Heute in Bremen

„Mit Musik gefoltert“

Vortrag Auf der „Funke“-Ausstellung spricht David Wallraf über Machtverhältnisse in der Musik

David Wallraf

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38, Musiker, promoviert an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg im Fach Philosophie.

taz: Herr Wallraf, ist Musik böse?

David Wallraf: Nein, sie ist weder böse noch gut. Musik hat viel mit Funktionen zu tun. Die moralischen Kategorien gut und böse sind nicht angebracht. Musik und Klänge sollen produktive oder destruktive Zwecke erfüllen. Das hat auch etwas mit Machtverhältnissen zu tun.

Inwiefern?

Beispielsweise, indem Bereiche des öffentlichen Raums vorstrukturiert werden, ohne dass Menschen bestimmen können, was sie hören. Ein Beispiel dafür ist der Hamburger Hauptbahnhof. Hier laufen 24 Stunden am Stück gefällige Songs. Früher, um Obdachlose und Junkies zu vertreiben, jetzt, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Hier findet eine bewusste Modulation der Stimmung statt.

Was bedeutet Modulation?

Hier greife ich auf Foucault und Deleuze zurück und muss etwas weiter ausholen. Ersterer prägte den Begriff der Rhythmisierung. Der menschliche Alltag spielt sich nicht mehr zwischen Sonnenauf- und -untergang ab. Er wird durch abstrakte Zeiten, Arbeit und Termine gesteuert.

Und Deleuze?

Er spricht von einer Gesellschaft, die durch Modulationen beeinflusst wird, solche der Wahrnehmung oder Gefühlslage. Die Werbung setzt zunehmend auf solche Modulationen.

Wie sieht das konkret aus?

Man nennt es Audio-Branding. Unternehmen wenden es seit 2000 immer mehr an. Sie schauen nicht mehr, „wie sieht mein Logo aus?“, sondern planen generalstabsmäßig die akustische Dimension einer Marke. Klänge oder Musik werden gezielt genutzt, um die „Seele eines Unternehmens“ im öffentlichen Raum zu platzieren.

Wie wird Musik in Verbindung mit Gewalt und Krieg genutzt?

In Guantanamo wurden Häftlinge gezielt mit Musik gefoltert. Die Musik der Sesamstraße kann nach 24 Stunden weitaus perfider wirken als undefinierbarer Lärm. Der IS nutzt auch Kampflieder als Propaganda. Die sind sogar catchy und gut produziert, obwohl im IS Musik verboten ist. Es kommt auf die Intention an.

Interview: Jannik Sohn

20 Uhr, Spedition