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Tokio und Seoul sind sich ziemlich beste Feinde

Unter #Boycottjapan machen Südkoreaner per Twitter derzeit Stimmung gegen Japan. Ein Post zeigte das Wort „NO“ mit der roten Sonne von Japans Flagge als O, darunter der Aufruf: „Nicht reisen, nicht kaufen!“ User posteten Belege für die Stornierung ihres Japan-Trips. Hunderte Supermärkte nahmen japanische Waren aus den Regalen. „Ich tue dies für unser Land“, empörte sich ein Verkäufer. Die Volksseele kocht, weil Japan den Export schwer ersetzbarer Chemikalien für Halbleiterhersteller in Südkorea genehmigungspflichtig machte. Das könnte ihre Ausfuhr verhindern und Südkoreas Produktion von Chips und Bildschirmen lahmlegen. So will Tokio Seoul im Streit um Entschädigungszahlungen zum Nachgeben zwingen. Doch dies weckt in Südkorea Ressentiments gegen die frühere Kolonialmacht, die KoreanerInnen als Zwangsarbeiter und Zwangsprostituierte missbraucht hatte.

2018 hatte Südkoreas Oberstes Gericht japanische Konzerne verurteilt Ex-Zwangsarbeiter zu entschädigen. Eigentum dieser Firmen in Südkorea wurde beschlagnahmt. Aus dem dunklen Kapitel ihrer Geschichte schlagen beide Seiten politisches Kapital. Südkoreas Präsident Moon Jae In ist wegen schlechter Wirtschaftsdaten unter Druck. Er löste den umstrittenen Fonds für sogenannte Trostfrauen in japanischen Armeebordellen auf und wies Tokios Forderung auf Entschädigungsverzicht zurück. Japans Regierung will im Wahlkampf von der Erhöhung der Umsatzsteuer ablenken. Doch kontrollieren Seoul und Tokio ihren Konflikt, um keinen großen wirtschaftlichen Schaden zu verursachen. Südkorea droht bisher nur damit, die Welthandelsorganisation anzurufen. Japan beteuert, den Chemikalienexport nur für militärische Zwecke zu verbieten. Martin Fritz, Tokio