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Freie und Open-Source-Initiativen statt proprietärer Digitaltechnologie

Die Entwicklung einer prosperierenden Digitalwirtschaft sollte statt die Monopole besser die Menschenrechte, den Fortschritt und die soziale Gerechtigkeit fördern

Von Lucas Lasota

Die Entwicklungsmodelle digitaler Werkzeuge beeinflussen die Kontrolle und Eigentumsrechte über sie. In der Soft- und Hardwareentwicklung dominieren zwei Modelle: Während das „freie und quelloffene“ Modell jedem die Freiheit gibt, Technologie zu nutzen und zu verbessern, verweigert das „proprietäre“ Modell diese Freiheiten. Es behält das Eigentum an der Technologie und schafft Engpässe, an denen Inhalte und Daten nur von demjenigen bestimmt werden, der die Kontrolle hat – sei es eine private Firma oder eine Regierung.

Ein warnendes Beispiel ist X (früher Twitter). Diese Social-Media-Plattform war für Journalisten und Aktivisten wichtig für Nachrichten, Trends und Kontakte zu Politikern, Wissenschaftlern und Prominenten. 2022 wurde die Plattform von einem mit der extremen Rechten verbundenen Milliardär übernommen, der die Moderation von Inhalten stark änderte. Das führte zur Verbreitung von Fake News, Hass und Onlinegewalt. Bei der Integration des KI-basierten Chatbots Grok wurden Algorithmen so konfiguriert, dass sie rechtsgerichtete Inhalte generieren. Die Infrastrukturentwicklung entfernte sich von freien und Open-Source-Elementen.

Viele Journalisten, Akademiker und Aktivisten verließen die für die Meinungsfreiheit wichtige Plattform, begleitet von neuen Debatten über die Kontrolle von Technologie. Können mit der Entwicklung einer prosperierenden Digitalwirtschaft auch Menschenrechte, Fortschritt und soziale Gerechtigkeit gefördert werden? Während große Internetplattformen eine beispiellose globale Vernetzung geschaffen haben, hat die große Dynamik der Digitalwirtschaft, die eine sich ständig konzentrierende Macht von Oligopolen und hohe Datenabhängigkeit ausmacht, starke soziale Auswirkungen: Die umfassende Privatisierung digitaler Technologie verhindert demokratische Steuerung und zementiert strukturelle soziale und wirtschaftliche Benachteiligung.

Digitale Monopole sind schädlich für ein offenes und demokratisches Internet. Die Haltung „Move fast and break things“, gepaart mit der wirtschaftlichen Deregulierung der letzten 30 Jahre, gab Technologiekonzernen die Kontrolle über digitale Ökosysteme wie Soft- und Hardware, Daten und Netzwerke. Heute kontrollieren nur fünf Konzerne (Google, Amazon, Apple, Microsoft und Meta) die wichtigsten Engpässe der globalen Digitalwirtschaft.

Die Kritik an den Machtverhältnissen über die kritische digitale Infrastruktur sollte einhergehen mit Forderungen nach einer grundsätzlich neuen Art, wie Wohlstand im Digitalzeitalter erzeugt und besessen wird. Freie und Open-Source-Initiativen, die sichere datenschutzfördernde Anwendungen, Tools und Plattformen entwickeln, sind eine Alternative zu proprietärer Technologie. Sie sind die Basis für Technologien, die kollektiven Formen nachhaltigen und dezentralen Eigentums den Vorrang geben.

So werden freie und quelloffene Social-Media-Plattformen wie Mastodon auf Basis dauerhaft offener Protokolle entwickelt. Diese sind interoperabel und verhindern eine zentralisierte Übernahme durch Regierungen oder Unternehmen wie bei Twitter. Für Medienschaffende bedeutet dies mehr Freiheit und Unabhängigkeit bei Erstellung und Weitergabe von Inhalten. Freie und quelloffene Initiativen wie das Guardian Project stellen Tools für die sichere Kommunikation, anonymes Surfen und Mediensicherheit für Medienschaffende in Hochrisikoregionen weltweit bereit.

Das hilft Menschen, sicher und vertraulich zu kommunizieren und sich zu organisieren. Dabei ist ihre Identität geschützt und es können digitale Beschränkungen von autoritären Regimen oder Konzernen umgangen werden. Beispiele hierfür sind das Tor-Netzwerk, das Nutzern das anonyme Surfen im Internet ermöglicht, sowie verschlüsselte Messaging-Apps auf Basis dezentraler XMPP-Netzwerke.

Demokratischere und egalitäre Formen der Technologieentwicklung stärken die Pressefreiheit, indem sie ein offenes und neutrales Internet festigen.

Lucas Lasota forscht an der Universität Halle-Wittenberg zur Regulierung digitaler Technologien.

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