TV-Quizshow: Ein Lob der Ignoranz

Im "Großen Schultest" bei Jörg Pilawa fielen Prominente gegen Sechstklässler durch. Häme? Ach wo! Gepflegtes Unwissen müsste fürstlich honoriert werden.

Nicht so klug wie Einstein, der hier im Jahr 1931 die Dichte der Milchstraße erklärt? Gut so! Bild: ap

Uwe Ochsenknecht kennt das schon. Er war nie ein guter Schüler. Und nun mit über 50 muss er zeigen, dass er noch immer nichts gelernt hat. Kapituliert bei einfachsten Grundrechenaufgaben und Sachfragen, die ein 12-Jähriger locker drauf hat. "Die gleiche Scheiße wie früher", sagt der Schauspieler und beschäftigt sich mit seinem Pausenbrot. Am Ende bekommt er die Note 5.

Beim weltgrößten Humorfestival "Just for Laughs" in Montreal wurden 2006 zum vierten Mal die Weltdummheitspreise verliehen, die "World Stupidity Awards". Ausgezeichnet wurden:

- George W. Bush, US-Präsident: in der Kategorie "Disinformation Stupidity Arward for beeing most out of touch with reality" und für das "dümmste Statement";

- Dick Cheney, US-Vizepräsident: für den "dümmsten Moment des Jahres", als er bei einer Wachteljagd einen Freund anschoss;

- die Ölindustrie für "die hemmungsloseste Gefährdung des Planeten";

- ein US-Richter als "dümmster Mensch", weil er sich während mindestens drei Verhandlungen unter seinem Richterpult mit Hilfe einer Penispumpe selbst befriedigt hatte;

Heißeste Anwärterin für die jährlich vergebenen Awards für 2007: Paris Hilton ("Ich bin nicht die Klügste").

Die Zwölfjährigen haben am Donnerstag bei Jörg Pilawa die Prominenten mal eben in die Tasche gesteckt. Pilawa, gemeinsam mit Ranga Yogeshwar das Oberlehrer-Team der ARD, hat bisher Formate wie "Der große Ernährungstest", "Das Quiz" oder "Der große Erziehungstest" moderiert. Nun betritt er das Studio von "Der große Schultest" mit einer abgewetzten Ledertasche und macht auf Studienrat. Leider glaubhaft. Die 120 Minuten sind so dröge wie die letzte Stunde vor den Sommerferien, und nur Zuseher kommen auf ihre Kosten, die den Sessel noch ein bisschen näher an die Glotze rücken, wenn es mal wieder peinlich wird im Studio. Wenn Ochsenknecht mit den Zahlen hadert und Pilawa "Nachhilfe" empfiehlt. Wenn Ministerpräsident Christian Wulff (CDU Niedersachsen), der Streber, zu raten beginnt und Jeanette Biedermann mit der alten Ausrede kommt, an Biologie habe sie immer nur bei Sexualkunde aufgepasst. "Blamieren soll sich hier niemand", hat Pilawa eingangs gesagt. Dabei macht doch erst die Blamage, das Versagen, den Kick aus bei all den Wissensshows: Das war schon beim seligen "Großen Preis" so und ist es bei "Wer wird Millionär?" noch heute. Günter Jauch, mal in der Rolle des strengen Pedells, mal in der des süffisanten Streberkumpels, ist allerdings unerreicht in der Inszenierung der Ignoranz seiner Kandidaten. Je dümmer sich die machen, umso klüger kommen sie sich vor der Mattscheibe vor.

Ja, so macht Fernsehen intelligent. Oder besser: vermittelt den Anschein davon. Die Attitüde des Wissens ist inzwischen deutsche Sekundärtugend Nummer eins. Und das Infotainment hat längst die Grenzen der Medien verlassen. Da versucht neulich ein Mann in einem Café von seiner Reise nach Tunesien zu erzählen. Aber er kommt nicht weit, da mischt sich der Bekannte ein, um einen kleinen Ausflug in die Geschichte des nordafrikanischen Landes zu machen. Und als er wieder dran ist, hat der andere schon wieder ein Stichwort, um das nächste Wissenshäppchen zum Besten zu geben.

Immer nur zu wissen, das ist die Devise in Schule, Hochschule und hinterher. Es ist ein Motto aus den Klassenzimmern, die auch das Vorbild sind für das Studio, in dem die Kameras von Pilawas Schultest stehen - mit Tafeln und Bänken wie aus den Fünfzigern. Und eigentlich sind wir doch längst dabei, die Zeiten des Sitzenbleibens, des sturen Auswendigkönnens und dumpfen Lernens zu überholen. Warum gibt es keine Zensuren für Vielfrager, sondern Noten nur für die, die immer viele Antworten haben, egal ob sie stimmen oder nicht? Erst recht im Fernsehen. Warum kann der ehrliche Dumme nicht Quizkönig sein?

Nichtwissen kann sich so schön auszahlen: Neulich auf einer längeren Taxifahrt hatte der Mann am Steuer das Schweigen satt. Er schlug mir eine kleine Mini-Ausgabe von "Wer wird Millionär?" vor. Beantworte ich eine seiner Fragen richtig, vier wären es insgesamt, bekäme ich die Fahrt um 50 Cent ermäßigt. Erste Frage: Wie breit ist ein Fußballtor? Ich hatte keine Ahnung und schätzte 7,15 Meter. Er ließ das gelten, ich lag nur um 20 Zentimeter daneben. Auch das Geburtsjahr von Schiller (1759) traf ich nicht auf Anhieb, aber blieb noch im Limit. Schon ein Euro gespart.

Der Fahrer wanderte weiter in die Geografie und in die Physik: "Mal sehen, wo ich bei Ihnen die Lücke finde. Jeder hat eine Lücke." Bei der Hauptstadt von Madagaskar traf er ins Schwarze. Antananarivo. Da hatte ich genug: "Wie kommt man denn auf eine solche Frage?" Und da begann der Mann zu erzählen, wie er sich die Aufgaben für sein Taxiquiz ausdenkt - oft bringe ihn Reklame auf Ideen - und an seiner Freundin testet, die Studienrätin ist. Unversehens waren wir in einer herzlichen Plauderei. Und weil ich mich bei der letzten Frage, die musste noch sein, auch zu blöd anstellte, lernte ich auch noch was über den Mond. Da stand das Taxi schon ein paar Minuten vor der Haustür, und die Uhr zählte noch weiter. Deswegen einigten wir uns dann auf einen ungefähren Fahrtpreis, und ehrlich: Weniger habe ich für die Strecke nie bezahlt.

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