die dritte meinung

Wir müssen die Rezession als Chance sehen, finden Tania Brumbauer und Jonathan Barth

Tanja Brumbauer und Jonathan Barth sind ÖkonomInnen und MitgründerInnen von ZOE, dem Institut für zukunftsfähige Ökonomien.

Da ist sie wieder. Die Angst vor der Rezession. Das BIP in Deutschland ist im ersten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft. Die Börsenkurse in Asien und den USA sind im Keller. Sobald eine Rezession naht, verfällt Politik in Panik. Doch Angst ist keine gute Beraterin. Die Rezession muss als Chance begriffen werden für die Befreiung vom Zwang nach Wachstum.

Wenn man mit PolitikerInnen spricht, ist Wirtschaftswachstum nie ein Ziel an sich. Doch im Angesicht einer Rezession lautet dann plötzlich das einhellige Credo: Wir müssen wachsen, koste es, was es wolle. Natürlich haben in der Vergangenheit Rezessionen in Krisen geführt. Es droht eine Abwärtsspirale, in der sich fehlende Investitionen, Arbeitsplatzverluste und ausbleibende Staatseinnahmen wechselseitig verstärken. Die Angst davor ist verständlich. Doch gleichzeitig stehen wir vor den massiven Folgekosten der auf Wachstum zielenden Politik: Sinkende Arbeitsstandards, steigende Burn-out-Raten und Depressionen, Klimawandel, Artensterben. Dies ist sozial und ökologisch fragwürdig und zudem ein großes ökonomisches Risiko. Eine vorsorgende Wirtschaftspolitik täte gut daran, dieser neuen Realität gerecht zu werden.

Die Politik sollte die Rezession deshalb auch als Chance begreifen, über den Tellerrand wachstumsorientierter Wirtschaftspolitik hinauszuschauen. Dass die Menschheit in der Lage ist, über Grenzen hinweg zu denken, hat sie oft genug bewiesen – ob bei der Erfindung der Dampfmaschine, der Mondlandung oder dem Abschluss des Pariser Klimaabkommens. Heute geht es nicht nur um technische Innovation. Was wir brauchen, ist eine wirtschaftspolitische Innovation. Wirtschaftspolitik muss sich auf die Suche nach zeitgemäßen Mitteln machen, um Stabilität, Fortschritt und Wohlstand auch ohne Wirtschaftswachstum zu sichern. Zu verlieren gibt es wenig: Wenn wir den Zwang zu wachsen überwinden, gewinnen wir neue Freiheit. Um besonnen zu überlegen: Was bedeutet zukunftsfähige Politik – für den/die EinzelneN, die Gesellschaft und den Planeten?