: „Quiz hilft, diese Welt etwas besser zu verstehen“
Harrison Whitaker schrieb Geschichte als Kandidat in den schwersten Quizshows der USA und Englands. Ein Gespräch über seine Motivation, perfekte Fragen und eines seiner Fachgebiete: Filme
Interview Valérie Catil
taz: Herr Whitaker, Vergangenen Monat gewannen Sie mehrere Hunderttausend Dollar bei „Jeopardy!“. Gehen Sie trotzdem noch in Manchester zum Pubquiz?
Harrison Whitaker: Ja. Ich habe zwar noch kein Stammquiz gefunden, ich probiere verschieden aus. Das macht Spaß und hält einen ein bisschen in Übung.
taz: Als Training für Quizze wie „Jeopardy!“ reicht das wohl eher nicht. Wie bereiten Sie sich vor?
Whitaker: Es gibt zwei Arten der Vorbereitung. Einerseits gibt es jene, die man ständig betreibt, etwa wenn ein Wettbewerb noch weit in der Zukunft liegt. Das bedeutet: viele Sachbücher, lange journalistische Texte lesen und Notizen machen. Später kommt dann die akute Phase, wenn das Quiz kurz bevorsteht. Bei „Jeopardy!“ begann das etwa zwei Monate vor den Aufzeichnungen. Ich habe „Jeopardy!“ dafür in doppelter Geschwindigkeit angeschaut, um möglichst viele Folgen zu sehen. Dadurch bekommt man ein Gefühl für den Stil der Fragenautor*innen und ihre Themen. Dazu kommt extrem gründliches Mitschreiben. Jede Quizshow ist ein eigenes Medium, auf das man sich gezielt einstellen muss.
taz: Was ist aus Ihrer Sicht Pflichtwissen für Menschen, die erfolgreich quizzen wollen?
Whitaker: Das Fundament jedes Quizspielers muss Geografie sein. Man kann und sollte seine Spezialgebiete haben, aber man muss die Hauptstädte der Welt kennen, Gebirge, solche Dinge. Manche sagen, man müsse Flaggen kennen – ich kenne kaum welche. Und ich habe es trotzdem irgendwie bis hierher geschafft.
taz: Ich habe eine Quizfrage an Sie: Welcher römische Satiriker sagte: „Bedeutet Wissen für dich nichts, wenn niemand weiß, dass du es weißt“?
Whitaker: Das wirft eine sehr spannende philosophische Frage über Quiz auf. Aber sagen Sie mir erst die Quelle.
taz: Persius. Vielleicht ist die Info ja eines Tages nützlich. Stimmen Sie ihm zu? Ist Quizzen Ausdruck von Narzissmus?
Whitaker: Ich fühle mich zu Quiz und Trivia hingezogen, weil es für mich ein Einstieg ist. Ich weiß zum Beispiel fast nichts über Chemie, habe aber viele Quizfragen über Chemie geschrieben. Das bedeutet: Wenn ich irgendwann eine Facharbeit darüber lesen sollte, habe ich eine Art Gerüst, in das ich neues Wissen einordnen kann. Der Reiz von Quiz liegt darin, diese unglaublich komplexe Welt etwas besser zu verstehen und sich darin etwas sicherer zu fühlen. Was den narzisstischen Aspekt angeht: Für mich persönlich ist der Wettbewerbsaspekt ein großer Antrieb. Wenn kein Wettbewerb bevorsteht, lerne ich nicht. Ich ziehe viel daraus, jemandem gegenübergestellt zu werden. Dabei geht es mir nicht darum zu beweisen, dass ich klüger bin oder mehr weiß. Es geht darum, dazu gezwungen zu werden, an die Spitze der eigenen geistigen Leistungsfähigkeit zu gelangen.
taz: Sicherlich ist nicht jedes Wissen erstrebenswert. Lernen Sie manchmal Absurdes nur für ein Quiz?
