wortwechsel

Millionen Euro für triviale Erkenntnisse

Wer wissen will, wie Integration gelingen kann, frage Menschen aus der Flüchtlingshilfe. Volkshochschulen sollten Volksgemeinschaft schaffen. Armer Jesus, arme Tiere

Die Mühsal des Schreibens: Deutsch lernen an der VHS SüdOst, München Foto: Wolf Haider-Sawall/laif

Lernen wie Kinder

„Flucht erschwert Spracherwerb“, taz vom 18. 9. 19

Die gigantische Summe von 2,4 Millionen Euro wollen das BMI und das Bamf für eine Studie ausgeben, die feststellen soll, warum es mit der Integration und dem Spracherwerb bei Flüchtlingen nicht klappt? Die Antwort auf diese Frage kann von jedem gegeben werde, der sich aktiv in der Flüchtlingshilfe engagiert!

Ich unterrichte seit über drei Jahren in einem Flüchtlingsprojekt, das jungen Erwachsenen die Möglichkeit gibt, den Hauptschulabschluss zu machen. Hier die voraussichtlichen Ergebnisse der Millionenstudie in Stichworten:

Das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ ist nicht geeignet, den Teilnehmer in die Lage zu versetzen, an einer normalen Konversation teilzunehmen. Das Pauken von Grammatik und unregelmäßigen Verben führt regelmäßig nicht dazu, dass das Gelernte in die Praxis transferiert wird. Umgangssprache kann nur effektiv gelernt werden, wie es Kinder tun: eintauchen in die fremdsprachige Umwelt, zuhören und nachahmen!

Häusliches Lernen und Hausaufgaben kann man in der Mehrzahl der Fälle vergessen, weil erstens selbstständiges Lernen nicht zu den mitgebrachten Kulturtechniken gehört. Zweitens weil Lernen in einem Mehrbettzimmer einer Gemeinschafts­unterkunft schlicht unmöglich ist. Gleiches gilt für Familien, die in ein oder zwei Zimmer gepfercht sind. Drittens ist die Kommunikation zu Klassenkameraden, aber auch zu deutsch sprechenden Altersgenossen nur eingeschränkt möglich.

Grundsätzlich gilt, dass der kulturelle Unterbau bei einem Menschen aus Eritrea oder Syrien ein anderer ist als unserer. Die Standarderfahrung aller ehrenamtlich Tätigen ist, dass die elementarsten Dinge unseres Alltagslebens für unsere ankommenden Mitmenschen total neu sind. Ein Mensch, der sein Leben lang mit den Fingern gegessen hat – und das perfekt beherrscht –, muss hier den Gebrauch von Messer und Gabel lernen. Das kann man nicht voraussetzen! „Gute Tischmanieren“ sind eine Grundvoraussetzung für Integration, so banal das klingt. Und die Probleme bei der Kommunikation mit Ämtern und Behörden sind ein täglicher Existenzkampf, der ungeheure Energien verschlingt, die dann nicht mehr für produktives Lernen zur Verfügung stehen!

Ebenso trivial ist die Erkenntnis, dass jeder Geflüchtete einen eigenen Psychologen als Betreuer braucht! Wessen Haus von Assads Schergen über ihm zerbombt wurde oder wer mit ansehen musste, wie seine Familie massakriert wurde oder im Mittelmeer ertrank, der hat Schlafstörungen und Albträume. Mindestens!

Für diese Erkenntnisse 2,4 Millionen Euro zu verbrennen, ist skandalös. Man möge die 2,4 Millionen an mich überweisen, ich weiß, wo sie sinnvoll eingesetzt werden! Wolfgang Ehle, Kassel

„Weg zum Mitbürger“

„God save the Volkshochschule“, „Der Geist ist hungrig, die Kasse leer“, taz vom 18. 9. 19

Danke für die Titelseite zu 100 Jahren Volkshochschule und die so wichtigen Hinweise auf die ausgebeuteten Lehrkräfte. Aber leider ist die Volkshochschule weder „urdemokratisch“ noch vor allem für „Menschen mit weniger Geld“ da.

