denn das von ihm ins Leben gerufene Festival des Musiques Urbaines d’Anoumabo (Femua) findet tatsächlich wieder statt, zum 18. Mal in einem Slum von Abidjan. Dabei steht die ganze Stadt für eine Woche im Zeichen von Kultur, Gesellschaftspolitik, Diplomatie und zugleich auch Party. Die Veranstaltungen sind kostenlos und offen für alle.
Angefangen hat es 2008 als kleines Festival für Zouglou-Musik in Anoumabo – einem von der ivorischen Metropole Abidjan geschluckten Slum. Zouglou entstand in den Neunzigern aus der Frustration ivorischer Studierender. Es war rebellische Musik, die Missstände anprangerte und soziale Forderungen stellte. Heute gehört Zouglou zur ivorischen Popmusik, und das Femua holt die großen Stars Westafrikas auf die Bühne. Neben Zouglou sind House, Afropop, Reggae, Rap und auch Coupé-décalé zu hören – eine ivorische Musikrichtung, die in der Pariser Diaspora entstand und in ihrer hedonistischen Art das Gegenteil von Zouglou darstellt.
Laut A’Salfo sei es ein „Wunder für Afrika“, dass sich das Festival seit fast 20 Jahren hält. Zugleich träumt er aber auch von einem kontinentweiten Femua. Währenddessen erklingen draußen schon tagsüber die virtuosen Rhythmen westafrikanischer Musik. Kinder und Jugendliche rennen auf dem Gelände umher, spielen Fußball und Dame auf Holzbrettern.
Neben den Gaststars am Wochenende gehört seit Jahren auch ein gesellschaftspolitisches Thema zum Programm. Dieses Jahr geht es um „Künstliche Intelligenz – Gefahr oder Chance für Afrika?“
Darüber sollen junge Menschen in den Hallen des ivorischen Instituts für Jugend und Sport diskutieren, während an den Decken nur gefühlt jeder dritte Ventilator die schwüle Luft umherwirbelt. Es gibt Workshops und Panels mit KI-Experten, die Minister für Jugendförderung und für Digitalisierung sind auch dabei. Digitalisiert ist in dem Land zwar noch kaum etwas, kritisch sind die jungen Zuhörer:innen dafür umso mehr. Es geht um die Frage nach Autorenrechten, um Deepfakes und um die Gefahr, ob die Frage schon bald nicht mehr ist: Finde ich eine Arbeit, sondern: Wird es meine Arbeit dank KI überhaupt noch geben?
Die politische Riege hingegen inszeniert sich optimistisch und technologieoffen. Sie vergleicht die KI mit der Entdeckung von Elektrizität. In einem sind sich alle einig: Die afrikanische Jugend muss im Umgang mit KI geschult werden. Wie genau, wird nicht erläutert. Jedenfalls wird Magic System auch diesmal im Rahmen des Festivals eine Schule im Viertel Anoumabo bauen. Finanziert wird Femua durch TV-Übertragungsrechte, öffentliche Gelder und Sponsoren. Besonders präsent ist inzwischen eine Plattform für Sportwetten. A’Salfo sieht das unkritisch, Hauptsache, Geld wird in die Kasse gespült, um in die Jugend zu investieren.
Ohnehin setzen hier alle Gesprächspartner große Hoffnungen auf die Jugend. Schließlich sind die Ivorer im Durchschnitt ungefähr so alt wie das Festival selbst: 18,5 Jahre. Energie ist überall zu spüren, ein Gefühl von Aufbruch liegt in der Luft. Aber auch das Thema Migration. „Unsere Aufgabe ist es, jungen Menschen zu sagen: Wenn Afrika eine Chance hat, sich weiterzuentwickeln, dann, weil seine Bevölkerung sehr jung ist. Afrika muss seinen Reichtum, nämlich seine Jugend, halten“, erklärt A’Salfo.
