zwischen den rillen

Gesang der bärtigen Sirenen

Rayon: „ll Collo e la Collina“, „Libanon“ (Alien Transistor/Morr/Indigo)

Man darf nicht davon ausgehen, dass die Sirenen laut singen. Britney Spears, Katy Perry und Taylor Swift hätten keine Chance bei der Bewerbung für diese höchste Stelle im Musik-Business. Sie sind weit entfernt von der Unwiderstehlichkeit des Sirenengesangs. Was sie für unwiderstehlich halten, ist eine Strategie der Überwältigung durch Lautstärke, einfache Melodien und Sex. Das Geheimnis der Sirenen liegt ganz woanders: Sie locken und reizen den armen Reisenden auf subtilere Art.

So ist das Doppelalbum von Rayon viel eher Sirenenmusik. Sie zelebriert Unaufdringlichkeit, um ihre Hörer zu verführen und um dann mit einer umso größeren Nachdrücklichkeit haften zu bleiben. Nicht dass man einen der Tracks auf „Il Collo e la Collina“ und „Libanon“ pfeifen könnte – keine Chance! Aber sie reizen dazu, eben weil man sie erinnert und vergisst, immer wieder mal nachzuhören, wie das jetzt wirklich war.

Das Versprechen des Orts

Man muss sich die Sirenen also als bärtigen Mann aus Weilheim vorstellen. Dieser Mann, Markus Acher, ist wesentlicher Teil des um die Band The Notwist bestehenden, an Haupt- und Nebenprojekten nicht gerade armen Musikkosmos. Wann genau er sich die Zeit genommen hat, auch noch Filmsoundtracks zu komponieren, ist nicht ganz klar. Ist aber eben auch nicht unbedingt relevant, wenn dann „Il Collo e la Collina“ und „Libanon“ herauskommen.

„Il Collo e la Collina“ ist der Arbeitstitel eines Films der italienischen Regisseurin Eleonora Danco, der dann unter dem Titel „N-capace“ veröffentlicht wurde. Als Bonus zu seinem Soundtrack ist auf dem Album unter dem Titel „Libanon“ noch die Musik zum Film „Maître, Lihseb Please“ (2006) von Michael Shamberg enthalten.

Auffällig an beiden Filmmusiken wirkt erst einmal, dass sie es – auch wenn man die Filme nicht kennt – schaffen, die Geschlossenheit eines Orts zu vermitteln. Auch darin liegt das Verlockende dieser Musik: das Versprechen des Orts, den Acher aus Tönen miterschaffen hat.

Acher bedient sich dabei Weilheim-typischer Stilmittel: verspielte Loops und Patterns, die in winzigen, sorgsam inszenierten Variationen jedem Track sein individuelles Gerüst geben. Dazu etwas analoge Patina durch leises Rauschen und als Spezialzutat hie und da noch ein überraschendes Zucken, kurze Andeutungen von Geräuschen, die klingen, als würde ein Satz mitten im Wort einfach abbrechen.

Sprache als Geräusch

Worte, Sprachfetzen gibt es übrigens auf den wenigsten Tracks zu hören, und wenn, haben sie keinen relevanten Inhalt, sondern sind lediglich Geräusch. Auch wenn die Unaufdringlichkeit beide Soundtracks vereint, sind die Unterschiede dennoch klar zu erkennen.

Während Acher bei „Il Collo e la Collina“ zu elektronischer Sound-Eerzeugung tendiert, ist „Libanon“ von Cello und Klavier geprägt und weckt ferne Erinnerungen an das bahnbrechende Notwist-Album „Neon Golden“ von 2002. Das klingt gelegentlich etwas zu schmachtend und leidend. Deswegen ist auch die Hierarchie auf dem Album vollkommen nachvollziehbar: „Il Collo e la Collina“ ist die Hauptsache, „Libanon“ der Bonus.

Trotz allem eignen sich alle Stücke auf dem Album vorzüglich, um in einer Stimmung zu schwelgen, die einmal als „Das Weilheimer Gefühl“ bezeichnet wurde. Ein Gefühl, in dem sich die Verlorenheit in der Großstadt genauso widerzuspiegeln scheint wie die Verlorenheit der Provinz, die aus der Sehnsucht nach der großen Stadt entsteht.

Wozu dieses Gefühl führt, kann man gerade in Berlin täglich beobachten, wo sich ganze Straßenzüge der kommerziellen Vermittlung zwischen Provinz und Großstadt widmen.

Aber zurück zum Thema: Auch die Großstadt ist eine Sirene. Und folgt man ihrem Ruf, ist man allzu leicht verloren. Als Trost: diese Musik.

Elias Kreuzmair