Weil 1918 „Die Welt von gestern“ (Stefan Zweig) zusammengebrochen war, sollte mit einem neuen Ansatz von Erwachsenenbildung eine deutsche Volksgemeinschaft geschaffen werden. Dazu mussten die Arbeiterinnen und Arbeiter einbezogen werden. Der zweifellos demokratische Effekt war der Nachkriegssituation geschuldet, die Praxis der Volksbildung in der Weimarer Republik wurde mehrheitlich nicht von sozialistischen, sondern von bürgerlichen Institutionen geprägt. So hilfreich Lernangebote auch für das niedere Volk immer waren, blieb doch die Funktion seit 100 Jahren gleich: lebenspraktisches und ideologisches Lernen zum Zurechtkommen in der jeweiligen Gesellschaftsform. Die Menschen mit weniger Geld wurden übrigens im Faschismus besonders angesprochen und konnten sich in Volksbildungsstätten belehren lassen und geistig betätigen.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelang in der Alt-BRD ein (sozial)demokratischer „Weg zum Mitbürger“. Es bedurfte aber der Bildungskatastrophe der 1960er Jahre, damit nach 1970 die Erwachsenenbildung ausgebaut wurde. Schließlich wurden Volkshochschulen nach 1989 Teil der staatlichen Maßnahmen, die rund 800.000 Menschen in den neuen Bundesländern für das Leben in der Berliner Republik weiterzubilden. Heute stehen die Volkshochschulen vor der schwierigen europäischen Aufgabe, ihren Teilnehmenden nicht nur berufliche Qualifikationen, sondern auch zivilgesellschaftliche Kompetenzen nahezubringen. Dies schaffen die Honorarlehrkräfte mit ihrem Idealismus hervorragend. Georg Fischer, Schefflenz

A cop car on fire

„Das fünfte Element“, taz vom 17. 9. 19

Der 16. Istanbul-Biennale wird oft vorgehalten, zur gegenwärtigen Situation in der Türkei Erdoğans zu schweigen. Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen: Wenn mensch die Arbeit des in Amsterdam lebenden Johannes Büttner, „The possibility of another life expresses itself directly in a cop car on fire and obliquely in the face of my friends“, mit den vibrierenden RoboCop-Figuren, der Geräuschkulisse von Demonstrationen in sich aufnimmt, die geschützte Welt des Museums verlässt, 15 Minuten bis zum Taksimplatz geht und dann die Wasserwerfer-Monster und Räumpanzer sieht, die auf den nächsten Einsatz warten, dann wird die Kunst auf der Biennale ganz konkret, und das nicht nur in der Türkei. Leider haben nur wenige Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung diese Chance ergriffen. Trotz allem lohnt die 16. Istanbul-Biennale auch eine Reise in die Stadt am Goldenen Horn.

Thomas Dirk, Frankfurt am Main

Bibeltheater

„Jesus versus Salvini“, taz vom 17. 9. 19

Mir fehlt jegliches Verständnis für Milo Raus Bibeltheater. Er beweist mit seinen Ausführungen, dass ihm jede Spur von dem abgeht, was moderne Bibelwissenschaft liefert. Die historisch nicht fassbare Figur des Jesus von Nazareth wird, wie bereits im Verlauf der Geschichte zur Genüge praktiziert, nach Belieben instrumentalisiert und der Bibeltext damit ruiniert. Ein Beispiel: Es gibt keinen historisch belegten Ausruf Jesu am Kreuz. Der von Rau verwendete ist der des Markus-Jesus als Repräsentant der Markus-Theologie. Bei Johannes lautet der letzte Ruf völlig anders, entsprechend dessen völlig anderen theologischen Intention. Auch für die Kunst sollte gelten: Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Hans Reißinger, Dudenhofen

Von der Jagdausübung

„Ein Jäger in der Falle“, taz vom 18. 9. 19

Das deutsche jagdliche Reviersystem mag ja hier und da seine Vorteile haben, aber es führt auch dazu, dass sich die „Jagdausübungsberechtigten“ bisweilen fühlen, als dürften sie über Recht und Unrecht selbst bestimmen. Da werden gewünschte Wildarten verbotenerweise gemästet, während Konkurrenten wie Wölfe, Greifvögel etc. bekämpft werden. Verbotene Fallen, Schonzeitverstöße, Überwachungskameras, Nachtsichtgeräte sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Unerwünschte Zeugen werden mit Schranken und Schildern („Vorsicht Wolf“, „Fuchsbandwurm“, „Eichenprozessionsspinner“, „Wildruhezone“) ferngehalten, Verstöße so gut wie nie erfasst oder geahndet. Waidmanns Heil! Manfred Flegel, Höhbeck