Kabarettist Alfons über Demokratie: „Für Diktatur gibt es keine Schnupperstunde“
Emmanuel Peterfalvi ist Alfons. Aber statt Leute zu befragen, erzählt er, wie er deutscherer wurde. Und von seiner Oma, die Auschwitz überlebt hat.

taz: Herr Peterfalvi, hatten Sie mal Probleme mit Ihrem Nachnamen?
Emmanuel Peterfalvi: Nur in Deutschland. Da hatte ich immer Mühe, den Leuten klar zu machen, dass es wirklich mein Nachname ist, ich also nicht Peter Falvi heiße, sondern wirklich Peterfalvi. Deswegen habe ich es irgendwann ganz gelassen und mich Alfons genannt.
taz: Dann bleiben wir wohl am besten auch dabei. Wie sind Sie denn nach Deutschland geraten?
Alfons: Das war eher ein Zufall. In Frankreich gab es die Möglichkeit, statt Militärdienst für eine französische Firma im Ausland zu arbeiten. Damals hatte ich bei Canal+ gejobbt, dem Pay-TV-Sender von Frankreich. Und die haben mir gesagt: Wenn du magst, wir haben viele Tochterfirmen im Ausland. Und ich, ja, super, gehe ich also nach Spanien oder in die Karibik. Und die so: Nee, nicht Karibik. Deutschland.
taz: Och.
Alfons: Na ja, lieber 16 Monate Deutschland als 16 Monate Kaserne mit Panzer und Atombombe. Deshalb war ich statt beim Militär bei Premiere, und mittlerweile sind aus 16 Monaten bislang 34 Jahre geworden.
„Alfons – jetzt noch deutscherer“: Di, 1. 4., 20 Uhr, Alma Hoppes Lustspielhaus, Hamburg; Do, 3. 4., 20 Uhr, Kulturetage, Oldenburg; Fr, 4. 4., 20 Uhr, Bürgerhaus Vegesack, Bremen
Weitere Stationen und Termine bis 2026 auf alfons-fragt.de
taz: Was hat denn Ihre Familie dazu gesagt?
Alfons: Merkwürdig fanden das eher meine Freunde. Die konnten nicht glauben, dass ich das freiwillig mache. Meine Familie hat das eher hingenommen.
taz: Und das, obwohl Ihre Eltern Kinder von Holocaust-Überlebenden waren?
Alfons: Darum genau geht es in meinem Stück „Alfons – jetzt noch deutscherer“: Ich werde vor die Entscheidung gestellt, ob ich mich in Deutschland einbürgern lassen will – und frage mich, was hätte meine Großmutter dazu gesagt, die Auschwitz überlebt hat?
taz: Bloß war sie seinerzeit schon gestorben?
Alfons: Ja.
taz: Also verhandelt das Stück eine Frage, die sie nie in Wirklichkeit hatte beantworten können?
Alfons: Nein, sie hat sie beantwortet, und zwar mit Ja. Aber das wird man erst verstehen, wenn man das Stück sieht.
taz: Können Sie ein bisschen mehr verraten …?
Alfons: Na ja, meine Großmutter war nicht nur eine tolle Frau, sondern sie hatte auch die Begabung, die Deutschen nicht zu hassen. Was ich als Kind nicht verstanden habe. Ich habe sie immer gefragt: „Wie kann das sein? Es ist eigentlich nicht normal nach dem, was du erlebt hast. Es wäre normal, dass du die Deutschen hasst.“ Und sie hat mir immer gesagt: „Nein, ich hasse nicht die Deutschen. Jetzt bist du noch nicht so weit. Aber eines Tages werde ich dir das erklären. Das verspreche ich dir.“
taz: Aber …?
Alfons: Sie ist gestorben, anscheinend ohne das erklärt zu haben, was für mich wirklich seltsam war: Wenn sie gesagt hat „Ich verspreche das“, dann war das nämlich nie einfach so daher gesagt. Das war etwas Großes. Sie hat immer alles eingehalten, was sie versprochen hat. Viele Jahre nach ihrem Tod hat sich gezeigt, dass sie auch dieses Versprechen eingehalten hat. Ich habe etwas gefunden, was sie bewusst so versteckt hatte, dass ihr klar war, ich würde es erst Jahre später finden.
taz: … und Sie sind dann am Ende nicht nur deutsch, sondern deutscher als deutsch?
