Bio vs. Regio: "Ökosteak aus Argentinien ist prima"

Regional sei bei Bio sei nicht immer erste Wahl, sagt Wissenschaftler Elmar Schlich. Er meint, Biofleisch aus der Ferne ist umweltschonender als das von nebenan. Wie das?

Sie hat keine Lust, zu einem Steak zu werden - egal ob öko oder nicht: Kuh in Ameghino, Argentinien Bild: ap

Herr Schlich, wenn Sie wählen können zwischen einem Steak vom Ökorind aus Argentinien und einem aus Deutschland: Welches würden Sie nehmen?

Sind Produkte aus fernen Ländern Öko? Dieser Frage geht der Gießener Professor Elmar Schlich nach. Sein Team ist nach Südafrika gefahren, um Ökoapfelplantagen zu untersuchen. In Neuseeland hat es sich die Aufzucht von Lämmern angeschaut. Auch die Weinproduktion kam unter die Lupe. Und immer vergleichen die Experten ihre Ergebnisse mit Daten von deutschen Biobetrieben. Ihre neue Studie über Fleisch in Argentinien bestätigt jetzt die bisherigen Ergebnisse: Für die Energiebilanz ist nicht der Transportweg entscheidend, den Unterschied macht die Technik: Je besser die Produktions- und Transportmittel ausgelastet sind, desto weniger Energie wird pro Kilo Ware verschwendet.

Elmar Schlich: Es kann gut sein, dass das Ökosteak aus der Ferne umweltschonender produziert wurde als eines aus Hessen oder aus Bayern. Sie müssen das argentinische Fleisch nicht verteufeln.

Je kürzer der Weg, desto besser - diese alte Ökoregel stimmt nicht?

Wer sagt, regional ist immer erste Wahl, verdummt die Leute.

Warum?

Ein Ökosteak aus Argentinien schafft es nur in den deutschen Supermarkt, wenn dahinter ein großer Betrieb mit professioneller Vermarktung steht. Auf ein Stück Fleisch umgerechnet, brauchen die größeren Erzeuger bis zu fünfmal weniger Energie als ein regionaler Bauer, der weniger als 80 Tiere im Stall hat.

Wo wird die Energie gespart?

In Argentinien grasen die Viecher ihr Leben lang auf der Weide. Sie brauchen kein aufwendig hergestelltes Kraftfutter, wie es Tiere in Deutschland bekommen. Und: Sie werden in großen Herden mit dem Pferd zum Schlachthof getrieben, manchmal auch per Lkw gefahren. Hierzulande lädt ein kleiner Ökobauer ein bis zwei Rinder auf seinen Hänger. Sie benötigen zudem mehr Zäune und einen Stall. Der Aufwand pro Tier ist größer.

Werden Biosteaks geflogen?

Nein, argentinische Ökorinder werden geschlachtet, geteilt, abgepackt und bei 0,5 Grad Celsius transportiert - mit dem Laster zum Hafen und dem Schiff nach Hamburg. Die Reise dauert bis zu 14 Tage. Das ersetzt das Abhängen beim Metzger. Tiefgefroren wird das Fleisch nicht.

Welche Ökoprodukte kommen per Flugzeug?

First-Flush-Tea aus Indien oder Nepal. Das versaut die Bilanz.

Andere Beispiele?

Weniger als 2 Prozent der Lebensmittel fliegen. Äpfel aus Südafrika etwa kommen per Schiff. Sie werden gepflückt und sind drei Wochen später da. So haben sie die gleiche Energiebilanz wie solche deutschen Äpfel, die monatelang in Kühlhäusern lagern.

Wie soll der Verbraucher das alles wissen?

So schwer ist das nicht. Wenn ich mit dem eigenen Auto aufs Land fahre, um mir ein Ökosteak zu kaufen, kostet das zu viel Sprit. Supermärkte haben meistens die effizienteste Logistik. Auf dem Wochenmarkt bekommen Sie nicht das energetisch günstigste Fleisch: Bauern karren ihre Produkte in Kleintransportern an.

Was mache ich, wenn mir kleine Höfe mit Kuh, Wiese und Apfelbaum wichtig sind?

Klar: Der Landwirt hat eine landschaftspflegerische Aufgabe. Wir wollen alle gute Luft und guten Boden. Ich will das nicht dem einzelnen Bauer anlasten.

Was muss die Politik tun?

Viele Landwirte wissen gar nicht, wie viel Energie sie brauchen, um ein Kilo Fleisch zu produzieren. Da sollte es Beratungsangebote geben. Es kommt auf eine gut durchdachte Logistik an.

Das heißt?

Von zu kleinen Betrieben muss der Ökoaufkleber ab. Mehr Kooperationen und Genossenschaften würden schon helfen.

INTERVIEW: HANNA GERSMANN

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