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Kein Anlass zur Entwarnung

Die einzige Feuerwehrbeauftragte Deutschlands stellt in Bremen ihren ersten Tätigkeitsbericht vor. Sie zieht noch einmal andere Schlüsse, als der Bericht zum Feuerwehrskandal 2020

Im Einsatz: Die Bremer Feuerwehr löscht einen Keller unter dem Domshof Foto: Sina Schuldt/dpa

Von Lotta Drügemöller

Fünf Jahre nach dem Bremer Feuerwehrskandal legt die eigens eingerichtete Feuerwehrbeauftragte ihren ersten Tätigkeitsbericht vor. 2020 war in vielen unappetitlichen Details bekannt geworden, wie in einer Chatgruppe Tötungswitze über Geflüchtete und andere menschenverachtende Memes geteilt wurden, wie rassistische Sprache auf den Wachen normalisiert wurde und wie in einem dramatischen Mobbingfall eine türkischstämmige Kollegin in ihrer Wache sexistisch und rassistisch beschimpft, verleumdet und mit Gewaltfantasien überzogen wurde.

Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Volksverhetzung ermittelt – und musste die Ermittlungen schließlich wegen Verjährung einstellen. Die Disziplinarstelle ermittelte dann gegen vier Beschäftigte wegen möglicher Dienstvergehen – ein Beamter wurde im Dezember des Dienstes enthoben. Und natürlich gab es den Bericht der Sonderermittlerin Karen Buse, der 2021 veröffentlicht wurde und der Feuerwehr strukturellen Rassismus vorwarf.

Die Feuerwehrbeauftragte ist seit 2022 im Amt. Sie nimmt eher die strukturelle Ebene in den Blick als die individuelle Schuld. Sie fungiert als Instanz für Beschwerden und Aufarbeitung, sowohl für Bür­ge­r*in­nen als auch für Beschäftigte. Ihr erster Tätigkeitsbericht, der Meldungen bis Mitte 2024 enthält, gibt keine Hinweise auf weitere Vorfälle der Art, wie sie zu ihrer Einsetzung geführt hatten. Hinweise auf systematisches Mobbing sind zumindest nicht an Sermin Riedel und ihre Stellvertreterin Laura Himmelmann herangetragen worden.

Der Rücklauf an aktuellen Beschwerden ist insgesamt gering; nur vier Bür­ge­r*in­nen haben sich über die zwei Jahre mit Beschwerden an die unabhängige Stelle gewandt; dazu gab es 46 Eingaben von Beschäftigten.

Von den vier Bürgerbeschwerden führte eine zu disziplinarrechtlichen Untersuchungen: Der Mitarbeiter einer Leitstelle behandelte Hilfesuchende aufgrund schlechter Deutschkenntnisse respektlos und beleidigend. Anderen Beschwerden lagen im wesentlichen Missverständnisse zugrunde, die ausgeräumt werden konnten.

Für Entwarnung sieht Riedel dennoch keinen Anlass . Die Feuerwehrbeauftragte vermutet, dass sie noch nicht bekannt genug sei – und dass innerhalb der Feuerwehr noch das Vertrauen fehle, Vorfälle zu melden. Vor allem habe eine Kultur gefehlt, in der Kol­le­g*in­nen sich sicher fühlen konnten, Vorfälle zu melden. Und es krankte an einer Führungskultur, die durch gutes Vorbild und sensible Mitarbeiterführung hätte helfen können – schon im Bericht der Sonderermittlerin Karen Buse aus dem Jahr 2021 war die Rede gewesen von einer Kultur der Angst.

Solche Worte nehmen Riedel und ihre Stellvertreterin nicht in den Mund. Aber auch sie konstatieren: Das Problem ist real. Eine Ursache: Unter „Führung“ bei der Feuerwehr werde oft „Führung im Einsatz“ verstanden – und die beruht auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam, um in Extremsituationen schnell handeln zu können. Das Verständnis von Führung im Alltag dagegen sei „noch ausbaufähig“, sagt Riedel.

Das Problem ist bereits die Grundausbildung. Auch für die oberste Schiene an Führungskräften in der Feuerwehr besteht die bisherige Ausbildung laut Bericht fast ausschließlich darin, feuerwehrtechnische Kenntnisse zu vermitteln. Im Wachalltag, in dem es darum gehen sollte, Potenziale der Mitarbeitenden zu erkennen, Konflikte im Team zu bewältigen und transparent zu kommunizieren, hilft das nicht weiter.

Nach 2020 sind die Lehrgänge zunächst nur stockend angelaufen. Die oberen Führungskräfte wurden in „Diversitätssensibilisierung“ und (Anti-)Diskriminierung und Mobbing geschult. „Es braucht da aber noch weitere, tiefere Qualifikationen“, sagt Riedel. Bei den unteren Führungsebenen, den Leitern der einzelnen Wachen, sind die Schulungen noch nicht angekommen.

Gut die Hälfte aller Beschwerden von Feuerwehrleuten beziehen sich denn auch auf die Führungsebene – von insgesamt 46 Eingaben beschäftigten sich 24 mit dem Verhalten von Vorgesetzten. Kritisiert wurde etwa geringe Transparenz von Entscheidungen und fehlende Kommunikationsbereitschaft, teilweise auch ein unangemessener Ton.

Unter „Führung“ werde bei der Feuerwehr oft „Führung im Einsatz“ verstanden –und die beruht auf dem Prinzip Befehl und Gehorsam

Dass auch die kritisierte Meldekultur nur langsam Fortschritte macht, zeigt ein anderer Befund des Berichts: Etwa die Hälfte der Beschwerden durch Feuerwehrleute erfolgte zunächst vertraulich: Die Beschäftigten hatten Sorge vor dienstlichen Benachteiligungen, vor Ausgrenzung oder Diskreditierung.

Gerade diesen anonymen Hinweisen begegnete man in der Leitungsebene der Feuerwehr offenbar mit Skepsis: Sie habe „vereinzelt wahrgenommen, dass interne anonyme Meldungen nach wie vor als unerwünscht betrachtet werden“, schreibt die Feuerwehrbeauftragte im Bericht. Die Anonymität werde als mangelnde Courage missbilligt, und die Meldung selbst potenziell als Denunziation, also Falschbehauptung aus niedrigen Beweggründen wahrgenommen.

Aus dem Nichts kommt die Sorge nicht: Immerhin waren es nach dem Mobbingskandal von 2020 auch die Hinweisgeber selbst, die aus dem Dienst ausscheiden mussten. Und bis heute verbreitet sich laut Bericht eine Version der Mobbinggeschichte, „in der einzelne Beschäftigte die betroffene Feuerwehrfrau (…) selbst für die Vorfälle verantwortlich machen“. Einzelne gäben ihr die Hauptschuld für den Feuerwehrskandal. Das schüchtere mögliche Betroffene ein.

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