Whitaker: Das habe ich früher an der Uni gemacht, als ich in Wettbewerben gegen andere Studierende gespielt habe. Danach lange nicht, bis ich mich wieder auf „Jeopardy!“ vorbereitet habe. „Jeopardy!“ ist eine US-amerikanische Show, aber ich habe seit vier oder fünf Jahren nicht mehr in den USA gelebt. Es gab Dinge, bei denen ich aufholen musste. Eines davon waren Automarken und -modelle. Das war unerträglich. Es interessiert mich überhaupt nicht, welche Modelle Toyota oder Chevrolet bauen. Ich saß da eines Tages und machte Listen und dachte: Was soll das alles?
taz: Gibt es eine Frage aus Ihrer letzten Runde bei „Jeopardy!“, über die Sie denken: „Das hätte ich wissen müssen“?
Whitaker: Definitiv. In der letzten Frage ging es um Briefmarken – wer liebt die nicht? Gefragt wurde nach dem Namen des Projekts, das auf einer Vier-Cent-Briefmarke von 1959 zusammen mit einem Adler und einem Ahornblatt abgebildet war. Ich wusste, dass es sich um ein großes Ingenieursprojekt zwischen den USA und Kanada handeln musste. Ich hatte sofort zwei Möglichkeiten im Kopf: den Sankt-Lorenz-Seeweg und die Ambassador Bridge. Ich habe letzteres gesagt. Das war falsch. Ich habe es einfach zerdacht. Dafür werde ich mich wohl immer ein bisschen fertig machen. Andererseits: Ich habe ziemlich gut abgeschnitten. Wie sauer kann ich da wirklich sein?
taz: Was macht eine gute Quizfrage wie die über die Briefmarke aus?
Whitaker: Eine gute Frage gibt einem immer gerade so viele Informationen, dass man dadurch an den richtigen Ort gelangt. Eine Frage wie, „Was ist die Hauptstadt des Libanon?“, die die Antwort direkt vorgibt, beantworten zu können, ist nicht besonders befriedigend. Wenn man dagegen kleine Hinweise bekommt und sich das Ganze Schritt für Schritt entfaltet, dann fühlt es sich so an, als hätte man ein Puzzle zusammengesetzt, wenn man die Antwort weiß.
taz: Es geht also nur bedingt um Schwierigkeit?
Whitaker: Genau. Fragen zu schreiben, ist eine Kunst. Stellen Sie sich vor, Sie spielen ein Brettspiel. Es wäre nicht besonders unterhaltsam, wenn zu Beginn alle einmal würfeln und derjenige mit der höchsten Zahl sofort gewinnt, oder?
„Jeopardy!“
US-Quizshow, die seit 1964 werktäglich ausgestrahlt wird. Kandidat:innen, die einen Tag gewinnen, spielen am folgenden Tag weiter. Ende 2025 gewann Whitaker „Jeopardy!“ als jüngste Person in der Geschichte des Formats 14 Mal in Folge.
„University Challege“
Britische Quizshow, seit 1962, bei der Studierenden-Teams, die ihre Uni vertreten, gegeneinander spielen. Das Quiz gilt als das schwerste Englands. Whitakers Team aus Cambridge kam 2025 bis ins Halbfinale.
taz: Sie waren in einer Quizshow im Vereinigten Königreich und in einer in den USA. Wie unterscheiden sich diese Welten?
Whitaker: „Jeopardy!“ ist vermutlich das schwierigste Quizformat der USA. Aber England ist ein anderes Kaliber. Für „Jeopardy!“ kann man theoretisch jemand sein, der in der Schule aufgepasst hat und täglich Zeitung liest, und sehr gut abschneiden. Im UK gibt es dagegen eine bestimmte Kategorie von Quizshows, die sich speziell an Leute richtet, die mit Quizzen vertraut sind.
taz: Haben Sie eine Erklärung, warum sich das gerade im UK so entwickelt hat?
Whitaker: In England kann man in fast jedes Dorf gehen, in dem es einen Pub gibt, und dort ein Quiz finden. Das heißt, ein großer Teil der britischen Bevölkerung nimmt zumindest gelegentlich an einem Quiz teil. In England spricht man von „Quizkultur“. In Amerika würde man diesen Begriff nicht verwenden, dort sind Quizze nicht so verbreitet und wenn, dann nicht so anspruchsvoll.
taz: Gibt es eine Quizshow, an der Sie unbedingt teilnehmen wollen?