Ob dafür KI die ausschlaggebende Kraft sein kann, ist durchaus fraglich. In der ganzen Stadt stinkt es nach Abwasser, die Ébrié-Lagune, die die Stadtbezirke der Millionenmetropole Abidjan voneinander trennt, ist voller Plastikmüll. Es droht der Kollaps. Immerhin finden sich auf dem Festivalgelände Mülleimer, doch wo der Müll danach landet, ist unklar.
Wenn eines neben Musik an der Côte d’Ivoire nicht fehlen darf, dann ist es Fußball. Am Samstag spielen unter großer Anteilnahme der Fans ehemalige Profis von Côte d’Ivoire gegen Gabun, das diesjährige Gastland des Festivals – auch Gabuns Kulturminister und A’Salfo höchstpersönlich stehen mit auf dem Feld. Les Elefants contre Les Panthères, also. Die Spieler Gabuns werden extra mit der Präsidentenmaschine eingeflogen, am Ende gewinnen sie knapp mit 2:1.
Später am Abend, als die Sonne untergegangen ist, die drückende Schwüle aber bleibt, erklingt Rap. Bei l’Oiseau Rare aus Gabun ist das Publikum schon aufgeheizt. Beim französischen Rapstar Black M schmuggelt sich eine Verehrerin auf die Bühne, umklammert ihren Star und muss von Securitys losgerissen werden. Es ist dann auch gar nicht komisch, als das Publikum begeistert „Je suis français“ mitrappt. Schließlich geht es bei Black M um alles andere als um Kolonisierung. „Ich bin schwarz, ich bin nordafrikanisch, ich bin asiatisch, ich bin weiß. Ich bin ein Mensch wie du“, singt er.
Bevor der heiß erwartete ivorische Rap-Superstar Didi B auftritt, gönnen wir uns eine Pause und trinken auf einem Steg an der Lagune ein Bier. Dort sitzt eine junge Kellnerin vor einem kleinen Fernseher, in dem live das Festival läuft. Beseelt singt sie die Songtexte der ivorischen Sängerin Roselyne Layo über Liebe und Spiritualität mit, die etwas zeitverzögert übertragen werden – dann schaut sie uns an und sagt: „Sie spricht nicht die Wahrheit“, bevor sie lächelnd weitersingt.
Schon in der Nacht zuvor hatte sich die Hauptbühne mit Musiker-Combos gefüllt. Da spielten die einheimischen Kedjevara und der senegalesische Star und ehemalige Minister Youssou N’Dour, der, inzwischen 66, so dynamisch tanzt, dass es fast etwas von Aerobic hat. Fatoumata Diawara aus Mali führt im traditionellen Kostüm mit ihrer E-Gitarre eine krasse Bühnenshow auf.
Es folgt die Zouglou-Gruppe Les Garagistes, die schon beim allerersten Femua auftrat. Und dann kommt Meiway, eine ivorische Musiklegende, mit seiner ganzen Crew an Musikern und Tänzern. Papiertaschentücher in den Händen schwenkend, führen sie eine Choreografie auf, die alle kennen. Und somit eskaliert im „Maquis“, einem Getränkeausschank unter freien Himmel, neben dem Konzertgelände die Feier komplett.
Die Anlage trägt Meiways Gesang bis hierher. Ivorer drücken uns kühle Bierflaschen und Taschentücher in die Hände, halten die Plastikstühle, auf denen sie eben noch saßen, über den Kopf und tanzen. Ein Typ mit einem T-Shirt und der Aufschrift „Le Shabbat de Zouglou“ trommelt zum Rhythmus des Konzerts mit eigener Perkussion.
Die tropische Hitze lässt auch nachts die Kleidung am Körper kleben, die eindringlichen repetitiven Rhythmen, die dazu schwitzenden Körper tausender junger Menschen – alles zerfließt. Ihre Begeisterung nimmt einen mit. Zwischen Chaos und Anarchie fühlt es sich an wie ein Fiebertraum. Wer weiß, ob das hier das neue El Dorado ist? „Wir können darüber schreiben, aber man wird uns nicht glauben“, sagt der Journalist neben mir. So ist es wohl.
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