Alfons: Deutscherer. Ich war schon ziemlich eingedeutscht, bin aber noch deutscherer geworden.
taz: Hat dieser falsche Komparativ eine besondere Bedeutung?
Alfons: Da kann sich jeder ein Bild machen. Es ist ein Fehler, aber ein netter Fehler.
taz: Ein Alfons-Fehler: Warum ist es wichtig, dass die Figur so hilflos sein muss?
Alfons: Ich weiß nicht, ob Alfons als Figur hilflos ist. Ich glaube noch nicht einmal, dass er überhaupt eine Figur ist: Das bin ich selbst.
taz: Wenn Sie mit Puschelmikro in der Fußgängerzone mit starkem Akzent mühselig von Zetteln Fragen abgelesen haben, die sie scheinbar nicht verstehen – das soll nicht hilflos wirken?
Alfons: Es war aber nicht gespielt: Es war einfach so, dass ich teilweise gar nicht weiter wusste. Dann haben die Leute das Ruder übernommen, mich manchmal regelrecht beschimpft. Das ist aber keine Maske, um die eigenen Macken zu verstecken. Was ich gemacht habe, war: Ich habe meine Fehler offen gelegt und eher noch vergrößert. Und das hat dazu geführt, dass die Leute eben auch nicht versucht haben, besonders intelligent und kritisch zu wirken. Das ist ja, was sonst eben passiert, wenn man mit der Kamera kommt. Das sieht man jeden Tag in jeder Sendung – und es ist furchtbar langweilig.
taz: Sie wollten sie unverstellt?
Alfons: Ja: Ich habe mich immer gefragt: Also die Leute reden einfach anders, im Fernsehen, als wenn ich auf dem Wochenmarkt bin oder an der Wurstbude, aber genau das möchte ich filmen. Wie mache ich das? Und dann habe ich rumprobiert und mit Puschelmikrofon und Trainingsjacke hat es funktioniert. Aber diese Naivität, die ist nicht nur gespielt. Die habe ich in mir. Ich habe die Fragen gestellt, weil ich neugierig auf die Antworten war. Irgendwann hatte ich diese Neugier nicht mehr und habe das nicht mehr machen wollen, sondern mich entschieden, wie jetzt eben Geschichten zu erzählen.
taz: Ihre Geschichte.
Alfons: Ja. Aber durch diese Umfragen habe ich Menschen gefunden, die sich geöffnet haben. Die haben teilweise Furchtbares gesagt. Aber allein dafür, dass sie sich geöffnet haben, habe ich sie gemocht.
taz: Gemocht?!
Alfons: Ja. Weil ich das Gefühl hatte, die erlauben uns zu sehen, wie ein Mensch ist oder denkt. Und am Ende sind wir alle Menschen. Wir haben alle Scheißteile in uns drin.
taz: Sie gehen mit Ihrem Deutscherer-Programm auch an Schulen …
Alfons: Fast: Es gibt ein Schulprojekt rund um „Jetzt noch deutscherer“. Wir versuchen Klassen den Besuch des Stücks zu ermöglichen, und danach komme ich an die Schule und spreche mit den Jugendlichen – aber nicht über das Stück. Wir sprechen da über Demokratie. Ich versuche, aus Ihnen herauszukitzeln, was sie an Demokratie schätzen – ob sie die Demokratie überhaupt schätzen. Und dann versuche ich ihnen klarzumachen, dass es kein Spiel ist. Wenn man sich mal kurz eine Diktatur wünscht, dann geht die nicht von selber wieder weg: Für Diktatur gibt es keine Schnupperstunde.
taz: Und warum eignet sich die Figur Alfons besonders dafür, darüber zu sprechen?
Alfons: Das bin ich. Ich trenne das nicht. Das ist keine Figur, und sie ist auch nicht besonders geeignet für irgendetwas. Das ist keine Strategie, es ist auch keine Rolle: Ich bin Alfons, die kennen mich als Alfons, sie sprechen mich auch an als Alfons, und ich möchte mit ihnen darüber reden, weil es mir wichtig ist. Und weil ich daran glaube.
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