Abschiebung: Geknebelt, abgeschoben, erstickt

Ein Nigerianer stirbt qualvoll, während er aus Spanien deportiert wird. Er wurde im Linienflug abgeschoben, gefesselt und geknebelt. Um ihn herum saßen vier Polizisten. Deren Version: Selbstmord

Bereit zum Abschieben: Flugzeuge in Madrid. Bild: reuters

Madrid taz Tod durch Herzinfarkt oder Opfer von Misshandlungen? Wenn es um den Tod des Nigerianers Osamuyia Aikpitanhi geht, ist nur eines klar: Er überlebte seine Abschiebung aus Spanien nicht. Am Samstag wurde der 23jährige von vier spanischen Polizisten an Bord einer Linienmaschine von Madrid nach Lagos gebracht. Der Flüchtling, der vier Jahre in Spanien ohne Papiere gelebt hatte, war an Händen und Füßen gefesselt. Ein Lumpen wurde in seinen Mund gesteckt, die Lippen mit einem Klebeband abgedeckt.

Aikpitanhi hatte bereits zweimal zuvor erfolgreich gegen eine Verbringung in seine Heimat, wo ihm ein Verfahren wegen Vergewaltigung und Mord drohte, Widerstand geleistet. Auch dieses Mal sei er extrem gewalttätig gewesen, rechtfertigten die beiden Polizisten, die ihn auf dem Flug begleiteten, die Fesselung. Ein Stunde nach Start habe Aikpitanhi begonnen, schwer zu atmen. Die beiden Polizisten versorgten ihn nach eigenen Angaben mit Sauerstoff. Doch es half nichts. Aikpitanhi starb. Laut Presseberichten protestierten daraufhin die restlichen Passagiere des Linienfluges und erreichten, dass der Kommandant der Iberia-Maschine die Reise abbrach und im ostspanischen Alicante landete.

Während sich das spanische Innenministerium in Schweigen hüllt, ordnete ein Untersuchungsrichter eine Autopsie an. Aikpitanhi sei an einem Herzkreislaufversagen gestorben, lautet das vorläufige Ergebnis. Ob dies durch Ersticken provoziert wurde oder nicht, muss eine genauere Untersuchung erbringen. Herz und Lunge des Toten wurden dazu in ein gerichtsmedizinisches Institut in Barcelona geschickt. Der Leichnam weise außerdem zwei leichte Prellungen an den Handgelenken und auf dem Rücken auf. Der Richter wird in den kommenden Tagen zwei weitere Abschiebehäftlinge, die sich ebenfalls an Bord befanden, sowie die Begleitbeamten verhören.

"Vermutlich versuchte er sich selbst umzubringen, um seine Abschiebung in seine Heimat zu verhindern, wo ihn ein Verfahren erwartete", heißt es in einem Kommuniqué der Polizeigewerkschaft SUP. Wie er das gemacht haben soll, wird nicht erklärt. Außerdem beklagt sich die Gewerkschaft über die "mangelnde Planung" der Innenbehörden. Aikpitanhi habe nur noch wenige Tage interniert werden können. Die Abschiebung sei deshalb überstürzt angeordnet worden, um den Flüchtling nicht freilassen zu müssen. Die Begleitbeamten seien nur mangelhaft ausgebildet gewesen. Sie gehören der Ausländerpolizei an und nicht den Spezialeinheiten für Abschiebeflüge.

Für die beiden Brüder von Aikpitanhi, die ebenfalls in Spanien leben, ist der Fall klar. "Sie schlugen ihn und brachten ihn im Flugzeug um", behaupten sie. Nach ihren Angaben soll ein Passagier den Vorfall mit einem Handy aufgenommen haben. Die Brüder erklärten, die Lungen des Opfers seien voller Blut gewesen, "da er erstickte, als sie ihm das Klebeband auf den Mund klebten". Der Tote sei geschlagen geworden, als er sich weigerte, das Flugzeug zu besteigen. "Sie haben ihn einfach wie einen Hund getötet", lautet der wütende Vorwurf an die Polizei.

Alle spanischen Parteien, mit Ausnahme der regierenden Sozialisten, fordern nun das Erscheinen von Innenminister Alfredo Pérez Rubalcaba vor dem Parlament. Dieser hat eine polizei-interne Ermittlung angeordnet.

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