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Exzellent gespielt und gut eskaliert

„Greta“ (Irland, USA 2018; Regie: Neil Jordan). Die DVD ist ab rund 13 Euro im Handel erhältlich.

Später dann rammt Isabelle Huppert sich kalten Bluts eine Spritze in den Stummel, der vom kleinen Finger noch bliebt. Da sind, kann man sagen, die Dinge schon ziemlich eskaliert. Harmlos genug fing es dagegen noch an. Frances McCullen (Chloë Grace Moretz), Anfang zwanzig, sie arbeitet als Kellnerin in einem Edelrestaurant in New York, findet in der U-Bahn eine nicht ganz billige Handtasche und bringt sie, sie ist eine gut erzogene Person, der Besitzerin, Greta Hideg (Huppert), zurück, deren Adresse fand sich am Fund.

Die beiden bonden sogleich, auch wenn nicht nur der Zuschauerin auffällt, dass mindestens ein bisschen was mit Greta nicht stimmt. Sie kommt auf ihren verstorbenen Mann zu sprechen, auf ihre Tochter im fernen Paris, wo diese, erzählt sie, das Konservatorium besucht. Greta setzt sich ans Klavier, spielt den Liebestraum von Franz Liszt, erzählt von ihrer Einsamkeit und davon, wie von der Liebe am Ende kaum mehr als der Traum bleibt. Gleich darauf gehen sie ins Tierheim, wo die Tiere ihrerseits ein klares Verfallsdatum haben, und Greta bekommt einen Hund.

Dann bewegen sich die Dinge für Frances von „irgendwas stimmt mit Greta nicht“ zu „sie hat ein Problem“ zu „sie stalkt mich“ zu „sie ist völlig verrückt“ zu „sie will mir ans Leben“. Greta schickt Hunderte Nachrichten per SMS und auf die Mailbox, als Frances auf Dis­tanz zu gehen beginnt. Greta steht draußen vor dem Restaurant, in dem Frances arbeitet, und geht nicht mehr weg. Greta sitzt im Lokal und macht eine Szene. Greta verfolgt Frances’ Freundin und Mitbewohnerin Erica (Maika Monroe) und sendet Frances im Sekundentakt Fotos davon. Gute Worte können nicht helfen. Die Polizei kann nicht helfen. Da greift Greta zur Lüge. Das hilft natürlich schon gar nicht.

Klassisch ist die Struktur dieses Films. Ein Psychopathenthriller, der Schritt für Schritt eskaliert. Dinge kommen heraus, man kann die Uhr nach den Plot-Twists und beunruhigenden Signalen und Enthüllungen stellen, verlässlich treten sie ein. Manchmal kommen sie überraschend, einmal führt der Film einen ein Weilchen sehr schön an der Nase herum. Pling macht die Mikrowelle dazu, in der Frances den Kaffee erhitzt. Das mit dem Kaffee-in-der-Mikrowelle-Erhitzen ist eines der vielen Details, die in diesem Film stimmen. Mitten im Absurden und immer Absurderen gibt Neil Jordan dem Genre, was das Genre verlangt, tut aber immer wieder genaue Blicke, ausgezirkelte Kamerabewegungen und kleine Pointen dazu.

Das Böse lauert, zusehends immer und zusehends überall. Und Isabelle Huppert kostet das Satanische ihrer Figur sichtlich aus. Besonders apart ein paar Tanzschritte, als der Showdown, der zum Genre wie das Amen zur Kirche gehört, beginnt. Fast ist es, als drücke sich in diesem Tänzchen die Freude des Films darüber aus, dass er nun also gelandet ist, wo so ein Film nun einmal landet. Und Chloë Grace Moretz hält, als die Super-Schauspielerin, die auch sie ist, ohne Mühe dagegen, bleibt angesichts von Hupperts haargenau getimtem Outrieren gelassen. Nicht als Figur, aber in ihrem Spiel.

Ein Metronom spricht im Finale auf hinreißende Weise mit. Stephen Rea – schöne Reminiszenz an Neil Jordans größten Hit, „The Crying Game“, lang ist es her – schlufft einen grandiosen Gastauftritt hin. Nichts, rein gar nichts, wird in diesem Film neu erfunden. Aber das Vertraute wird gekonnt und mit viel Liebe rearrangiert. „Greta“ ist B-Movie-Psycho-Horror, exzellent gespielt, gekonnt inszeniert und gut eskaliert. Man kommt für die Huppert-Show und bleibt für den Rest. Beides, die Show wie der Rest, ist ziemlich klasse. Ekkehard Knörer