: „Ich kann nicht mehr unpolitisch sein“
Diana Dua erlebte Diskriminierung und sprach nicht drüber. Mit ihrem Buch „Zeilen gegen das Unbehagen“ hat sie ihre Sprache gefunden
Interview Esther Erök
taz: Frau Dua, warum haben Sie Ihrem Buch den Titel „Zeilen gegen das Unbehagen“ gegeben?
Diane Dua: Weil es tatsächlich in allen Texten um mein persönliches Unbehagen in dieser Zeit mit erlebter rassistischer Diskriminierung geht. Im Laufe der Jahre ist in mir so ein Gefühl des Unbehagens entstanden und das habe ich mir durch dieses Buch von der Seele geschrieben.
taz: Wann wurde Ihnen bewusst, dass Ihre Erfahrungen von Diskriminierung nicht nur individuell, sondern auch strukturell bedingt sind?
Dua: Diese Erfahrungen sind für mich nie als abgeschlossener Vorgang zu betrachten. Je mehr ich durch die Lesungen, die ich halte, im Austausch mit den Menschen bin, desto mehr fällt mir auf, wie tiefgreifend Rassismus in unserer Gesellschaft festsitzt. Dementsprechend kann ich keinen konkreten Schlüsselmoment festmachen, da der gesellschaftliche Rassismus für mich eine lange Kontinuität aufweist.
taz: Was bedeutet für Sie persönlich der aktuelle gesellschaftliche Rechtsruck?
Dua: Ich habe festgestellt, dass ich nicht mehr unpolitisch sein kann. Ich möchte aktiv Menschen erreichen und meine Perspektiven aufzeigen. Ich habe das Gefühl, wenn ich das nicht tue, bleibt die Problematik des Rassismus in der Gesellschaft und meine ganz persönlichen Erfahrungen damit unentdeckt. Ich möchte eine Stimme für diese Perspektive sein. Die letzten politischen Entwicklungen und der Rechtsruck in Politik und Gesellschaft haben mich darin nur bestärkt.
Lesung und Diskussion: Diana Dua liest in der Reihe „Demokratie im Diskurs“ aus „Zeilen gegen das Unbehagen“, Sa, 1. 3., 20 Uhr, Bühne zum Hof, Moorfuhrtweg 9, Hamburg, kostenfreier Eintritt
taz: Hat das Verfassen des Buches denn gegen Ihr Unbehagen geholfen?
Dua: Für mich war es ein Befreiungsakt. All diese Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse mit rassistischer Diskriminierung begleiten mich ja schon mein Leben lang. Ein heftiges Beispiel von rassistischer Diskriminierung war, dass mir ein Mann den Eintritt in einen Aufzug verwehrte indem er sagte: „Scheiß N*, du kommst hier nicht rein!“
Ich habe aber jetzt erst festgestellt, wie wenig ich darüber gesprochen habe. Das Schreiben war für mich die erste Möglichkeit, alles offenzulegen, mit mir selbst und auch mit anderen Menschen in Austausch zu gehen. Das hat mir in meiner Verarbeitung, die immer noch andauert, sehr geholfen.
taz: Inwieweit fühlen Sie sich als Autorin in der Verantwortung, gesellschaftlichen Debatten über Rassismus und Identität mitzugestalten?
Dua: Es ist mir ein grundlegendes Bedürfnis geworden und hat mich in meinem Mut enorm bestärkt, mit meinen Texten Menschen zu erreichen und zu bewegen. Deshalb denke ich, dass ich auch als einzelne Person die Position besitze, aktiv an einem Umdenken und der breiteren Sichtbarmachung von Rassismus mitzuwirken. Ich sehe oft, das Menschen durch den Rechtsruck sehr niedergeschlagen sind und sich um die weitere Entwicklung sorgen. Ich habe beobachtet, dass meine Texte einen lebhaften Austausch anstoßen und den schockierenden, lähmenden Aspekt von Rassismus entkräften können. Ich möchte die Menschen, die Haltung gegen Rassismus zeigen, bestärken und empowern.
taz: Was nehmen Sie bei Ihren Lesungen von Ihrem Publikum mit?
Dua: Ich werde sehr oft gefragt, wie man als einzelne Person in Situationen des Alltagsrassismus reagieren kann, also wie man Diskriminierung ausgesetzten Menschen tatkräftig beistehen kann. Dieser Versuch eines aktiv gelebten „Allyship“ ist vielen Menschen, die zu meinen Lesungen kommen, ein sehr wichtiges Anliegen. Ich denke, dass hier eine sehr starke Wirkmacht liegen kann im Kampf gegen Rassismus.
taz: Und: Was antworten Sie auf diese Frage?
Dua: In konkreten Alltagsrassismus-Situationen fühle ich mich oft ohnmächtig und sprachlos. Es hilft ungemein, wenn andere für mich ihre Stimme erheben oder auch einfach nur präsent sind, ein Lächeln, ein zur Seite stehen, kann da ungemein stärkend wirken.
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