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„Ein Hinweis, wie es der Seele geht“

Schichtarbeit sei im Grunde Körperverletzung, sagt der Schlafmediziner Robert Göder – dem eigenen Rhythmus folgen wir, wenn überhaupt, nur im Urlaub

Foto: privat

Robert Göder, 57, stell-vertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKSH in Kiel, leitet zusammen mit dem Kollergen Holger Hein (siehe links) den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin Anfang November in Hamburg.

Interview Yasemin Fusco

taz: Herr Göder, schlafen die Menschen heute schlechter als früher – und warum?

Robert Göder: Es gibt körperliche Ursachen, die vorhanden sein können, aber auch äußere, die mit unserer modernen Konsumgesellschaft zu tun haben, beispielsweise die exzessive Nutzung der modernen Medien kurz vor dem Zubettgehen und die zunehmende Verlagerung der Arbeit ins Private. Sich ungünstigem Blaulicht ausgesetzt sehen während der Nutzung digitaler Endgeräte abends, kann auch ein Grund sein. Grundsätzlich hängen Schlaf und die Psyche eng zusammen. Die Schlaf-Fähigkeit ist ein Biomarker dafür, wie es der Seele im Allgemeinen geht.

Welche Berufsgruppen sind besonders betroffen?

Es sind Schichtarbeiter*innen, die erhebliche Schlafprobleme entwickeln, weil sie entgegen des Schlafrhythmus leben und arbeiten. Im Grunde ist die Schichtarbeit Körperverletzung, weil der Schlafmangel viele körperliche Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Bluthochdruck bis hin zur Tumorbildung verursachen kann. Und man kann auch nicht immer sagen, dass Ärzt*innen nicht auch vom Schlafmangel betroffen sein können, wenn man bedenkt, dass sie auch nachts arbeiten.

Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir schlafen?

Es ist ein Zustand der äußeren Ruhe, bei dem das Gehirn aber sehr aktiv ist. Im Tiefschlaf verhalten wir uns meist ruhig, im Traumschlaf ist das Gehirn genauso aktiv wie im wachen Zustand. Warum das so ist, wissen wir aber nicht genau. Es könnte aber an der Menge der am Tage aufgenommenen Informationen und deren Verarbeitung im Schlaf liegen.

Sagen Träume etwas aus?

Da streiten sich die Expert*innen: Ein*e Psychoanalytiker*in findet den Inhalt der Träume in der Regel wichtig. Andere sagen, dass nur der Zustand des Traumschlafs wichtig ist, nicht aber der Inhalt; weil wir unsere Träume schnell vergessen, sind sie nicht so wichtig.

Sie arbeiten auch mit einem Schlaflabor. Was passiert da?

Der oder die Patient*in wird verkabelt, wir messen Bewegungsparameter und Hirnströme. Anhand dessen lässt sich die Schlafqualität erkennen. Auch die Atmungsaktivität messen wir, um zu schauen, ob die Atmung während des Schlafs aussetzt; auch Schnarchen oder ein zu niedriger Sauerstoffgehalt im Blut werden überprüft. Zu Forschungszwecken geben wir kleine Stromimpulse in einer bestimmten Taktfrequenz an das Vorderhirn, um die Schlafqualität und bestimmte Hirnfunktionen am nächsten Tag zu verbessern.

Kann das Gehirn zwischen Schlaf- und wachem Zustand unterscheiden?

Das Gehirn durchläuft während des Schlafs verschiedene Bewusstseinszustände. Während des Traumschlafs halten wir die erlebten Träume in der Regel für real. Erst wenn wir geweckt werden und erwachen, wissen wir: Wir haben geschlafen.

Schläft es sich im Urlaub besser oder schlechter?

Besser. Im Urlaub können wir aber auch mehr nach dem eigenen und eigentlich richtigen inneren Rhythmus schlafen. Während wir also im Urlaub sind, können wir kritisch hinterfragen, was für ein Schlaftyp wir sind.

Was empfehlen Sie gegen Einschlafprobleme?

Es ist wichtig, abends nichts Aufregendes zu machen. Wir müssen rechtzeitig runterkommen, damit wir gut einschlafen können. Helfen könnte, einen festen Rhythmus einzuhalten: immer zur gleichen Zeit in die Nachtruhe. Ich empfehle auch Schlaftees; Alkohol bitte höchstens in Maßen.