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Früher, als wir denken

In Auseinandersetzung mit den Waldbränden in Kalifornien und Gustav Mahlers Zyklus „Das Lied von der Erde“: „Song of the Earth“, das neue Album der US-Band Dirty Projectors, befasst sich mit der Klimakrise

Von Johanna Schmidt

Begriffe, um unsere gegenwärtige Zeit in Worte zu fassen, gibt es viele. Termini wie Anthropozän, Spätkapitalismus oder Informationszeitalter, analytische oder diskursive Konzepte wie das des Postfaktischen. Welches davon sich schlussendlich durchsetzen wird, das entscheidet sich wohl erst in der Zukunft. Gut möglich, dass man dann noch einmal eine andere Richtung einschlagen und unsere Gegenwart auch in ihrer begrifflichen Beschreibung auf die der Klimakrise herunterbrechen wird. Vielleicht noch eingeteilt in eine Vorher-Phase, in der die weltweite Ka­tas­trophe noch hätte verhindert werden können, und in eine danach.

Vorausgesetzt, dass zu der Zeit, zu der das begriffliche Urteil fällt, nicht bereits alles an kulturellen Errungenschaften, an Musik, Kunst und Büchern in Flammen aufgegangen ist, wird man sich im Speziellen jene Erzeugnisse ansehen, in denen schon lange, bevor alles unaufhaltsam wurde, vor den Folgen des Klimawandels gewarnt worden ist. Die zentrale Frage wird dann wohl lauten: „Was zur Hölle haben die damals eigentlich damit gemacht? Gelesen wahrscheinlich nicht.“ Und dann müsste man erklären, dass die Bedrohung durch die Klimakrise in ihrer Allgegenwart zu einem Normalzustand wurde. Eine dunkle Gewitterwolke, die sich partiell entlädt und mit der man sich so arrangiert hat.

Das Ausmaß dessen, was da kommen könnte, wird einem wohl nur bewusst, wenn man selbst davon betroffen ist. So erging es dem Dirty-Projectors-Mastermind und Sänger David Longstreth. Wegen der Waldbrände im Jahr 2020 in Kalifornien verließen er und seine damals schwangere Frau ihren Wohnort in Los Angeles. Ein Katastrophenereignis, das Spuren bei ihm hinterlassen hat. Nun, fünf Jahre und einige Feuersbrünste später, erscheint mit „Song of the Earth“ ein neues Album der Dirty Projectors. Wenige Monate nachdem in Kalifornien durch Waldbrände abermals eine Fläche von mehr als 150 Quadratkilometern und mehr als 10.000 Häuser zerstört wurden.

„Looking at my garden through a window / Looking at my garden through a window / I awoke to smoke / And I choked / A little“, heißt es im dritten Song dieses Albums. Mehr als wahrscheinlich, dass der Komponist sich hier auf die Erfahrung der Brände vor seiner Haustür bezieht. „It is worse, much worse, than you think / The slowness of global warming is a fairy-tale“, lauten die ersten Zeilen des Songs „Uninhabitable Earth, Paragraph One“.

Longstreth zitiert hier aus dem Buch „The Uninhabitable Earth: Life After Warming“ des US-Journalisten David Wallace-Wells, erschienen 2019. Die Prämisse des Autors: Wie schlimm das Leben mit der Klimakatastrophe wird, können wir uns gar nicht vorstellen. Auch weil viel zu wenig darüber gesprochen wird. Man könnte nun meinen, dass eine solch eindringliche Botschaft, übersetzt in Musik, mit einer gewissen Wut kommuniziert wird. Allerdings handelt es sich in der Vertonung um ein Werk von David Longstreth, und damit sind Erwartungen fehl am Platz. Die ersten Zeilen des Buchs werden im Song mit verfremdeter Stimme vorgetragen und klingen fast so, als hätte man sie von einer KI-Stimme einlesen lassen. Nach einer Weile setzt die Musik ein, langsam und zart, gefolgt von der Stimme von David Longstreth, die zu ihrer natürlichen Wärme zurückkehrt und die weiteren Zeilen so eindringlich und ruhig wiedergibt, dass sie einem auch nach dem Ende des Songs im Kopf bleiben.

Doch ist „Song of the Earth“ keine Ansammlung von Liedern zum nahenden Untergang der Menschheit. Betrachtet wird hier alles gleichzeitig. Natur, ihre Schönheit, der Mensch darin sowie Vergänglichkeit und Flüchtigkeit. Aber der Blick der Betrachtung wird gelenkt durch das, was drohen könnte. Eine Bestandsaufnahme, die eine Verlustliste werden könnte.

