das portrait

Ein Kosmopolit auf dem Thron: Naruhito will als neuer Kaiser ein modernes Japan

Foto: dpa

Am gestrigen Mittwoch um 10.30 Uhr Ortszeit hat der japanische Kronprinz Naruhito Schwert und Krummjuwelen als Insignien des Chry­santhementhrons entgegengenommen. Damit tritt Japans älteste Institution in eine neue Zeit ein: Als erster Kaiser studierte Naruhito im Ausland und heiratete eine berufstätige Frau Der 59-Jährige joggt, klettert auf Berge, spricht fließend Englisch und spielt Bratsche. Noch nie war das Kaiserhaus so modern wie heute.

Wie sein Vater Akihito besuchte der neue Kaiser die frühere Adeligenschule Gakushuin. Nach einem Geschichtsstudium in Japan setzte er am Merton-College im englischen Oxford einen Abschluss in Wirtschaftsgeschichte drauf, mit dem Schwerpunkt auf Wasserwegen. Die ungewohnte Freiheit im Ausland fernab der höfischen Zwänge bezeichnete er einmal als „großen Schatz“: „In England habe ich gelernt, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und selbst Dinge in die Tat umzusetzen.“

Der neue Kaiser will den volksnahen Stil seines Vaters fortsetzen, der sich durch persönliche Begegnungen mit Katastrophenopfern und sozial Benachteiligten als Tröster der Nation profilierte. Der kaiserliche Grundsatz laute „Freude und Schmerzen mit dem Volk von Herz zu Herz teilen“, sagte Naruhito an seinem Geburtstag im Februar. Wie sein Vater dürfte auch er die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wachhalten und die pazifistische Nachkriegsverfassung verteidigen. Schon als Kronprinz nahm Naruhito eine kritische Haltung gegenüber Tendenzen zur Beschönigung von Japans Kriegsvergangenheit ein.

Jedoch will Naruhito auch eigene Akzente setzen. Das Kaiserhaus müsse seine Aufgaben an den Wandel der Zeiten anpassen und gesellschaftliche Erwartungen erfüllen. „Für solche neu verlangten Aufgaben möchte ich aufrichtig stehen“, sagte er und nannte als Themen Wasser, Armut, Kinder und Alte.

Zu einem wichtigen, aber unberechenbaren Faktor seiner Amtszeit könnte seine Frau Masako werden. Die frühere Karrierebeamtin im Außenministerium und Absolventin der Universitäten Harvard und Oxford unterscheidet sich in Herkunft, Ausbildung und Weltläufigkeit deutlich von ihrer Vorgängerin Michiko, die eher das traditionelle Bild einer Japanerin verkörperte. Doch Masakos angeschlagene Gesundheit könnte Naruhitos Amtszeit belasten. Vor allem wegen des Drucks aus der Kaiserfamilie und dem Hofamt, einen männlichen Thronerben zu gebären, entwickelte Masako eine „stressbedingte Anpassungsstörung“, so der offizielle Name ihrer Erkrankung. Das Paar ist seit fast 26 Jahren verheiratet. Er wolle ihr helfen und sie unterstützen, bekräftigte Naruhito immer wieder.

Unklar ist bislang, wie oft Masako mit ihm künftig auf dem diplomatischen Parkett auftreten wird. Doch dies sei entscheidend, um die Volksnähe des Kaisers aufrechtzuerhalten, meinen Kenner Japans. Schließlich sei der Erfolg des volksnahen Stils von Alt-Kaiser Akihito zum großen Teil dessen Frau Michiko zuzurechnen.

Martin Fritz, Tokio