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Trauma zerstört Chronologie

Im Spielfilm „The Chronology of Water“ von Kristen Stewart ist das Erinnern eine körperliche Erfahrung. Das Regiedebüt des Schauspielstars lässt eintauchen in einen Strudel aus Empfindungen

Schauspielerin Imogen Poots bildet das Zentrum von „The Chrono­logy of Water“ Foto: eksystent

Von Thomas Abeltshauser

Blut läuft in dünnen Rinnsalen über weiße Fliesen und sammelt sich am Rand eines Abflusses. Ein Mädchen kniet in der Dusche. Ihr Körper zittert, ein Stakkato grobkörniger Super-8-Bilder, während eine weibliche Stimme aus dem Off flüstert: „Memories are like stories.“

Es ist ein Anfang, der sich einprägt, und in dem bereits angelegt ist, worum es im Regiedebüt der US-amerikanischen Schauspielerin Kristen Stewart geht: „The Chronology of Water“ versteht Erinnerung als körperliche Erfahrung, als etwas, das nicht chronologisch abläuft, sondern in Schlaglichtern zurückkehrt – als Schmerz, als Bild, als Geräusch. Und nicht immer ist der Erinnerung zu trauen.

Der Film basiert auf Lidia Yuknavitchs gleichnamigem Memoir von 2011 (Deutsch 2024, „In Wasser geschrieben“) und folgt der Protagonistin (Imogen Poots) von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Lidia wächst in einem Haus auf, in dem Gewalt zum Alltag gehört. Der Vater missbraucht sie und ihre ältere Schwester, die Mutter versinkt im Alkohol und im Wegsehen. Für Lidia wird das Wasser zur Zuflucht. Als talentierte Schwimmerin erkämpft sie sich ein Stipendium, eine Möglichkeit zur Flucht. Doch das Trauma lässt sie nicht los. In der Freiheit des Collegelebens verliert sie sich in Drogen und destruktiven Beziehungen. Ihre Karriere zerfällt, ihr Leben driftet auseinander. Über das Schreiben findet sie Sprache und Ventil für das, was ihr widerfahren ist. Eine Möglichkeit, sich neu zu formen.

Stewart erzählt dies nicht in linearer Entwicklung, sondern fragmentarisch. Erinnerungen brechen in die Gegenwart ein, Szenen enden abrupt. Die Kamera klebt an Gesichtern, Haut, Details. Ein zuckendes Augenlid, ein Blutstropfen, eine Hand im Wasser. Es gibt kaum etablierende Einstellungen, kaum Orien­tie­rung. Es entsteht ein Strom aus Eindrücken, der den Zustand der Protagonistin spürbar macht. Stewart will nicht erklären, sie will eintauchen lassen in diesen Strudel aus Empfindungen.

Diese Strategie besitzt eine zwingende Logik. Trauma zerstört Chronologie, es zerschlägt das Gefühl von Vorher und Nachher. Der Film übersetzt diese Erfahrung in eine Form, die sich einer klassischen Dramaturgie und Erzählung verweigert, in ein Kino der Zustände. Lidia erscheint nicht als eine Figur mit klaren Zielen, sondern als Körper, der reagiert, sich betäubt, verletzt und erinnert.

The Chronology of Water ist ein Film, der sich jeder Bequemlichkeit entzieht

In dieser Radikalität liegt die Ambivalenz des Films. Stewart vertraut so sehr auf die Kraft einzelner Bilder, dass sie die Entwicklung ihrer Figur aus den Augen verliert. Szenen wirken wie Splitter, die keinen festen Zusammenhang bilden. Als Zuschauer bleibt man oft auf Distanz, weniger aus Gleichgültigkeit, denn aus Orientierungslosigkeit. Man versteht, dass Lidia leidet, aber wie sich dieses Leiden verändert, wird kaum ersichtlich.

Der Film verstärkt diesen Eindruck durch den exzessiven Einsatz von Voiceover. Immer wieder kommentiert Lidia ihr Leben in poe­ti­schen, oft vernuschelt-gehauchten Sätzen, die mehr beschwören als erklären. Diese Sprache besitzt eine eigene Schönheit, doch sie ersetzt häufig die konkrete Begegnung zwischen Figuren. Gespräche bleiben Andeutungen, Beziehungen erscheinen skizzenhaft. Selbst zentrale Ereignisse entfalten ihre Wirkung nur begrenzt, weil der Film sie kaum ausspielt.

Gleichzeitig gibt es Momente von großer Klarheit. Wenn Lidia in einem Schreibseminar dem Schriftsteller Ken Kesey begegnet, öffnet sich der Film für kurze Zeit. Jim Belushi spielt ihn als abgeklärten Mentor, der Lidias Talent erkennt, ohne sie zu bevormunden. In diesen Szenen entsteht etwas, das dem Film sonst fehlt: Gegenwart. Hier existieren Menschen nicht als Erinnerungsfragmente, sondern als Körper im Raum, die aufeinander reagieren.

Es sind dann eher solche Momente, die zeigen, was Stewart als Regisseurin kann. Die 35-jährige Schauspielerin, die mit den „Twilight“-Filmen zum Star wurde und sich seitdem sehr dezidiert von Erwartungen freispielt, ob in europäischen Arthouse-Filmen wie Olivier As­sa­yas’„Personal Shopper“ oder zuletzt der blutigen Revenge-Satire „Love Lies Bleeding“, besitzt ein außergewöhnliches Gespür für physische Präsenz. Ihre Kamera betrachtet Körper mit einer Intensität, die zugleich zärtlich und schonungslos ist. Schmerz, Lust, Scham und Befreiung existieren als körperliche Zustände, nicht als abstrakte Themen.

Das Zentrum dieses Films bleibt jedoch Imogen Poots, die mit ihrer Präsenz das Gewicht dieser fragmentierten Struktur trägt. Sie spielt Lidia weder als Opfer noch als Heldin, sondern als widersprüchlichen, komplexen Menschen. Ihre Mimik erzählt von Müdigkeit, Wut und Sehnsucht zugleich. Selbst in den Momenten, in denen der Film seine Figur abhandenkommt, bleibt ihre Gegenwart spürbar.

„The Chronology of Water“ ist so ein Film, der sich jeder Bequemlichkeit entzieht. Er fordert Aufmerksamkeit und Geduld, ohne immer eine klare Belohnung zu bieten. Seine kompromisslos-intensive Subjektivität wirkt manchmal wie ein Schutzschild, das Nähe verhindert. Das Debüt des Hollywoodstars, uraufgeführt beim Festival in Cannes, ist kein gefälliger Einstieg, sondern ein riskanter Versuch, eine literarische Innenwelt in Kino zu übersetzen. Stewart zeigt den Mut, eine persönliche Vision gegen narrative Konventionen zu verteidigen. Ihr Film wirkt unfertig, überladen und gelegentlich auch selbstverliebt. Doch er besitzt eine Dringlichkeit, die sich nicht ignorieren lässt.

„The Chronology of Water“. Regie: Kristen Stewart. Mit Imogen Poots, Thora Birch u. a. USA/Frankreich/Lettland 2025, 128 Min. Ab 5. 3. im Kino

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