: Auf der Suche nach dem Biest
Wo ist der Wolpertinger? Pelli und Nimue jagen per Motorroller Schwert und mittelalterlichem Mythos hinterher. „Quest“ ist die originelle Neudeutung der Arthus-Sage – und ein schlichtweg zauberhafter Fantasy-Comic
Von Christoph Haas
Familientraditionen können etwas Schönes sein. Oft machen sie es den Nachgeborenen aber auch nicht einfach. So ergeht es jedenfalls Pellinor, kurz Pelli genannt. Seit Generationen haben sich seine Vorfahren auf eine „Quest“ gemacht: auf die Suche nach dem legendären „Biest“, einer Art riesigem Wolpertinger, der den Kopf und den Hals einer Schlange, den Rumpf eines Leoparden und die Beine eines Rehs besitzt. In nicht weniger als 1.000 Jahren ist es noch keinem der Ritter je gelungen, des „Biests“ habhaft zu werden. Woraus sich für Pelli allerdings die Verpflichtung ergibt, es nun erst recht zu versuchen, ob er darauf besonders Lust hat oder nicht.
Steigt der junge Mann, der nach Beendigung der Schule nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, also in eine schimmernde Rüstung und auf ein edles Ross? Nein, denn Pelli lebt weder im Mittelalter noch in einer fantastischen Parallelwelt, sondern im Nordfrankreich der Gegenwart.
Um zu Beginn seiner „Quest“ von Nimue, der Dame im See, ein magisches Schwert zu erhalten, reist er mit dem Bus an. Der See, am Rande eines Industriegebiets gelegen, stellt sich als zugemüllter Teich heraus, an dessen Rand die Fee in einem schäbigen Zelt haust. Ihre magischen Kräfte hat sie weitgehend verloren, und in ihrem Aussehen erinnert sie halb an eine Cosplayerin, halb an ein etwas verhuschtes Hippie-Girl.
Ihres Aufenthaltsorts seit Langem überdrüssig, besteht sie darauf, Pelli in seinem Abenteuer zu begleiten. Auf einer roten Vespa düsen die beiden durch die sommerlichen Lande, verfolgt zunächst von einem weiteren Ritter, der sich unbedingt in den Besitz von Pellinors Schwert bringen will, bald aber auch von Morgan, der bösen Fee aus dem Camelot-Mythos. Sie ist nicht nur zu einer skrupellosen Bauunternehmerin geworden, sondern will in unstillbarer Trauer um ihren von Arthus getöteten Sohn Mordred für immer alle Magie aus der Welt verbannen.
Name Nachname, Funktion
Wie T. H Whites mehrteiliger Roman „The Once and Future King“ (1938–1958) und der von Brian Bolland gezeichnete SF-Comic „Camelot 3000“ (1982) ist „Quest“ eine originelle Neudeutung der Arthussage, allerdings unter humoristischen Vorzeichen. Die Komik ergibt sich sowohl aus Pellis zumindest anfänglicher Überforderung als auch aus den Reaktionen Nimues auf die ihr bislang unbekannte moderne Welt. So begeistert sie sich schnell für Pommes, Pizza und Croissants, weiß aber nicht, dass sie die Vintageklamotten, die sie in einem Laden für sich entdeckt hat, auch bezahlen muss.
Ernste Untertöne lässt der Szenarist Frédéric Maupomé vor allem in ökologischer Hinsicht anklingen: Ein Teil des zweiten Bands spielt in einem Protestcamp, das sich gegen den Autobahnbau richtet, der von Morgans Firma betrieben wird.
So ist es sicherlich kein Zufall, dass in den Bildern Wauter Mannaerts das Grün eine Leitfarbe bildet. Seine Panels gestaltet der Zeichner recht ungewöhnlich. Ihre unregelmäßige Form erinnert an Glasscherben. Manchmal sprengen die Zeichnungen auch den Panelrand. Auf Doppelseiten, die actionreiche Momente zeigen, fehlen die Ränder ganz. „Quest“ ist ein schlichtweg zauberhafter Fantasy-Comic. Mit dem dritten Band, der noch nicht vorliegt, wird er dann abgeschlossen sein.
Der Verlag empfiehlt die Lektüre Kindern ab acht Jahren. Das ist früh angesetzt. Aber zu den Vorzügen von „Quest“ zählt, dass man sich von der Handlung fesseln und amüsieren lassen kann, ohne all ihre Bezüge zu kennen. Erwachsene, denen sie vertraut sind, haben ein doppeltes Vergnügen.
Frédéric Maupomé (Text)/Wauter Mannaert (Zeichnungen): „Quest: Band 1: Die Dame vom See“; „Band 2: Der Protest des Fischerkönigs“. Aus dem Französischen von Christiane Bartelsen. Reprodukt Verlag, Berlin 2025. Jeweils 120 Seiten zu 20 Euro
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