Das Brausen, das vom Himmel kam

Der Evangelist Lukas berichtet von dem Ereignis, das Christen zu Pfingsten feiern: Der Heilige Geist erfüllte Pilger in Jerusalem, die sich plötzlich in anderen Sprachen verstanden

Ausgießung des heiligen Geistes nach dem syrischen Rabbula-Evangeliar von 586 Foto: Wikimedia Commons

Von Godehard Baeck

An Pfingsten genießen wir den freien Tag, wissen aber kaum noch, was dahinter steht. Das fängt beim Namen des Festes an, der vom griechischem „Pentecostés“ abgeleitet ist – also dem fünfzigsten Tag nach Ostern, an dem die Juden ihr Erntedankfest als „Wochenfest“ und „Fest der Stiftung des Bundes Gottes mit den Menschen“ begehen.

Im Christentum wird an diesem Tag ein Ereignis gefeiert, das der Evangelist Lukas in der „Apostelgeschichte“ niederschrieb. Er berichtet von einer kleinen, verängstigten und verwirrten Truppe an Anhängern Jesu, die dieses Bundes-Fest ihres Volkes mitfeierten, zusammen beieinander saßen – und über die plötzlich „der Geist“ fiel. Das soll damals ein gehöriges „Brausen vom Himmel“ gewesen sein, wie es in der Bibel heißt, als wenn ein „gewaltiger Sturm“ daher käme und „ihnen Zungen wie von Feuer erschienen“.

Bemerkenswert ist der folgende Satz: „Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden.“ Pilger, die zum jüdischen Erntedankfest aus den verschiedensten Gegenden der Welt nach Jerusalem strömten, sollen die Apostel verstanden haben.

Pfingsten erzählt so vom „Gottesgeist“ als großem Durcheinanderwirbler und berichtet „als Gründungsfest“ vom Anfang dessen, was man später christliche Kirche nennen wird. Eine neue Religionsgemeinschaft, die aus dem Schoß des Judentums entstand, vorher die Zugehörigkeit zur Herkunftsreligion aufgab und die trotzdem im Pfingstfest neben Ostern das zweite Fest aus dem jüdischen Ursprung beibehielt.

Godehard Baeck, Jg. 1935, Theologe (laisierter katholischer Priester), Soziologe und Ethnologe.

Bei der Erzählung über den Turmbau zu Babel, der als monströser Bau der Angeberei dargestellt ist, soll die Sprachverwirrung unter den Arbeitern dagegen zum Fiasko der Sprachlosigkeit geführt haben. Der Turmbau zu Babel ist insofern als Mahnung zu verstehen, dass die Sprachvielfalt ein göttlich gegebenes Element sei und damit die Grenzen der Menschenmacht aufzeigt.

In dem biblischen Hinweis darauf, dass an Pfingsten alle in anderen Sprachen redeten und einander verstanden, liegt nun dagegen einerseits ein utopischer Gedanke – im Sinne einer ganz praktischen „Völkerverständigung“. Die Menge strömte laut Bibel zusammen und war ergriffen, weil jeder die Apostel in seiner Sprache reden hörte: Der Geist, der über sie fiel „mit feurigen Zungen“, lässt sie in einer Sprache sprechen, die jeder – auch aus anderen Kulturen – verstand.

Andererseits ist Pfingsten gleichzeitig das missionarischste Fest überhaupt und markiert einen religiösen Universalismus, dem selbst eine Zweischneidigkeit innewohnt: Egal aus welchem Land, die Pilger in Jerusalem begannen, in anderen Sprachen zu sprechen – verstanden haben sie aber die christliche Botschaft, konkret: die Pfingstpredigt des Apostels Petrus.

Aus solcher Sicht könnte dieses Fest auch Denkanstöße hinsichtlich aktueller Fragen von Multikulturalismus und Integration geben. Was ist die Kraft, die unsere multisprachliche Welt von Zugereisten, Flüchtlingen und Mi­granten jeder Art jetzt schon oder zunehmend zu einer Gemeinschaft verbinden könnte? Aber auch: Wer bemüht sich um Verständnis, vom wem wird Anpassung verlangt und wer soll wem zuhören? Zu Pfingsten kamen Juden aus Syrien, Libyen, Ägypten, Mesopotamien aus religiösen Impetus zum Fest nach Jerusalem. Zu uns kommen Migranten und Flüchtlinge aus aller Herren Länder, auch wenn die Motive andere sind. Wie gelingt da Kommunikation?

Ich bin ein taz-Blindtext. Von Geburt an. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, was es bedeutet, ein blinder Text zu sein:

Wenn im Kontext von Migration von – erhofft – gelingender Kommunikation gesprochen wird, geht das irdisch sehr weit: mit gesuchtem Verständnis, Kontakt mit Feedback, ein Austausch von Gedanken, Gefühlen, von Werten, konkretem Wissen und Fähigkeiten. Es fängt an mit schon vorausgeschickter Empathie. Etwa wie im Ich- und Du-Verhältnis, wie Martin Buber oder Emmanuel Lévinas den jeweils „Anderen“ hinterfragen, als „Begegnung“ (Romano Guardini), oder wie Enrique Dussel den „Anderen“ im Verstehenshorizont zwischen Kulturen thematisiert. „Ich“ grenzt an „Du“ und spürt diese Grenze hart. Kommunikation ist auf dieser Ebene aber nicht Kernverschmelzung zweier Wesenheiten, so sehr wir gegrenzt sind im eigenen „Ich“, im Leib, der wir sind und Körper, den wir haben, der zugleich Ausdruck ist und Verhüllung.

Nicht nur von westlichen Philosophen, zumeist mit jüdischem Hintergrund, auch aus islamischem Hintergrund wird „der Andere“ in jüngerer Zeit problematisiert wie etwa das Thema “l’autre“ schon vor einigen Jahrzehnten in einer Konferenz der Maghreb Studies Association. In der Muslim Jewish Conference treffen sich seit einigen Jahren in Berlin jüdische und muslimische Aktivisten aus aller Welt zum Kennenlernen und Austausch.

Der Wille zum Kennenlernen mag am ersten Pfingsttag damals in Jerusalem Voraussetzung zur Bekehrung gewesen sein. Gleichzeitig war er der Wille zum Abbau von Fremdheit.