Japaner: Strategisches Nickerchen

Von Japan lernen heißt schlafen lernen: Ein Sachbuch untersucht die Schlafgewohnheiten der Japaner - nachts wenig, dafür tagsüber, wo es gerade passt.

Türen zu, losfahren, einnicken: U-Bahn in Tokio Bild: dpa

Wie macht der Japaner das bloß? Eben noch sitzt er mit geschlossenen Augen in der U-Bahn, scheinbar im Tiefschlaf versunken. Im nächsten Augenblick springt er auf, greift nach der Aktentasche und steigt an seiner Haltestelle aus. Inemuri heißt das Zauberwort. Es setzt sich zusammen aus den Schriftzeichen (i)ru ("anwesend sein") und nemuri

("Schlaf") und lässt sich etwa mit "anwesend schlafen" übersetzen.

Inemuri ist ein wesentlicher Bestandteil der japanischen Schlafkultur. Meist wird er im Sitzen oder Stehen gehalten. Der Schlaf kann von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden dauern. Im Unterschied zur klassischen Siesta, für die man sich ins Private zurückzieht, findet Inemuri in der Öffentlichkeit statt: im Zug oder auf der Parkbank, im Kino oder beim Essen, in der Schule oder im Konzert, in Bibliotheken, Konferenzen und Parlamentssitzungen. Geschäftsleute im Anzug und Kostüm halten ganz selbstverständlich vor aller Augen ihr Nickerchen. Westliche Besucher deuten das meist als Zeichen chronischer Erschöpfung der unermüdlich arbeitenden Japaner und Japanerinnen. Tatsächlich verbringen die Menschen in Japan nachts durchschnittlich deutlich weniger Zeit im Bett als der Rest der Welt. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, Japaner widmeten ihr ganzes Leben ihrer Firma und der Arbeit, haben jedoch Freizeitaktivitäten in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen - zu Lasten des Schlafes.

Das Phänomen des Tagesschlafs ist indes kein Phänomen moderner Zeiten. Seit Jahrhunderten pflegen Japaner eine andere Schlafkultur als die Menschen im Westen. Schon im Säuglingsalter werden die Unterschiede sichtbar. Während Babys in Europa und den USA nach dem Motto "Jedes Kind kann schlafen lernen" schon früh an einen geregelten Schlafrhythmus gewöhnt werden, sind die Schlafenszeiten japanischer Kinder weniger streng festgelegt. In den ersten Jahren schläft das Kind nachts selbstverständlich bei den Eltern auf dem Futon. Wenn es sich tagsüber ausruhen will, legt es sich einfach irgendwohin, während im selben Raum gekocht oder gegessen wird und der Fernseher läuft. Japanische Kinder sind also von früh an gewöhnt, in Anwesenheit anderer wacher Personen zu schlafen.

Wie in anderen Kulturen - etwa der indischen - herrschte in der traditionellen ländlichen Gesellschaft Japans ein "polyphasisches Schlafmuster" mit verkürztem Nachtschlaf und verschiedenen über den Tag verteilten Kurzschlafphasen vor. Erst im Zuge der Modernisierung des Landes hielt das im Westen gültige monophasische Schlafmuster mit einem achtstündigen Nachtschlaf Einzug. "Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden für was man möchte" - so definierten die amerikanische Pioniere der Arbeiterbewegung vor rund hundert Jahren ein anständiges Leben. Seit der ersten Hälfte den 20. Jahrhunderts setzte sich diese Auffassung allmählich im wirtschaftlich erstarkenden Japan durch. Doch auch wenn der Nachtschlaf hier inzwischen als die natürlichste Form des Schlafes betrachtet wird, hat sich die Nickerchen-Kultur erhalten.

In ihrem keineswegs ermüdenden Buch befasst sich die Japanologin Brigitte Steger mit den Gepflogenheiten und den sozialen Regeln des Inemuri. In kurzen Interviews lässt sie Menschen aus allen Schichten und Altersklassen von ihren Schlafgewohnheiten erzählen. Ausführlich berichtet sie von gängigen Methoden, den Nachtschlaf zu verkürzen, und stellt die Frage, ob wir in Sachen Schlaf etwas von den Japanern lernen können. Immerhin: Auch westliche Chronobiologen und Mediziner preisen inzwischen das "strategische Nickerchen" zur Steigerung der Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit. Eine wachsende Zahl von US-amerikanischen und europäischen Firmen bieten ihren Angestellten sogar Räume für den sogenannten Powernap, der Kreativität und Geistesblitze fördern soll. Für die meisten Japaner allerdings ist Inemuri jenseits allen schnöden Nützlichkeitsdenkens vor allem eine Quelle des Wohlbefindens. Eine der befragten Angestellten bringt das so auf den Punkt: "Schlafen ist die größte Glückseligkeit."

Brigitte Steger: "Inemuri. Wie die Japaner schlafen und was wir von ihnen lernen können". Rowohlt Verlag, Reinbek 2007, 231 Seiten, 8,90 Euro

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