ZWISCHEN DEN RILLEN

Eine Muse im Exil

Spoek Mathambo: „Father Creeper“ (Sub Pop/Cargo)

„Father Creeper“ klingt wie eine Musik gewordene multiple Persönlichkeit

Wie klingt „so verrückt wie möglich“? Um das zu beantworten, muss man „Father Creeper“ von Spoek Mathambo einlegen. Das zweite Album des südafrikanischen Rappers, der sich selbst als „Post-Apartheid Post-HipHop-Posterboy“ bezeichnet, liefert die Antwort.

Nthato Mokgata, so sein bürgerlicher Name, wuchs im Township Soweto in Johannesburg auf und begann mit zehn Jahren zu rappen. Erst als er seine Heimat verließ und nach Schweden ging, wurde Südafrika zu seiner Muse. Schon auf dem Debüt „Mshini Wam“ vereinte Spoek Mathambo die traditionellen Rhythmen seines Landes mit elektronischen Beats zum futuristischen „Township-Tech“.

Auf „Father Creeper“ inspirieren ihn seine musikalischen Wurzeln noch immer. Allerdings hat er sie nun um Funk, House und Rock ergänzt und böllert ein ohrenbetäubendes Genre-Feuerwerk ab: Stotternde Beats zerstückeln die Synthiespuren, ein fliegender Bass übertönt Gitarrenriffs und Elektrosound unterbricht die tanzbaren, eher nach südafrikanischen Popstilen klingenden Melodien.

Spoek Mathambo arrangiert seine Songs wie ein kleiner Junge, der einen Tuschkasten bekommt – erst wenn alle Farben angerührt sind und zu einem großen Ganzen zusammenfließen, ist er wirklich zufrieden. Der 25-jährige Musiker hat keinen geringeren Anspruch, als Sounds aus der ganzen Welt neu zu interpretieren und ihnen gleichzeitig eine südafrikanische Note zu verpassen.

Sein Sound soll ein Spiegel seiner selbst sein, die Musik soll sagen: Das bin ich, daher komme ich! – und möglichst authentisch klingen. Seine Lyrics drehen sich dementsprechend nicht in Dicke-Rapperhose-Manier um Drogen oder Sex. Sie erzählen viel über jene traumatisierte, afrikanische Gesellschaft, in der Spoek Mathambo aufgewachsen ist.

Etwa wenn es heißt, „Tortured kids from yesterday sing / We should also get paid“. Oder wenn in dem Song „Put Some Red On It“ das Rot für nichts anderes als das Blut steht, das an so vielen Diamanten Afrikas klebt. Dennoch ist „Father Creeper“ kein düsteres Album. Vielmehr symbolisiert es einen ständigen Kampf: zwischen hell und dunkel, heiter und melancholisch, nervtötend und mitreißend. Der Track „Dog to Bone“ beispielsweise beginnt ganz entspannt. Unbekümmert plinkert eine Gitarre – das Kino im Kopf zeigt grelle Sonnenstrahlen. Doch dann werden die Gitarrensounds immer kräftiger und härter, bis sie abrupt abbrechen – vertrieben von holprigen Beats. Das Geschmeidige wird kantig, die Dichte durchbrochen und die Leerstelle gefeiert. In solchen Momenten klingt „Father Creeper“ wie eine Musik gewordene multiple Persönlichkeit.

Spoek Mathambo verstärkt diesen Effekt noch, indem er das Hell-dunkel-Spiel auf seine Stimme ausweitet. Mal steigt sie ganz hoch und kratzt über die englischen oder afrikanischen Worte, dann klettert sie wieder selbstbewusst in die Tiefe, doppelt sich im Echo nach oder wird roboterhaft verzerrt.

Schaut man sich das Promo-Video zu „Father Creeper“ an, ist man ganz erstaunt, wie unscheinbar sein Macher wirkt. Mit kariertem Hemd und Händen in den Jackentaschen steht er da und spricht souverän über seine Musik. Anders als bei seinem Debütalbum arbeitete er diesmal nicht mit internationalen Künstlern, sondern vor allem mit Freunden und Familie zusammen. Teamwork ist Spoek Mathambo wichtig, denn je mehr Leute mitwirken, desto vielschichtiger und reicher wird der Sound und die Möglichkeit, Neues mit ihm zu entdecken.

So gab Spoek Mathambo bei der Produktion des Albums spontanen Ideen viel Raum: „Es war, als wären wir in der Schule. Wir experimentierten, spielten – und lernten beim Machen“. Diesen Mut zur Improvisation hört man „Father Creeper“ auch an. Es braucht eine Weile, um dieses Sounduniversum zu durchsteigen. Doch die Musik wird mit jedem Hören besser – immer wieder dringt eine neue Farbe ans Ohr. Allerdings ist man manchmal auch überfordert. Daher ist die Maxime des Musikers, jedes Stück „as crazy as possible“ zu gestalten, dann doch ein bisschen zu viel. Aber eben nur ein bisschen. ANDRIN SCHUMANN