Kino Nicolette Krebitz über ihren Spielfilm „Wild“, durchsichtige Frauen und Gefühle gegenüber Wölfen

„Die Nacktheit wird ein Kostüm“

Ania (Lilith Stangenberg) und der Wolf in einer Szene aus „Wild“. Foto: Heimatfilm

Interview Carolin Weidner

Nicolette Krebitz’ dritter Spielfilm „Wild“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau. Diese wird verkörpert von der Berliner Volksbühnen-Schaupielerin Lilith Stangenberg. Inmitten alltäglicher Tristesse verliebt sich die junge Frau in ein wildes Tier – in einen Wolf.

taz: Frau Krebitz, Sie haben Ihren Film „Wild“ als eine „Unabhängigkeitserklärung“ bezeichnet. Da habe ich mich gefragt: von was?

Nicolette Krebitz: Die „Unabhängigkeitserklärung“ war eine Antwort auf die Frage, ob „Wild“ eine Emanzipationsgeschichte sei. Und da habe ich gesagt: Eigentlich eher eine Unabhängigkeitserklärung. Weil es nicht so sehr darum geht, sich von Männern zu emanzipieren, wofür der Begriff „Emanzipation“ ja in der Regel benutzt wird, sondern sich überhaupt unabhängig zu machen. Von Sachen, die einem erzählt werden. Was man angeblich braucht und haben muss. Was man leisten muss. Oder wie man sein soll.

Daher das Wütende im Film?

Ich finde den Film nicht wütend. Eher kraftvoll. Vielleicht auch mal aggressiv, aber immer für und nicht dagegen. Die Hauptdarstellerin hat etwas Anpackendes, sie ist aktiv. Es wird etwas in ihr geweckt, das verschüttet lag. Zunächst wird sie zu einer Jägerin, dann zu einer Vollstreckerin und letztlich zu einer Frau, die ausschließlich sagt, was sie sagen möchte, und tut, was sie tun möchte.

Von welcher Idee wurden Sie bei „Wild“ dabei geleitet?

Die Erkenntnis, dass Filme durch ihre wahre Identität, den Vorschlag, den sie machen, Energie freisetzen können, habe ich bei „Wild“ zu jeder Zeit sehr ernst genommen. Ich wollte der Originalidee unbedingt treu bleiben und ihre Energie, die ich auch für meine eigene halte, in den Film bringen. Ich würde Leute immer eher ermutigen, Dinge zu tun oder sich zu befreien von Sachen, die ihnen zu eng sind. Was zu riskieren. Weil ich weiß, dass das immer belohnt wird.

Was ließe sich dabei über Reinhold Vorschneider sagen, der die Kinematografie für „Wild“ übernommen hat?

Ich habe von Reinhold viele Filme gesehen, aber „Räuber“ von Benjamin Heisenberg hat mich auf eine Weise beeindruckt, dass ich überhaupt erst auf die Idee gekommen bin, ihn zu fragen. „Räuber“ war unheimlich tänzerisch gefilmt. Und dabei zurückgenommen – wie Reinhold ist: still beobachtend und dennoch virtuos. Er begegnet einer Geschichte von innen, auf einer für alle anderen verborgenen Ebene. Und irgendwo da muss man sich treffen, um die Szenen zu besprechen. Das ist manchmal wie Pingpong in totaler Finsternis. Für jede Situation das eine Bild zu finden, ist bei ihm ein zutiefst künstlerischer Vorgang.

In beiden Filmen spielt Nacktheit eine Rolle. Daher meine Frage: Was kann sie?

In „Wild“ bietet sie zum Beispiel einen Gegensatz zum Fell. Und die Begegnung zwischen beidem, nackter Haut und Fell, erzählt viel vom Inhalt der Geschichte. Die Nacktheit kann aber alles Mögliche sein. Sie kann tollkühn sein oder verletzlich. Eine Schönheit haben oder auch etwas Unbekanntes. Bei Lilith Stangenberg ist es so ähnlich wie bei Nina Hoss, obwohl sie sehr unterschiedliche Schauspielerinnen sind: beide bleiben, selbst wenn sie nackt sind, komplett angezogen. Durch ihren Mut und ihre Treue zu den Figuren behalten sie immer ihre Würde.

Wie ist Lilith Stangenberg mit ihrer Rolle umgegangen?

