nachruf: ulrich finckh

Ein streitbarer Mann des Friedens

Trauergottesdienst für Ulrich Finckh: Horner Kirche, Samstag, 3. August, 14 Uhr

Von Benno Schirrmeister

Ulrich Finckh ist tot. Der Pastor in Ruhe ist bereits am Donnerstag vor einer Woche im Alter von 91 Jahren gestorben: Finckh war von 1970 bis 1991 Pastor im Stadtteil Horn. Berühmt geworden ist er aber durch seine Arbeit als Geschäftsführer der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerung und Frieden, als Gründer des Sozialen Friedensdienstes und fast ewiger Vorsitzender der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer, Amt, das er von 1971 bis 2003 wahrnahm, 32 Jahre lang. Finckh war, wie wenige, ein Mann des Friedens.

Kein naiver Peacenik. Im Gegenteil, das Recht der Kriegsdienstverweigerer, sich in Not zu wehren, verteidigte er entschieden auch schon beim ersten Interview, das er der taz gab. Das war im Jahr 1986, es ging um Nicaragua und eine bundesweite Kampagne gegen Zivildienstleistende. Ausgerechnet vom damaligen Bundesbeauftragten für den Zivildienst, CDU-Mann Peter Hintze, waren die pauschal verdächtigt worden, sich in Lateinamerika als Guerilleros zu betätigen. Auslöser waren Fotos von anerkannten Verweigerern gewesen, die sie als Aufbauhelfer in Regenwalddörfern zeigten – mit Gewehren in der Hand. Daraufhin war Hintze aktiv geworden, der Boulevard hyperventilierte. „Künstliche Aufregung“, nannte das Finckh knapp, denn den Betroffenen sei es ja darum gegangen, „sich und andere notfalls gegen Angriffe auf die Zivilbevölkerung und zivile Projekte“ zu schützen, „also vor Banditen“.

Wer in den „KDV-Verhandlungen“ – also den berüchtigten Gewissensprüfungen – verneine, dass er zu solcher Notwehr bereit wäre, gelte als „unglaubwürdig und wird oft abgelehnt“, so Finckh. Wenn jetzt ein solcher Ernstfall einmal beobachtet werde, sei es ein mehr als durchsichtiges Manöver, ihn zum Argument gegen die Glaubwürdigkeit der Gewissensentscheidung zu drehen: „Dieser Wirbel soll einschüchtern.“

Klare Analysen, eine kritische, wache Haltung und stets temperamentvoll und mitunter auch mit schneidendem Sarkasmus vorgetragene Argumente: Finckh, 1927 in Heilbronn geboren, hatte durchs Nachdenken über seinen eigenen Kriegseinsatz zu Theologie und Pazifismus gefunden. Bis zuletzt brachte er seine Erfahrung und seinen scharfen Verstand in die öffentliche Debatte ein, als Gesprächspartner, als Experte, als Gastkommentator – und oft genug auch als Leserbriefschreiber: Den letzten Brief an die Redaktion hat die taz vor einem Dreivierteljahr gedruckt: Darin spießte er bizarre klimaskeptische Aussagen von Bahnchef Ronald Pofalla auf.

Das passende Wort zur aktuellen Debatte über mehr öffentliche Gelöbnisse hätte er auch auf Lager gehabt, und es verdeutlicht, wie Recht der aktuelle Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche Deutschlands, Renke Brahms, hat, wenn er sagt, dass Finckh fehlen wird: Gefallen ist es 1997 bei einem Rundgang durch die Wehrmachtsausstellung. „Soldatsein verroht unglaublich“, hatte sich Finckh dabei erinnert, „auch schon in Friedenszeiten“. Eine solche Deformation öffentlich zu zelebrieren, verbietet sich.