Ruhr Triennale

Die Liebe in der Waldhütte

Mit der Wiederentdeckung von Frank Martins szenischem Oratorium "Le vin herbé" und mit Marthalers leichtem Spiel "Sauser in Italien" eröffnet die Ruhr Triennale 2007.

"Le vin herbe": Finnur Bjarnasson als Tristan und Sinead Mulhern als Isolde Bild: dpa

Lange wurde Tristan und Isoldes Liebesgeschichte mit dem Namen des mittelhochdeutschen Dichters Gottfried von Straßburg und dessen 20.000 Versen assoziiert: Als Brautwerber soll Tristan seinem alternden Onkel, König Marke (Marc) von Cornwall, die irische Prinzessin zuführen, die ihn nach einer schweren Verwundung gesundgepflegt hatte; doch durch einen irrtümlich servierten Speziallikör verlieben sich die beiden auf dem Schiff - heillos und mit tödlichen Folgen. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts drängte sich mit diesem Stoff zunehmend Richard Wagner auf. Seine musikalische "Handlung" mit dem von Beethoven und Schumann adaptierten "Tristan"-Akkord bedeutete eine Grenzüberschreitung: einerseits einen der kühnen Schritte hin zur Moderne, andererseits eine prekäre "Durchorganisation" des musikalischen Materials.

Um 1940 aber erschien in Mitteleuropa Wagners Werk für alle, die nicht mit den Wölfen heulten, in inakzeptabler Weise vereinnahmt. Die Nazis hatten in Deutschland triumphiert, die Wehrmacht überzog Europa mit Krieg, der Protagonist des Übels, Adolf Hitler, sonnte sich auch im Glanz der Bayreuther Festspiele. Frank Martin, Pfarrersohn aus Genf und Weltbürger in der neutralen Schweiz, wagte einen Gegenentwurf zu Wagners übermächtigem Modell: "Le vin herbé", uraufgeführt 1942 in Zürich, ist ein stilles Stück von der Liebe in Zeiten größter Gefährdung durch die Macht und den Krieg. Ergänzt wurde es durch das Oratorium "In terra pax". Neben Karl Amadeus Hartmann war Martin der bedeutendste der nicht nazistisch kontaminierten, aber auch nicht zur Flucht genötigten Komponisten im deutschen Sprachraum. Nach dem Krieg siedelte er in die Niederlande über, wurde Kompositionsprofessor in Köln und u. a. Lehrer von Karlheinz Stockhausen. Mit ihm die RuhrTriennale zu eröffnen, ist ein glücklicher Griff des Intendanten Jürgen Flimm.

Martin komponierte eine an alten Madrigalkünsten geschulte Partitur. In epischer Weise erzählen ein Dutzend Sängerinnen und Sänger, die sparsam von einem Streichseptett und Klavier begleitet werden, das traurig-schöne Märchen aus uralten Zeiten. Die zwölf Stimmen agieren einerseits als Kammerchor, der die Handlung holzschnittartig zusammenfasst, treten andererseits aber auch immer wieder solistisch hervor. Bei der von Friedemann Layer geleiteten Aufführung von "Le vin herbé" besticht Finnur Bjarnason mit jugendlich leichter Tenorstimme. Sinéad Mulhern und Astrid Weber bestreiten die pointierten Frauen-Soli überzeugend.

Frank Martins großer Gesang von den fatalen Folgen des Zaubertranks stützte sich auf eine ältere Überlieferung höfischer Dichter und Sänger des späten 12. Jahrhunderts, die von dem Autor Joseph Bédier 1900 zu einem Roman kompiliert wurden. Aus dieser Prosa-Vorlage resultieren grundlegende Unterschiede von "Le vin herbé" zu Wagners erotomaner Zuspitzung der Handlung. Zum Beispiel tötet da Tristan im Kampf nicht den Liebhaber der Prinzessin Iseut, sondern deren Onkel (beschwor also Blutrache herauf). Auch die Sache mit dem "treulos treuesten Freund" nimmt eine andere Wendung als bei Wagner: Die beiden Verliebten fliehen, als Marc Verdacht schöpft. Indem der König sie nachts in einer Waldhütte schlafend überrascht, sieht er höchst überrascht, dass Tristans Schwert zwischen ihnen liegt. Gottergeben trennen sich die beiden, ohne ihre Liebe ausgelebt zu haben. Iseut kehrt reuig zu Marc zurück, Tristan nimmt ersatzweise "Iseut die Weißhändige" zur Frau. Doch diese Vernunftheirat behebt das grundsätzliche Problem der großen und schließlich tödlichen Liebe zur "eigentlichen" Isolde nicht.

Willy Decker setzte das szenische Oratorium in einer alten Maschinenhalle auf dem Gelände des Industrie-Parks Duisburg-Nord angemessen in Szene: Einzelne genau choreografierte heftige Bewegungen unterstreichen die Konfrontationen, doch werden insgesamt die statuarischen Momente des Werks nicht überspielt. Wolfgang Gussmanns runder Laufsteg signalisiert als hermetischer Kreis die Unentrinnbarkeit der Situation. Eine Kugel, die an Platons Bild von den Kugelmenschen erinnert und anfangs in zwei Hälften zerfällt, wird am Ende, nach dem doppelten Liebestod, wieder zusammengesetzt; eine zu große Krone, ein noch viel größeres Schwert und das auch als Sarg dienende Boot sind die schlichten und einfachen Requisiten. Mehr braucht es auch nicht, um in Kombination mit der Lichttechnik auratische Bilder entstehen zu lassen: tröstlich und erhellend.

Trist und erheiternd verhält sich dazu die zweite Triennale-Premiere wie ein Kontrapunkt: Christoph Marthalers "Sauser aus Italien. Eine Urheberei". Das Montage-Stück wurde kürzlich im Rahmen der Salzburger Festspiele uraufgeführt und jetzt im großen Rahmen einer umgenutzten Montage-Halle am nördlichen Rand des Ruhrgebiets serviert.

Es handelt sich, optisch wie akustisch, um ein archäologisches Pasticcio, das in den 1960er-Jahren schürft und in einer angeranzten Ferienvilla am Lago Maggiore (Bühnenbild: Anna Viebrock) spielt. Es bedient sich dabei verschiedener skurriler Kompositionen des italienischen Grafen Giacinto Scelsi (1905-1988) und profitiert von der ästhetischen Distanz zum leicht abgestandenen Ferien-Ambiente der Väter-Generation.

In bewährter Manier stellt Marthaler das Repertoire seiner Slapsticks vor, erheitert mit banalen Fehlleistungen einer Selbstbefriedigungsgruppe. Die kleinen Freuden und Katastrophen des Alltags beginnen beim Pensions-Frühstück, setzen sich bei der Gymnastik und beim Wäscheaufhängen fort, erreichen mit den Verzückungen beim Hören eines (allein auf den leeren Saiten bestrittenen!) Gitarren-Solos ihren Höhepunkt. Plädiert wird beiläufig für ein auch mit Geruchskompositionen ausgestattetes Kino, damit Herr und Hund sich künftig gemeinsam vergnügen können. Marthaler ist bei einem milde gestimmten Alterswerk angelangt, witzig, detailliert, kunstsinnig, aber mit nicht mehr viel Biss. So kommt Besinnlichkeit auf.

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