Gotteskrieger-Musical: Gefährliche Verharmlosung

Das "Jihad - The Musical" ist erstmals auf den Festspielen in Edinburgh aufgeführt worden. Es macht sich über islamischen Terror lustig - und stößt auf viel Widerstand

Spaß mit pinker Burka - ein Szenenfoto aus "Jihad". Bild: archiv

DUBLIN taz Mut haben sie jedenfalls. "Jihad - The Musical", das auf den Festspielen im schottischen Edinburgh gezeigt werden soll, hat bereits im Vorfeld für Kontroversen gesorgt.

"I wanna be like Osama":

I will sein wie Osama, Ich will sein wie Osama, ich will mich quer über die Erde zum Ruhm bomben. Ich weiß, Leute mögen mich nicht, aber sie werden mich auch nicht ignorieren können, wenn die CIA erst einmal meinen Kopfpreis festgelegt hat.

Ich werde das Töten delegieren an die Dummen und Willigen und für mich reklamieren, wenn es in den Nachrichten kommt. Bitte, mach mich wie Osama B., ich werde islamweit renommiert sein!

Ich will sein wie Osama, ich will alle meucheln und abfackeln, die noch nicht überzeugt sind. Wäre ich nicht so ein Rowdy, ich hätte in Saudi-Arabien bleiben dürfen, aber so darf ich in den oberen Zehntausend dort nicht den Prinzen spielen. Ich erinnere jene an mich, die zu ängstlich sind, mich zu suchen, indem ich sie zu Hause angreife.

Bitte, mach mich wie Osama B., ich werde islamweit renommiert sein! Und sie werden über mich reden, wenn sie über die Geschichte reden - oh, was für ein Segen, al-Manur (zu Deutsch: der Sieger) zu sein! Ich führe meinen Plan aus, der Sensenmann zu werden, mit einem nagelneuen heiligen Krieg.

Ich will sein wie Osama, ich werde Designerkleider unter meiner Robe tragen, den Zusammenprall der Kulturen erklären und Millionen von Zivilisten rund um den Erdball töten. Ich werde mir einen Bart bis zum Nabel wachsen lassen und der reichste Mensch sein, den ich kenne. Bitte, mach mich wie Osama B., mit einer eigenen Al-Dschasira-Show." (…) FRA

Das Musical unter der Regie von Evan Cabnet aus New York macht sich über den islamischen Terrorismus lustig. Es erzählt die Geschichte des afghanischen Bauern Sayid al-Boom, gespielt vom indischen Darsteller Sorab Wadia, der den Verlockungen einer verschleierten, Mohn exportierenden femme fatale (Meetu Chilana) erliegt. Die entpuppt sich jedoch als Terroristin, und im Handumdrehen ist Sayid Mitglied in einer Bande von heiligen Kriegern.

Manipuliert durch eine finstere Reporterin (Emily McNamara), die eine gute Exklusivgeschichte wittert, wird Sayid schließlich zum Spielball zwischen Terroristen und blutrünstigen Medien. Doch Rettung naht in Form seiner Schwester Shazzia (Daniella Rabbani) und einem zur Kapitulation neigenden Franzosen (Jonathan Wiener).

Höhepunkt des Musicals ist Sayids Lied "I want to be like Osama" (siehe Kasten). Es sind, bisher jedenfalls, nicht muslimische Organisationen, die gegen das Musical protestieren, sondern aufgebrachte Briten, die die Aufführungen verhindern wollen.

So kurz nach den fehlgeschlagenen Bombenattentaten in London und Glasgow könne man so etwas nicht auf die Bühne bringen, heißt es in einer Petition an den britischen Premierminister Gordon Brown. Er möge gefälligst "diese geschmacklose Darstellung des Terrorismus und seiner Opfer" unterbinden: "Die Vorstellung, dass jemand den moslemischen Terrorismus verharmlost, ist extrem beleidigend, vor allem für die Opfer."

Die US-amerikanische Produktionsfirma Silk Circle Productions ist anderer Meinung. "Wir haben nicht die Absicht, irgendjemanden mit dieser Show zu brüskieren oder zu beleidigen", sagte Produzent James Lawler. "Es ist eine Musikkomödie, die in der britischen Tradition der feurigen und ausgelassenen Musiktheater steht.

Werbeplakat für das Musical.