Über den Werken liegt die Vergänglichkeit, bei Mahler seine eigene, bei Longstreth die des Planeten

Dass im Titel des Albums bewusst von einem Song und nicht von mehreren die Rede ist – sind es doch eigentlich 24 an der Zahl –, liegt an dem Liederzyklus, auf den sich Longstreth zum einen im Titel, aber auch im Inhalt bezieht: Gustav Mahlers 1908 komponierter Zyklus „Das Lied von der Erde“, der aus sechs Teilen besteht. Der österreichische Künstler selbst nahm als Textgrundlage Gedichte aus dem Band „Die chinesische Flöte“ des Dichters Hans Bethge, die allerdings nur indirekt aus seiner Feder stammten. Vielmehr handelte es sich um Werke chinesischer Dichter, die später ins Französische und dann ins Deutsche übersetzt wurden und sich mit Vergänglichkeit, Jugend, Natur und Abschied auseinandersetzen. Themen, die auch Mahler in der Entstehungsphase von „Das Lied von der Erde“ beschäftigten. Die Uraufführung 1911 in München erlebte er selbst nicht mehr. Er starb wenige Monate zuvor.

110 Jahre später, im Jahr 2021 und damit mitten in der Coronapandemie, bringen David Longstreth und seine Dirty Projectors dann zum ersten Mal ihren von Mahler inspirierten „Song of the Earth in Crisis“ auf die Bühne. Nicht in München, sondern in der Elbphilharmonie in Hamburg. Das Konzert findet in enger Zusammenarbeit mit dem in Berlin ansässigen Orchesterkollektiv Stargaze statt, das auch an „Song of the Earth“ mitgewirkt hat. „Seit der Uraufführung von Gustav Mahlers ‚Lied von der Erde‘ hat sich unser Verhältnis zur Erde dramatisch verändert. Es schien also an der Zeit, diese Idee neu zu formulieren“, sagte Longstreth zur Uraufführung.

Umformulieren. Das beschreibt die Herangehensweise des US-Künstlers sehr akkurat. Denn Stimmung und auch Themen bleiben nah an der Inspirationsquelle. „Blue of Dreaming“ lautet der Titel von Song Nummer 23 auf „Song of the Earth“. „So let’s dream of / The green of forests / That’s the green of being / And the blue of oceans / Cause that’s the blue of dreaming“ sind die letzten Zeilen darin. Die Bewusstseins­ebene des Wachseins verlassen, um im Schlaf der Natur und ihren Farben nah zu sein. In der Komposition weniger pompös orchestriert als bei Mahler, schafft es Longstreth vor allem über den Einsatz der Streicher und ein flirrendes Summen der Stimmen, die Hörerin in diesen Zustand mitzunehmen.

Auch Mahler bewegt sich in „Der Trunkene im Frühling“, dem fünften Satz seines Zyklus, zwischen Traum und Realität. Hier allerdings sind die Grenzen fließender, die Realität fühlt sich nach Traum an. „Was hör ich beim Erwachen? Horch! / Ein Vogel singt im Baum. / Ich frag’ ihn, ob schon Frühling sei, / Mir ist als wie im Traum.“ Über beiden Werken liegt die Vergänglichkeit. Bei Mahler seine eigene, bei Longstreth die der Erde, wie wir sie kennen. Beide begegnen ihr, indem sie sich an Vergangenem bedienen.

Longstreths Blick schweift allerdings weiter voraus in die Zukunft – wobei das natürlich davon abhängt, wann mit der großen Katastrophe zu rechnen ist. Würde man David Wallace-Wells fragen, dann wahrscheinlich früher, als wir denken. David Longstreth begegnet dem nahenden Unheil allerdings nicht allein. Dreimal fordert er in den Songtexten des neuen Albums: „Cooperate!“ Und das hat er in allen erdenklichen Richtungen getan, um das neue Dirty-Projectors-Album zu veröffentlichen.

Widerständiges Potenzial des Kollektivs: die Dirty Projectors. Mittendrin in Grün ihr Mastermind David Longstreth Foto: Marcus Maddox

„It takes a village“, lautet ein US-amerikanisches Sprichwort. Es braucht ein Dorf – eigentlich, um ein Kind zu erziehen, doch blickt man auf alle Beteiligungen an „Song of the Earth“, dann eben auch, um solch eine Werk auf die Beine zu stellen. Denn die Musik lebt nicht nur vom Genius des Frontmanns allein, sondern von Referenzen und von der kollektiven Zusammenarbeit mit Band und Orchester.

Gerade wird viel davon gesprochen, dass die Ära der Bands zu Ende geht, und bei aller Hinwendung zur KI-Musik, zu den Algorithmen der Streamingdienste und zu Tiktok-Hits scheint ein bisschen Kulturpessimismus sowieso angebracht, aber vielleicht verkennt man dabei das Potenzial des Kollektivs, das sich den ökonomischen Gegebenheiten besser anpassen und widerständig bleiben kann.

Auch Vinyl ist äußerst widerständig. Zwischen 500 und 1.000 Jahre dauert es, bis sich das Material zu zersetzen beginnt. Sollte zumindest eine Pressung von „Song of the Earth“ die Zeit bis dahin überdauern und nicht Waldbränden, Tornados oder Überschwemmungen zum Opfer gefallen sein, dann bleibt zu hoffen, dass sich auch noch ein Plattenspieler findet, um dieses Album aufzulegen. Ja, der Klimawandel ist menschengemacht, aber wenigstens auch die Musik.

Dirty Projectors: „Song of the Earth“ (Transgressive/PIAS)

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