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Selbst die Militärs sind verteufelt human

Foto: „Operation Red Sea“ (China 2018; Regie: Dante Lam). Die DVD ist ab rund 14 Euro im Handel erhältlich.

Als Dante Lam Ende der neunziger Jahre im Hongkong-Kino auftauchte, waren die großen und wilden Zeiten der Filmindustrie in der ehemaligen Kronkolonie gerade vorbei. John Woo begann, mit einigem Erfolg, in Hollywood zu arbeiten, Tsui Hark, die Ikone der Hongkong-New-Wave der späten siebziger, frühen achtziger Jahre, versuchte es auch, aber kehrte nach Misserfolgen bald in die Heimat zurück.

Es gab weiterhin hoch interessante Regisseure mit kunterbunten Filmografien, Johnnie To ist als Erster zu nennen, Meister des hongkongtypischen Eklektizismus, einer, der in rasanter Folge zwischen Komödie, Actionfilm und kruden Genrehybriden zu wechseln versteht. Aber die Dynamik erlahmte, die Spätblüten wurden seltener, die Nachwuchskräfte braver, die Filmproduktion begann sich mit der erstarkenden, sehr viel stärker zensierten Mainland-China-Industrie zu verzahnen.

Da platzte Dante Lam in die Szene. Er hatte, wie sich das früher gehörte, keine Filmschule von innen gesehen, sondern war über kleine Jobs in der Produktion erst Regieassistent, dann selbst Regisseur geworden. Mit „Triad Zone“ von 2000 hat er dann erstmals international Aufsehen erregt: einem Triadenfilm, der sich so unbekümmert ungebärdig, brutal und unvorhersehbar benimmt wie die alle Regeln spottenden Meisterwerke der Alten. Alles ist erlaubt, schräge Perspektiven, Jump Cuts und Zooms, ihrerseits rasante Wechsel zwischen Langsamkeit und Rasanz, Gewalt, Thrill, alberner Komik und Sentimentalität: Das war immer die große Stärke dieser im beste Sinn populären Ästhetik gewesen: dass sie nichts kennt, dass der absurdeste Irrwitz erwünscht, dass das Tolle neben dem Schönen gerade der gesuchte Effekt ist.

Mit Filmen wie dem Kriminalfilm „Beast Stalker“ (2008) oder dem Psychothriller „The Demon Within“ (2014) setzte Lam das durchaus konsequent fort, beide Filme liefen auf der Berlinale, es sah danach aus, als lebte der alte Spirit bei ihm weiter. Seit wenigen Jahren aber laufen die Wege der Alten und der Dante Lams brutal auseinander. Die einen schauen zurück, der andere hat sich, wie es aussieht, der Zukunft ergeben. Während Ann Hui, Tsui Hark, Johnnie To und andere Altmeister gerade an einem achtteiligen Film über die Hongkong-Geschichte arbeiten, ist Lam inzwischen eine Zentralfigur der chinesischen Mainstream-Filmindustrie. Seine Militär-Actioner „Operation Mekong“ (2016) und jetzt „Operation Red Sea“ (2018) sind Riesen-Blockbuster, Letzterer sogar der zweiterfolgreichste chinesische Film aller Zeiten.

Und klar, man sieht in „Operation Red Sea“ die Könnerschaft und Freude, mit der Dante Lam die vielen Kampfszenen detailverliebt choreografiert – so viel Auteur steckt in ihm, dass er das keinem anderen überlässt (am Drehbuch dagegen hat er nicht mitgeschrieben). Aber die Geschichte einer militärischen Eliteeinheit, die in einem riskanten Einsatz gegen afrikanische Terroristen eine chinesische Geisel befreit, ist dann doch kaum mehr als denkbar hochgerüstete Propaganda. Nicht unbedingt unsympathisch, vor allem in der Figur einer recht aufmüpfigen Reporterin. Auch sind die Militärs verteufelt human, gehen Umwege, um nicht-chinesische Geiseln zu retten, lassen heroisch für das Gute ihr Leben.

Mehr als eine mit zweieinhalb Stunden fast endlose Materialschlacht ist „Operation Red Sea“ dennoch nicht. Virtuos, logistisch eindrucksvoll, wieder und wieder hochbeschleunigt, aber zugleich: leer, ohne Witz, seelenlos. Alles Können, das darin steckt, steht im Dienst einer bloßen Überwältigungsrhetorik, die letzten Endes auf ein einziges Signifikat zuläuft: China. Vom Anarchischen und Termitischen des Hongkong-Kinos ist damit aber kein ­Fitzelchen übrig. Ekkehard Knörer