Whitaker: Die, die ich im UK und in den USA machen wollte, habe ich gemacht. Mein Blick geht jetzt nach Europa. Es gibt eine niederländische Sendung namens „De slimste mens“. Mein Lebenstraum ist es, dort teilzunehmen. Es ist zu 90 Prozent Unterhaltung, und manchmal weiß man kaum, wann die Fragen beginnen, weil es fast so wirkt, als sei das Quiz gar nicht der Hauptpunkt der Sendung.
taz: Sprechen Sie Niederländisch?
Whitaker: Ein bisschen. Aber es ist erstaunlich. Die Logik von Quizfragen überwindet seltsamerweise Sprachgrenzen. In etwa 40 Prozent der Fälle konnte ich verstehen, was gefragt war, selbst als ich noch kaum Niederländisch sprach. Das ist mein Ziel: Quizze in fremden Sprachen zu spielen.
taz: Sie haben einen Doktortitel in Filmwissenschaft. Ist das auch das Gebiet, bei dem Sie sich beim Quizzen am sichersten fühlen?
Whitaker: Leider funktioniert das nicht ganz so. Meine Promotion ging eher um Geschichte und Filmtheorie als darum, zum Beispiel jeden einzelnen John-Ford-Film zu sehen. Die Fragen, die man als Quizspieler bekommt, sind nicht dieselben, die man sich als Forscher stellt. Und dann gibt es da noch eine metaphysische Regel des Universums: Bei dem Thema, bei dem man sich am sichersten fühlt, bekommt man garantiert Fragen, die einem nicht liegen. Ich weiß nicht, welche höhere Macht das entscheidet, aber man kommt nicht darum herum.
taz: Wenn Sie heute zum Beispiel Filme schauen, sehen Sie diese dann mit dem Filter, ob darin Quizfragen stecken könnten?
Whitaker: Zum Glück nicht bei Filmen. Das würde mein Leben ruinieren. Aber wenn ich einen neuen Ort oder ein Museum besuche, halte ich immer Ausschau nach etwas Einmaligem, nach einer Information, die man nie erwarten würde. Ich war vor etwa einem Jahr in Delft und habe dort gelernt, dass Wilhelm von Oranien der erste Monarch war, der mit einer Handfeuerwaffe getötet wurde. Wenn ich so etwas erfahre und es mir nicht sofort notiere, kann ich den Rest des Tages an nichts anderes mehr denken.
taz: Warum gelingt Ihnen diese Trennung ausgerechnet bei Filmen?
Harrison Whitaker
27, Forscher aus Terre Haute, USA. Studierte Englisch in New York, bevor er in Cambridge in Filmgeschichte promovierte. Während seiner Zeit als Doktorand trat er in der Quizshow „University Challenge“ auf. Heute arbeitet er für die Show als Fragenautor. Er schreibt derzeit ein Buch über die Geschichte des menschlichen Verständnisses von Erinnerung.
Whitaker: Bei Quizfragen teilt man die Welt immer auf. Man nimmt eine konkrete Tatsache und lässt sie für etwas Größeres stehen. Dafür muss man Wissen stark in Schubladen packen. Beim Filmeschauen bin ich dagegen vollkommen im Erlebnis. Ich denke nicht isoliert an Kameraarbeit, Schauspiel oder Dialoge. Für mich ist es immer der ganze Film.
taz: Wahrscheinlich vor allem, wenn es ein guter Film ist.
Whitaker: Genau. Bei einem schlechten Film denke ich eher: Gibt es hier irgendetwas, das ich verwenden kann?
taz: Welche Quizshow würden Sie empfehlen?
Whitaker: Es gibt eine Radio-Quizshow namens „Kay Kyser’s Kollege of Musical Knowledge“, die ab den 1930er Jahren lief. Einige Folgen sind online verfügbar und faszinierend anzuhören, auch weil man sieht, wie wenig sich Quizformate in den letzten fast hundert Jahren verändert haben. Es zeigt, dass eine großartige Quizfrage für immer Freude bringt.
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