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„Ohne ärztliche Verordnung geht gar nichts“

Foto: privat

Jörg Korell,57, arbeitet seit 30 Jahren in der Aids-Hilfe und leitet seit 2005 die Beratungsstelle in Hamburg.

Interview Muriel Kalisch

taz: Herr Korell, welche Möglichkeiten gibt es, um sich vor einer HIV-Infektion zu schützen?

Jörg Korell: Es gibt drei Möglichkeiten: Die Verhütung mit Kondomen, die erfolgreiche Behandlung HIV-positiver Personen, die eine Weitergabe des Virus verhindert und die Prä-Expositions-Prophylaxe: die PREP. Dabei wird durch regelmäßige Einnahme eines bestimmten HIV-Medikaments ein Schutz aufgebaut, der verhindert, dass HI-Viren im Immunsystem andocken. Die drei Methoden sind in etwa gleich sicher.

Was ist der Unterschied zwischen PEP und PREP?

Die PEP ist ein Notfall-Medikament, das sehr zeitnah nach einem befürchteten Ansteckungsrisiko (Kondom gerissen, Nadelstich) eingenommen werden muss, um eine Ansteckung nachträglich zu verhindern. PREP-Medikamente dagegen bauen schon vor etwaigen sexuellen Kontakten einen Schutz auf, und dieser wird durch kontinuierliche Einnahme gehalten. Man könnte es mit der Anti-Baby-Pille und der Pille danach vergleichen.

Wer sollte denn diese Medikamente einnehmen?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden und sich zu diesem Thema am besten beraten lassen. Wir empfehlen die PREP Personen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern, Sexarbeitern, vor allem denen, bei denen Kondombenutzung häufig misslingt. Auch wird diskutiert, ob die PREP eine Option ist für Menschen, die sich Drogen mit Nadeln injizieren.

Wie bekomme ich es?

Ohne ärztliche Verordnung geht gar nichts. Besonders wichtig: Mit der Einnahme geht eine engmaschige medizinische Kontrolle einher. Tests auf HIV und andere „Sexual Transmitted Infections“ (STI), aber auch die Kontrolle der Nierenfunktion – bei sehr wenigen Patienten geht eine Veränderung mit den Medikamenten einher.

Jens Spahn hat kürzlich vorgeschlagen, dass das Medikament von Krankenkassen übernommen werden soll.

Ich war überrascht, finde es aber großartig. In Frankreich werden PREP-Medikamente vom Staat bezahlt, da sind die HIV-Infektionen deutlich gesunken.

Diskussion: „Let‘s talk about Prep, Baby“: Do, 2. August, 17 Uhr im Pride House Rostocker Straße 7

Hat das Medikament auch Nachteile?

Die Pille schützt nicht vor anderen STIs. Es ist besonders wichtig darüber aufzuklären, um zu verhindern, dass die Menschen nur noch damit verhüten – und die Ansteckungsraten anderer STIs wieder steigen.

Wie hoch ist die Gefahr, sich in Deutschland derzeit mit HIV anzustecken?

Wir haben seit Jahren eine relativ konstante Ansteckungsrate in Deutschland. Im vergangenen Jahr haben sich etwa 3100 Personen neu infiziert. Von einem bestimmten Infektionslevel schaffen wir es aber einfach nicht herunter.