Lilith geht es vor allem darum, was der Inhalt, wer die Figur ist. Sie wollte zum Beispiel auf keinen Fall, dass man ihr die Angst oder ein Schamgefühl ansieht. Denn die Figur in „Wild“ ist eine, die wie beim Roulette alles auf eine Farbe setzt. Und wenn Lilith das spielt, dann ist es eben nicht mehr „Eine Schauspielerin zieht sich aus“, sondern „Eine Figur setzt alles auf Rot“. Dann wird die Nacktheit plötzlich ein Kostüm – das essenzielle Kostüm für diese eine Szene. Generell gebe ich aber auch gerne zu, dass es für mein Empfinden in den letzten Jahren zu wenig Nacktheit im Film gegeben hat. Wirkliche, echte Nacktheit, die Teil der Erzählung ist, die friert oder glüht und nicht bloß ausstellt oder zum Verkauf da ist.

Nicolette Krebitz

Foto: Nicolette Krebitz

geboren 1972, ist Schauspielerin, Regisseurin und Musikerin. Seit den 90ern in Kino und Fernsehen präsent („Tempo“, „Bandits“, „Unter dir die Stadt“, „Draußen ist Sommer“), verwirklicht sie 2001 ihren ersten eigenen Spielfilm „Jeans“, der einen Sommer in Berlin-Mitte zeigt. 2007 folgte „Das Herz ist ein dunkler Wald“ mit Nina Hoss in der Hauptrolle. Für ihn hat sie, ebenso wie für ihren aktuellen Film „Wild“, auch das Drehbuch verfasst.

Ania erlebt in „Wild“ eine offensichtliche Transformation, die aber sehr subtil inszeniert ist.

Am Anfang ist Ania ein beinahe durchsichtiges Mädchen. Die hellblaue Jacke, die sie trägt, lässt sie fast eins werden mit den Plattenbauten um sie herum. Die Kostümbildnerin Tabassom Charaf hat uns sehr dabei geholfen, Lilith zu einer zu machen, die so wenig da ist, dass die Menschen in der Fußgängerzone, so habe ich es mir zumindest immer vorgestellt, einfach durch sie hindurchgehen können.

Dann begegnet sie dem Wolf, verliebt sich in ihn. Mit allen Konsequenzen, auch erotischen.Ich glaube, dass diese Gefühle, die der Wolf in ihr wachgerufen hat, sich für sie so anfühlen wie Liebe. So eine Sensation. Wo plötzlich alles einen anderen Sinn bekommt, alles durch eine andere Brille gesehen wird. Wo man durch die Tür tritt und das Gefühl hat, man wird beobachtet. Und alles, was man tut, ist es wert, gestaltet zu werden. Das ist ein Erwachen, das eben auch eine sexuelle Komponente hat. Und die Sinne, die in jede Richtung aufgestellt sind, provozieren natürlich auch so eine gewisse Sehnsucht danach, die um Erfüllung bittet. Und wenn das Objekt, das du dir ausgesucht hast, ein Wolf ist, der dich diese Sachen fühlen lässt, dann empfinde ich die damit einhergehende Erotik nicht als Irrweg, sondern als natürlichen Lauf der Dinge. Davor wollte ich auch nicht zurückschrecken.

Handlungsort von „Wild“ ist Halle. Warum?

Als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben, gab es gerade wirklich wieder die ersten Wölfe im Osten. Ich habe nach einer Stadt gesucht, die ein Bild dafür sein könnte. Die Menschen gehen von dort weg. Und dafür kommen die Wölfe. Außerdem brauchte ich einen Park, der eine Stadtanbindung hat, aber gleichzeitig in ein offenes Gebiet mündet. Wo es auch tatsächlich hätte sein können, dass Wölfe nachts in die Stadt kommen, sich aus so einem McDonald’s-Container einen alten Cheeseburger rausholen und wieder gehen. Und alles, was es gibt, ist ein Überwachungskamerafoto. Gleichzeitig ist Halle aber auch interessant wegen seiner Aufteilung in Neu- und Altstadt. Beide haben nichts miteinander zu tun. Ania arbeitet völlig entfremdet und ohne Bezug in der Altstadt und fährt dann zurück in die Neustadt. Halle wurde zum perfekten Bilderbuch von „Wild“.

„Wild“. Regie: Nicolette Krebitz. Mit Lilith Stangenberg, Georg Friedrich u. a. Deutschland 2014, 97 Min. Ab 14. April in den Kinos