Schule: Schavan entfacht Schulbuchstreit

Ministerin will einheitliches Unterrichtsmaterial für ganz Deutschland. Doch dafür müssten die Bundesländer zunächst ihre rund 3.000 verschiedenen Lehrpläne angleichen.

Auch für Schulbücher zuständig: Annette Schavan Bild: dpa

Ein Berliner muss nicht anders rechnen lernen als ein Bayer, findet Annette Schavan. Die Bundesbildungsministerin, bis dato eher als Föderalismus-Verfechterin bekannt, plädiert jetzt für mehr Gleichheit im Klassenzimmer: Schulbücher sollen bundesweit vereinheitlicht werden, sagte die CDU-Politikerin am Wochenende. "Ich finde, es ist schwer erklärbar, dass ein Mathematikbuch für die fünfte Klasse in Deutschland in zig Auflagen unterschiedlich nach Ländern existiert."

Marianne Demmer, Vizevorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, begrüßte die "reichlich späte Einsicht" der Ministerin. Sie sehe das als Schritt weg vom "übertriebenen Föderalismus" in Deutschlands Schullandschaft, sagte Demmer der taz. Allerdings seien Schulbücher nur die Reaktion auf den Missstand, nicht dessen Ursache. "Das eigentliche Problem liegt bei den Lehrplänen."

Dort ist die Lage in der Tat unübersichtlich. Rund 3.000 verschiedene Lehrpläne gibt es laut Demmer derzeit in Deutschland. Es existieren Varianten für einzelne Bundesländer, für die vielen Schultypen, Stufen und Fächer. Das verschlingt nicht nur erhebliche Geldsummen, es erschwert Schülern auch den Umzug in ein anderes Bundesland. Dass es auch ohne einen solchen Lehrplanwirrwarr geht, belegt der Blick nach Schweden. Dort gibt es nur einen Plan, der allgemeine Bildungsziele vorgibt. Wie genau diese Ziele erreicht werden, ist den Schulen selbst überlassen.

Zwar ist das Problem allzu großer Vielfalt mittlerweile auch in Deutschland erkannt. Die Kultusministerkonferenz hat gemeinsame Bildungsstandards beschlossen, die vorgeben sollen, über welches Wissen und Können Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügen müssen. "Sie könnten eine Grundlage für mehr Einheitlichkeit sein", so Demmer. Sehr zuversichtlich, dass dies auch geschieht, ist sie jedoch nicht. "Wir haben in Deutschland in Bildungsfragen einen Flickenteppich, der die Menschen sehr ärgert. Die Bundesländer aber verteidigen ihn hartnäckig. Schließlich gründet ihre Macht zu einem großen Teil auf der Bildungshoheit."

Dabei käme auch der Schulbuchbranche ein Gesinnungswandel nicht ungelegen. Zwar hält es Rino Mikulic vom Verlegerverband VdS Bildungsmedien für "völlig unrealistisch", dass es irgendwann "Einheitsschulbücher wie in der DDR" geben werde. Aus Sicht der Verlage aber sei die jetzige Situation nicht optimal. Von einem Mathematik-Lehrwerk etwa gebe es normalerweise mindestens sechs oder sieben verschiedene Ausgaben - weil sich Länder nicht einig sind, wann ein Kind was rechnen können soll.

"Das ist für die Branche schon eine teure Sache", sagte Mikulic der taz. Noch aber ließen die Lehrpläne den Verlagen auch in anderen Fächern wenig Alternative zur Vielfalt. "In einem Bundesland steht der Wald in Klasse sieben auf dem Plan, in einem anderen in der neunten."

Die Frage, wie das bundesweite Normschulbuch in Zeiten des Föderalismus durchzusetzen sein sollte, blieb am Wochenende offen. Schavan ließ sogleich über eine Sprecherin beschwichtigende Worte in Richtung der Länder nachreichen. Die Ministerin wolle mit ihrem Vorstoß Anregungen geben, die Zahl der Bücher zu verringern. Ihr sei natürlich bewusst, dass dies Ländersache sei. Offen blieb auch, wie weit es hier um Schulbücher geht - und wie weit um den Versuch, als Ministerin stärker präsent zu sein. Die Lehrbuchdebatte ist nur der Anfang. Für den Herbst kündigte Schavan eine "nationale Bildungsoffensive" an, die etwa Konzepte für frühkindliche Bildung umfassen soll.

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