Autoritäre Bewegung Im Norden versucht die Identitäre Bewegung sich zu etablieren. Lässige „IBster“ wollen sie sein, verankert sind sie aber im ewig Gestrigen

Rechtsextreme im Hipstergewand

Hatte zunächst seine Probleme mit den Identitären: Götz Kubitschek (r.) mit „Compact“-Chefredakteur Jürgen Elsässer bei einer Blockade der Berliner CDU-Zentrale 2016 Fotos: Bernd von Jutrcenka/dpa

von andrea Röpke
und Andreas Speit

Heimatverliebt – Jugend ohne Migrationshintergrund“ – den gelben Aufkleber mit schwarzen Lettern kann man im Webshop der Identitären Bewegung (IB) bestellen. „Aus Liebe zum Eigenen“, „Unser Land – unsere Werte“ und „Re-Migration statt Asylwahn“ hat der eingetragene Verein um Nils Altmieks auch im Angebot. 100 Stück für vier Euro.

Sogar einen Jutebeutel gibt es, mit den Slogan „Europas Zukunft – Identitäre Bewegung“ und ihrem Symbol, dem griechischen Buchstaben Lambda, eine Anspielung auf die Spartaner. Für 6,50 Euro. „Egal ob für den Einkauf oder den Transport des aktionistischen Materials. Jutebeutel gehören zum Standard-Accessoire für jeden IBster“, wird der Beutel beworben. Genau wie für ihr stilistisches Vorbild, die Hipster. Lässig und locker, cool und clever möchte diese Jugendbewegung der selbst ernannten Neuen Rechten wahrgenommen werden. Die „IBster“ sind im Norden der Republik eng verwoben mit Neonazi-Kameradschaften, völkischen Siedlern bis hin zur AfD.

Seit 2012 ist die von der „Génération Identitaire“ inspirierte IB in Deutschland aktiv. Am 10. Oktober vor fünf Jahren startet ein Identitärer aus dem niedersächsischen Weyhe mit einem öffentlichen Profil bei Face­book. Einen Tag zuvor hatte die „Génération Identitaire“ das Video „Déclaration de guerre“ – Kriegserklärung – online gestellt. In dem schwarz-weiß gehaltenen Clip erklären Jugendliche in schnell geschnittenen, kurzen State­ments: „Wir sind die Bewegung, d­eren Generation doppelt bestraft ist: Verurteilt, in ein Sozialsystem einzuzahlen, das durch Zuwanderung so instabil wird, dass für uns und unsere Kinder nichts mehr ­übrig bleibt.“ Und: „Unsere Genera­tion ist das Opfer der 68er, die sich selbst befreien wollten von Tradi­tionen, Werten, Familie und Erziehung. Aber sie befreiten sich nur von ihrer Verantwortung.“

Die Kriegserklärung erreichte in einer Woche über 60.000 Klicks. Auch auf Deutsch ist sie online zu lesen: „Wir sind die Bewe­gung, die auf unsere Identität, unser Erbe, unser Volk und unsere Heimat schaut und erhobenen Hauptes dem Sonnenaufgang entge­gengeht. (…) Glaubt nicht, das hier wäre einfach nur ein Manifest, es ist eine Kampfansage an diejenigen, welche ihr Volk, ihr Erbe, ihre Identität und ihr Vaterland hassen und bekämpfen! Ihr seid das Ges­tern, wir sind das Morgen!“

In den sozialen Netzwerken nutzt die IB auch Motive aus US-amerikanischen Blockbustern, um ihre antimodernen Botschaften zu transportieren. Sie verbinden Kapitalismuskritik mit ökologisch-spirituellen Vorstellungen. Das wirkt so gar nicht traditionell extrem rechts.

Das Milieu der Neuen Rechten geht inzwischen begeistert auf die Jugendlichen zu. Keine Überraschung, denn sie beziehen sich auch auf deren Sehnsucht nach Gegenaufklärung und sorgen sich um den „Identitätsverlust“ im Land.

Generation Opfer „Unsere Genera­tion ist das Opfer der 68er, die sich selbst befreien wollten von Tradi­tionen, Werten, Familie und Erziehung. Aber sie befreiten sich nur von ihrerVerantwortung“

Aus der „Kriegserklärung“ der IB

Eng ist Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik mit der IB nicht bloß über deren führenden Kader Martin Sellner verbunden. Interne Materialien der IB offenbaren, dass sie über das von Kubitschek mitinitiierte Netzwerk „Ein Prozent für unser Land“ Geld und Hilfen erhalten. Daraus geht auch hervor, dass sich die rund 500 Mitglieder der Gruppe als aktivistische Kader verstehen. Als „radikale Avantgarde“ wollen sie, getreu dem französischen Vorbild, mit Aktionen das „politische Fenster“ immer wieder erweitern und der „metapolitischen Hegemonie trotzen“, ­schreiben sie.