Es geht um einen afghanischen Mohnbauern, der sich in die falsche Person verliebt und in eine Zwangslage gerät. Wie jede gute Komödie, so berührt auch unser Musical aktuelle Themen, verbindet sie mit Humor und zeigt, wie man das beste aus einer schwierigen Situation macht." Lawler sagt, die Petition sei "streitsüchtig und überflüssig".

Es sei klar, dass diejenigen, die ein Verbot der Show fordern, eine falsche Vorstellung von dem Stück haben, weil sie es nicht gesehen haben. Wie denn auch? Es hatte ja erst gestern Abend Weltpremiere in Edinburgh. "Wir haben den Religionen und Kulturen, die im Musical vorkommen, höchsten Respekt gezollt", sagte Lawler. "Das haben wir durch ein sehr geschicktes und taktvolles Skript erreicht."

Geschrieben hat es die 25-jährige Zoe Samuel gemeinsam mit dem Harvard- Absolventen Ben Scheuer, der auch die Musik komponiert hat. Samuel glaubt, das Musical treffe den "britischen Sinn für Humor im Angesicht der Not". Sie sagt: "Wir wollen den Geist beschwören, der während der Bombenangriffe auf London während des Zweiten Weltkriegs herrschte. Wir lachen über diejenigen, die uns einschüchtern wollen." Man müsse inmitten dieser Sicherheitsbedrohungen die Moral aufrecht erhalten.

Welchem Glauben ihre Schauspieler angehören, weiß Samuel nicht, weil das US- amerikanische Arbeitsrecht die Frage nach der Religion nicht zulässt. Es sei ein "gemischtes Ensemble", sagt sie.

Die Schauspieler sind erst am Wochenende aus New York eingetroffen und standen sofort im Mittelpunkt der Kontroverse.

Völlig überrascht können sie in Anbetracht des Themas ihres Musicals nicht gewesen sein. Samuel, die in London aufgewachsen ist und in Los Angeles und New York gearbeitet hat, wies jedoch darauf hin, dass sich viel mehr Leute das Video des Bin-Laden-Liedes auf YouTube angesehen, als die Petition unterschrieben haben.

In letzter Zeit beschäftigen sich immer mehr Kabarettisten und Bühnenkomiker in Großbritannien mit islamischem Fundamentalismus. Je mehr die Londoner Regierung mit Gesetzen gegen die Aufstachelung von religiösem Hass droht, desto mehr boomen die Produktionen, die sich über Terror und Selbstmordanschlägen lustig machen. Zwei der beliebtesten Videos auf YouTube sind "Jihad Jane's Suicide Song", bei dem eine verschleierte Frau über ihr Schicksal lamentiert, während sie den Boden wischt, und sich am Ende umbringt, und der "Angry Muslim Man" mit Pudelmütze und Fistelstimme. Grund für den Boom in Großbritannien ist die Zuwanderung zahlreicher Bühnenkomiker aus Indien, Pakistan und dem Nahen Osten, die sich mehr trauen, weil man ihnen keinen Rassismus unterstellen kann.

Vorgemacht hat es die aus Indien stammende Shazia Mirza, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ihre Karriere als Ärztin in Großbritannien an den Nagel hängte und auf die Bühne ging. Sie begann ihre Show mit den Worten "Guten Tag, ich heiße Shazia Mirza. Jedenfalls steht das in meinem Pilotenschein."

Alle Muslime, denen sie ihr Manuskript gezeigt habe, seien begeistert gewesen, sagt Zoe Samuel. Einige muslimische Komiker wollen das Musical in New York auf die Bühne bringen. Zunächst aber läuft es auf dem dreiwöchigen Festival in Edinburgh, das am Sonntag beginnt.

Es ist das größte Festival dieser Art in der Welt. Bis zum 27. August werden 2.050 verschiedene Produktionen gezeigt, es gibt insgesamt 31.000 Vorstellungen. Die Organisatoren erwarten 1,5 Millionen Besucher.

"Jihad - The Musical" ist nur eins von zahlreichen Musicals in Edinburgh. Das Genre erlebt ein erstaunliches Revival. Zwei Produktionen beschäftigen sich mit dem ehemaligen Premierminister Tony Blair: "Tony! Das Blair- Musical." Und "Tony Blair: Das Musical."

Daneben steht "Asbo: Das Musical" über die umstrittenen Anordnungen wegen antisozialem Verhalten sowie "Orgasmus: Das Musical" auf dem Programm.

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