Annabelle Hirsch Air de Paris

Das kommt im Winter schon mal vor – nur nicht in Paris

Foto: privat

Vergangene Woche passierte in Paris etwas so Ungeheuerliches, dass man darüber alles andere vergaß. Etwas, das zwar, so weit waren auch die Pariser informiert, theoretisch mal vorkommen kann, erfahrungsgemäß aber nie passiert, das niemand erwartet und offenbar auch niemand vorhergesehen hatte und deshalb alle eiskalt überraschte: Es schneite.

„Aha“, mögen Sie nun denken, „das kommt im Winter schon mal vor.“ Und an sich hätten Sie damit auch vollkommen recht. Nur eben nicht in Paris. Denn so banal das manchen erscheinen mag, so unglaublich schien es dort. Es war, man glaubt es kaum, „die“ Nachricht der Woche. Quasi die einzige. Macron auf Korsika? Groko in Deutschland? Olympische Winterspiele in Pyeongchang? Alles egal. Weil, hey: Es schneite! Es schneite am Dienstagmittag. Es schneite am Dienstagabend. Es schneite am Mittwoch. Und auch am Donnerstag, an dem Tag, an dem es eigentlich hieß, nun höre es wieder auf, da schneite es auch.

Für deutsche Verhältnisse war die Menge weißer Flocken, die da drei Tage lang vom weiterhin unbeirrt grauen Himmel fielen, überschaubar, man hätte vielleicht mal gesagt: „Cool, es schneit“, ein bisschen Kies auf den Gehwegen und Salz auf den Straßen gestreut und damit wäre es das auch gewesen. In Frankreich hingegen machte man wenig bis gar nichts und sprach, Achtung, von einem „Chaos“. Man empfing den Schnee, zumindest in den Nachrichten, so, als handle es sich um eine nukleare Katastrophe. Um etwas, das nie hätte passieren dürfen, vor dem sich alle in Sicherheit bringen müssten …

Kurz: Man war auf offizieller Seite absolut überfordert. So sehr, dass in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ein paar hundert Menschen eine ganze Nacht lang in ihren Autos festsaßen. Während sich in der Hauptstadt die meisten über diesen unverhofften Schneesegen freuten, etwas zögerlich durch die leeren, weiß bedeckten Straßen tippelten, sich ausnahmsweise mal gegenseitig anlachten und vielleicht erstmals mit Schneebällen bewarfen, steckten diese armen Geister fest, irgendwo auf einer Landstraße, wussten nicht, was passiert, bis am nächsten Morgen ein paar nette Studenten vorbeikamen und sie mit Keksen fütterten. Danach wurden sie ganz langsam „evakuiert“.

All das nur wegen des Schnees. Und nicht nur im Pariser Umland. In Paris selbst erklärte man den Bewohnern am Mittwoch früh übers Radio, sie sollten auf gar keinen Fall ihre Autos benutzen, die Roller schon gar nicht, es liege ja ganz viel Schnee auf der Straße. „Attention! Attention! Il neige!“, hieß es und man nahm die Warnung ernst. Es fuhren weder Busse noch Trambahnen, kaum Taxen und auch bei Uber trauten sich nur die ganz Mutigen ans Steuer.

Die Geschäfte schlossen verfrüht ihre Türen, weil es sowieso kaum Kundschaft gab, und ihre Mitarbeiter wegen all der RER-Ausfälle sonst nie nach Hause kommen würden. Die Menschen, die man auf den relativ leeren Straßen traf, waren eingepackt, als wären sie auf dem Weg nach Sibirien. Plötzlich stampften die sonst so eleganten Frauen in bunten Moonboots über den Boulevard Saint Germain, sie packten die sonst viel zu warmen Felljacken aus, trugen Mützen, Handschuhe, wahrscheinlich auch gehaltvollere Gesichtscreme.

Ein junger Mann mit breiter Skibrille fragte mich lachend, wo denn meine sei, das sei jetzt der letzte Schrei in Paris. Wie immer war man dort modisch besser gewappnet als praktisch, denn das mit dem Schneeschaufeln ist man als Pariser nicht gewohnt, immerhin liegt das letzte „Schneechaos“ mindestens acht Jahre zurück. So sah ich am Donnerstagmorgen einen Mann, wie er verzweifelt mit einem Fensterabzieher vor seinem Geschäft den Schnee schippte, die Jungs vom Autoverleih nebenan versuchten es tapfer mit einem kleinen Besen.

Es war grotesk. Und wahnsinnig komisch. Und sehr überraschend. So sehr, dass irgendein Klatschblatt am Donnerstag titelte, der Hund der Macrons habe in dieser Woche seine ersten Schritte im kalten Weiß gemacht. Wie lustig, dachte man, jetzt hat der Mann auch noch den Schnee nach Paris gebracht. Und rutschte weiter in Moonboots über das matschige Trottoir.

Annabelle Hirsch ist freie Autorin in Paris