Stefan Reinecke über Steinmeiers Rede zum Gedenken an Auschwitz
: Jenseits des Kanons

Seit 24 Jahren wird im Bundestag Ende Januar an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau erinnert. Das Gedenken ist Ritual, eine Choreografie der Erinnerung mit Streichorchester und meist offi­ziel­len Reden. Die Form widerspricht allerdings dem Anspruch, dass Erinnerung mehr sein soll als repräsentative Sonntagsrede. Sie soll dicht, vital, ergreifend sein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dieses kniffelige Pro­blem selbst thematisiert. Weil „Gedenken zur Formelhaftigkeit“ neige, gelte es, „eine Sprache zu finden, um das Unfassbare der Schoah zu erfassen“.

Das ist ein Zeichen dafür, dass das Unbehagen in der Gedenkkultur den offiziellen Erinnerungsbetrieb selbst erfasst hat. Allerdings weisen auch solche Selbstreflexionen keinen einfachen Ausweg aus dem Paradox, dass offizielles Gedenken gleichermaßen Konvention sein muss – und zugleich authentisch und durch subjektive Gefühle und Erkenntnisse beglaubigt wirken soll.

Der Bundespräsident soll eben nicht bloß die kanonischen Moralformeln wiederholen – etwa dass ­Auschwitz nicht vergessen werden darf –, aber allzu originell darf die Rede auch nicht sein. Er hält sie stellvertretend für die Nation. All diese Widersprüche sind wohl unauflösbar.

In Yad Vashem hatte Steinmeier kürzlich die Perspektive der jüdischen Opfer ins Zentrum gerückt. Es ist schade, dass er im Berliner Parlament nun nicht die Rolle der Täter in den Mittelpunkt stellte. Empathie für Opfer ist im offiziellen Sprechen eine leichte Übung, auszusprechen, was die deutschen Täter antrieb, riskanter. Immerhin hat Steinmeier den routinierten Dreischritt – schlimmes Gestern, schwierige Läuterung, besseres Heute – vermieden und unüberhörbar vor den rechten, antidemokratischen Versuchungen gewarnt.

Steinmeiers subtilste Bemerkung lautet, dass „wir die Vergangenheit inzwischen besser verstehen als die Gegenwart“.

Daraus spricht leiser Zweifel, ob das Konzept, die bundesdeutsche Demokratie aus den Verheerungen der NS-Zeit zu begründen, heute noch trägt. Und auch ob das in Beschwörungsformeln komprimierte Gedenken als pä­da­gogisches Vehikel taugt, um gegen Demokratieverachtung zu imprägnieren.

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