Dabei hatten Neue Rechte und Identitäre zunächst gefremdelt. Noch im Februar 2013 schimpfte Kubitschek auf sezession.net über die Identitäre Bewegung, die sich nicht als „virulente Protestbewegung“ etablieren könne, da sie keine „Führungspersönlichkeiten“ herausbilde. Sie bräuchte aber, so der Mitgründer des Instituts für Staatspolitik, „Männer“, „Desperados“, die bereit seien, stärker Gesicht zu zeigen. Drei Jahre später hat er seine „Desperados“, die mit Aktionen bundesweit Schlagzeilen machen.

Obwohl der Rostocker Daniel Fiß als bundesweit führend innerhalb der Identitären Bewegung gilt, bestreitet die Regionalgruppe in Mecklenburg-Vorpommern ihre Aktionen mit nicht einmal zwei Dutzend Aktivisten, vor allem Studenten. An einem Wochenende verteilte ein Häuflein junger Männer, modern gekleidet und freundlich lächelnd, Flyer für den „identitären Infokrieg“ in Wolgast und Zinnowitz. Danach zeigte sich eine Dreiergruppe bei ­Facebook mit dem neuesten Coup: Sie verkleben rote „Outing“-Sticker mit dem eigenen Konterfei. Das soll lässig und cool wirken und für reichlich Klicks und Likes im Netz sorgen. Die Aktion war ein Konter: Antifaschistische „Outings“, also die öffentliche Kennzeichnung rechter Aktivisten gegen deren Willen, hatten die Identitären vorher in die Defensive gedrängt.

Keine Provokation von rechts ohne Dokumentation: Ob ein Parteibüro der SPD beklebt oder eine IB-Flagge irgendwo eilig gehisst wird – immer sind es Inszenierungen für Facebook, Twitter oder Youtube. „Virale Kontagiosität“ nennt der Vorsitzende des Bloc Identitaire, Fabrice Robert, das Konzept und führt im Interview mit der rechten Wochenzeitung Junge Freiheitaus: „Wenn 100 Leute an der Aktion teilgenommen haben, sind es vielleicht 100.000, die davon erfahren.“ Die Straßen und die Informationsnetzwerke, so Robert, „müssen beide als unser Terrain erkannt werden, um unserem Volk nahe zu sein“ und „den Geist“ zu erobern.

Mit den „Outing“-Aufklebern dreier Anführer von der Küste soll der Anschein erweckt werden, die IB arbeite keinesfalls konspirativ. Daniel Fiß und Hannes Krünägel sowie Mathematiker Daniel Sebbin zeigen sich darauf. „Hannes Krünägel liebt seine Heimat“ steht auf einem. Der 27-jährige Student, „gebürtig aus Pommern“, ist Regionalleiter der IB in Mecklenburg-Vorpommern und einer der Wortführer neben Fiß. Letzterer erklärte jüngst in einem TV-Interview: „Wir glauben, dass jeder Mensch ganz klar eine Emotionalität zu seiner Heimat aufbaut. Das Gefühl des Heimwehs zum Beispiel, das kann man jetzt natürlich mit ganz vielen psychologischen Kernmerkmalen betrachten, wie hängt das zusammen, aber ich glaube, dass jeder Mensch irgendwo eine Heimatbindung hat.“

IB-Vordenker Fiß ist kein Politneuling. Erfahrungen sammelte der 23-jährige Politikstudent zunächst in der Rostocker Kameradschaftsszene und danach bei der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“. Noch 2014 beteiligte er sich an einem NPD-Aufmarsch. Beim neugegründeten „Projekt Kontrakultur“ war Fiß dann früh einer der wenigen, die sich offen zeigten. Die Gruppe beteiligte sich 2014 an einem „Vernetzungslager“ norddeutscher Identitärer. Neben Arbeitszirkeln gab es ganz im völkischen Stil Lagerfeuer und Sport. 2015 nahmen die neuen Identitären von der Ostseeküste an „Mvgida“-Aufmärschen teil.

