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Reiseroman von Helge TimmerbergMit dem Mercedes nach Marrakesch

Einmal per Auto bis nach Marrakesch: Helge Timmerberg erfüllt sich einen alten Traum, fährt los und erzählt in „Bon Voyage“ von einem grandiosen Trip.

Mit dem Mörser bis nach Marrakesch: Die Strecke fährt nur Helge Timmerberg Foto: Kai Peters/plainpicture

Berlin taz | Am Anfang sind Reisen Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Bis wir endlich losfahren, kehren die Träume wieder, darin manche Dinge und genug Gefühle. Für Journalist und Schriftsteller Helge Timmerberg ist das Ziel sein alter Traum – Marrakesch, jene Wüstenstadt, in der er Jahre gelebt hat und in der er einen Riad besaß, ein traditionelles Haus. Sein anderes Ding ist ein silberner Mercedes E 220 CDI Elegance, den er von seinem Vater erbte, und die Gefühle sind automatisch mit an Bord.

Bereits zehn Jahre ist der Vater tot und der Benz im Besitz und Gebrauch des Sohnes. Nichts ist hierzulande so verpönt und verkannt wie zu erben, dabei handelt es sich selten um unverdienten Reichtum, sondern meist um komplexe, emotionale Aufgaben.

„Bon Voyage“, waren die letzten Worte des Vaters, dem Sohn blieb viel Unausgesprochenes, eine Barschaft und die Karre. Das Bare verflüchtigte sich, der Benz nicht. Timmerberg hat sich vor allem beim Magazin Tempo als Pionier um den New Journalism verdient gemacht und dem Erleben des subjektiven Gonzo-Erzählers ein prägnantes Gesicht gegeben.

Ausgerechnet St. Gallen

Er beginnt seinen Bericht brillant: „Wer zu spät kommt, den bestraft die Straße.“ Es ist bereits später Nachmittag, da steht der fast Reisebereite noch in der Mercedes-­Niederlassung im schweizerischen St. Gallen. Er will einen zweiten Schlüssel, bis auf einen sind alle ver­loren, und er will den Stern zurück, aufrecht soll der stehen, auf dieser Reise. ­

Helge Timmerberg

Helge Timmerberg: „Bon Voyage – Mit Papas Benz bis nach Marokko“. Malik Verlag, München 2025, 234 Seiten, 22 Euro

Natürlich war er abgebrochen worden, auch im ­bedächtigen St. ­Gallen, das Timmerberg neben Wien inzwischen seinen Wohnsitz nennt. Der Stern ist günstig, 50 Franken, und geht sofort; Schlüssel-Nachmachen würde das Zehnfache kosten und dauern, muss also verzichtbar sein.

Reisen sind stets mit Zweifeln verbunden, deshalb ist der Aufbruch der wichtigste und vielleicht schwierigste Teil. Timmerberg aber reist seit Jahrzehnten, aus dieser Sicherheit schafft er das Los. Die aufgestellten Regeln, nur vier Stunden pro Tag hinterm Steuer, Ankunft bei Tageslicht, danach ein Spaziergang, werden wenig überraschend bereits am ersten Tag gebrochen.

Was sagte Konfuzius?

Der Weg sei das Ziel, soll Konfuzius gesagt haben, und gemeint ist, dass zu lernen unterwegs wichtiger sei als die ursprünglichen Träume vom Ziel. In unserer heutigen Welt einen Weg zurückzulegen ist aber auch deshalb so wichtig, weil er uns vor der ständigen Ablenkung bewahrt.

Auf dem Fahrrad zur Arbeit oder mit dem Auto quer durch Europa lassen sich unsere Empfindungen nicht mehr so leicht mit dem digitalen Heroin aus unseren Smartphones verkleistern, auf einmal fließen die Gedanken und Emotionen, deutlicher wird, was eigentlich ist.

Noch vor dem Brenner stellt Timmerberg in Bezug auf den Vater fest: „Die wenigen glücklichen Erinnerungen an mein Leben mit ihm spielten alle in Motorfahrzeugen.“ Da war er ein Kind gewesen, das seltsam zwischen den getrennt lebenden Eltern stand.

Innenansicht mit Vater

Er erzählt von der Wut des kriegsversehrten Vaters, seinem Talent, Geschichten zu erzählen, Menschen zu beeinflussen, und seiner Unfähigkeit, ehrlich gegenüber der Mutter zu sein. Seinen Sohn fand er wohl zu weich und „ich ihn zu hart“. Dabei bemerkt Timmerberg die Ähnlichkeiten, die ihm mit voranschreitendem Alter, er ist nun 73, deutlicher erscheinen. „Der innere Vater erwacht.“

Dennoch bleibt diese Geschichte in erster Linie in der Gegenwart, und die fordert, da ist der Reisende von Afrika noch weit entfernt. Es gibt Gegner von außen, die ihn überfallen, und es gibt interne Gegner, der alte Kampf mit dem Selbst. Stichwort Reisemüdigkeit, „sie ist die Berufskrankheit der Nomaden“.

Auch wenn es sich im Benz bewegt „wie auf dem Sofa beim Fernsehen“, gemütlich mit Automatik, zudem ist es ein Raucherauto. Richtig unterwegs ist der Autor, als er anfängt, anderen von seinem Traum zu erzählen, etwa der ihn an Sophia Loren erinnernden Bararbeiterin.

Nach Marrakesch, mit dem Mercedes, erzählt er, und merkt an ihrer Reaktion, „das ist ein Märchen“. Dabei erweist sich Helge Timmerberg, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten bald jedes Jahr ein Buch veröffentlicht hat und sich ein treues Publikum erschreiben konnte, als angenehmer Humanist. „Keine Freud ohne Leid, und umgekehrt“, stellt er fest, und formt aus seinen Zwiespälten schillernde Sätze: „All-ein oder eins mit allem“.

Im Lauf der Erzählung steigen Gäste auf den Beifahrersitz, Freunde, später ein Prinz. Irgendwann ist das anderthalb Tonnen schwere Sofa samt Passagieren in Marokko und erreicht die alten Riads von Marrakesch. Entsprechend den Prinzipien des Gonzo wird er dort aber nicht lange bleiben, sondern lieber noch etwas weiter erzählen, denn der Weg bleibt wertvoller als jedes Ziel. Am Ende sind gute Reisen gute Geschichten, die Lesern zu erzählen sind, die dann selbst auf gute Reisen gehen.

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1 Kommentar

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  • Klingt toll. Danke für die interessante Rezension eines noch interessanteren Buches!