Seit 2016 zeigt sich die Gruppe mit AfD-Politikern wie dem Rostocker Landtagsabgeordneten Holger Arppe. Parteimitglieder sympathisieren öffentlich mit der rechtsex­tremen Nachwuchstruppe. Mindestens zwei Identitäre fanden sogar Beschäftigung bei der Partei: Jan-Phillip Tadsen ist wissenschaftlicher Referent im Innenausschuss für die AfD-Fraktion und Albert Glas Mitarbeiter bei Arppe. Bei einer Veranstaltung des weit rechten Compact-Magazins in Schwerin sagte der wegen Volksverhetzung erstinstanzlich verurteilte Arppe 2016: „Von der Identitären Bewegung kann sich dieser ganze linksex­tremistische Abschaum mal eine Scheibe von abschneiden.“

Der AfD-Abgeordnete erfuhr 2017 durch eine Kleine Anfrage von der Landesregierung, dass die IB als „rechtsextremistischer Verdachtsfall“ eingestuft werde. Sechs Straftaten waren 2016 aufgelistet worden. Rostock zeichnet sich inzwischen als Hauptanlaufstelle der IB Deutschland ab. Antifaschistische Recherchen ergaben, dass sich bereits im Oktober der Verein „Heimwärts e. V.“ gegründet hatte. Dessen Zweck lautet: „Einflussnahme auf die öffentliche Meinung und Willensbildung“. Eine komplette Etage eines Hauses in der Rostocker Innenstadt soll der IB zur Verfügung stehen.

In Hamburg besetzten Identitäre 2015 für Minuten den Balkon der SPD-Parteizentrale, um vor dem „Großen Austausch“ der autochthonen Bevölkerung zu warnen. Der Hamburger Ortsgruppenleiter Stefan Lüdtke nennt sich in den sozialen Netzwerken „Leon Degener“ oder auch in Anlehnung an einen belgischen Offizier der Waffen-SS „Leon Degrell“.

Ab November 2015 besteht eine Kooperation mit der Hamburger Burschenschaft „Germania“. Stammtische der IB HH und gemeinsames Kampfsporttraining fanden regelmäßig auf dem Hause der Germanen statt. Andreas Kinsing soll intern gelobt haben, dass die Germanen „mittlerweile erfolgreich von uns ‚unterwandert“ seien. Eine Fusion soll abgestritten werden, „falls nötig“, heißt es internen Quellen zufolge.

Im November 2016 protestierten „identitäre Mädels und Frauen“ gegen „sexuelle Gewalt“ durch Flüchtlinge. Auf Facebook findet sich eine Aufnahme der Aktion. Drei junge Frauen stehen auf der Stadtseite des Hamburger Hafens. Die erste hält ein Plakat mit der Jahreszahl 2006 hoch, die zweite mit der Zahl 2016. Sie zeigt Spuren von Verletzungen am Körper. Die dritte hält die Zahl 2026 hoch und ist in eine Burka gekleidet. Das Bild von der sexuellen Bedrohung der Frau allein durch „Fremde“ führt direkt in den Kulturkampf. Das Credo der Identitären, „Geschlechterkampf tötet Liebe“, macht aber grundsätzlich klar, wo die Grenzen der Frauenrechte sind: Rollen- und Geschlechterverhältnisse sollen nicht ins Wanken geraten.

Die Identitären in Niedersachsen, Hamburg und Bremen sind eher alte Schule als „Popnazis“. Sie geben an, beim Wandern Natur und Geschichte entdecken zu wollen, um die Zukunft „unserer Art gemäß“ zu gestalten. Im September 2014 feierte zunächst eine Gruppe namens „Identitärer Großraum Hannover“, die identitäre Idee sei nun auch in Deutschland geboren. Die Rede war vom „steinernen Marschweg des kämpfenden Menschen in eine glänzende Zeit“. Ein erstes überregionales Winterlager wurde abgehalten, auf Fotos zeigen sich die jungen Männer nahezu militärisch. Sie stehen stramm, während ein Anführer spricht.

Interne Unterlagen offenbaren, wie straff organisiert diese Jugendbewegung ist. Ohne Absprache mit dem Leiter soll nichts laufen. Eigeninitiative ist unerwünscht. Zur politischen Schulung gehören auch Verhaltensregeln gegenüber der Polizei: „Vergiss nie: Wenn du in U-Haft bist, (…), bist du kein Krimineller, sondern ein Aktivist und du kämpfst weiter.“ Und: „Die erste Regel für alle Identitären ist Loyalität. Niemandem wird vergeben, wenn er einen aus unseren Reihen verrät. Wir sind ein Klan und halten zusammen.“