Feminismus-Debatte: Der Bindestrich-Feminismus

Opfer und Ego (4): Feministinnen waren sich noch nie einig. Das macht Spaß und verleiht verbale Schlagkraft. Gefragt ist kreative Bündnispolitik - durchaus auch mit Männern.

Sind Frauen, die neuen Feminismus fordern, neoliberale Verräterinnen? Und sind die, die alten Feminismus wollen, verbittert? Es scheint, dass auch in der taz-Debatte kaum eine Verständigung möglich ist. Aber, seien wir mal ehrlich: Neu ist das nicht. Schon 1848 spottete die radikale Louise Aston über die "weiblichen" Anliegen des demokratischen Frauenclubs in Berlin mit ihren "Suppenanstalten und Frauenhemdenverfertigungsmanufaktursubscriptionseröffnungen und dergleichen". Dafür warf ihr die bürgerliche Louise Otto vor, die "Frauen-Emancipation in Mißkredit gebracht" zu haben, durch ihr "wüstes Leben" in Hosen, wobei sie ihre Liebhaber wie die Zigarren gewechselt haben soll.

Feministinnen waren sich noch nie einig. Und das ist auch gut so. Vielen hat ihre privilegierte Herkunft geholfen, ungewöhnliche Dinge zu tun - wobei sie keineswegs immer alle Ausgeschlossenen dieser Erde mitdachten. Das ist ungerecht, aber wahr. Geld ermöglicht, unkonventionell zu leben. Solche Frauen bringt nicht eine Statistik über den geringen Frauenanteil in Führungspositionen dazu, Managerin zu werden oder Pilotin. Sondern ihr persönlicher Wunsch. Wünsche speisen sich aus unterschiedlichen Quellen, die üblichste ist die Nachahmung. Deshalb entwerfen privilegierte Frauen auch andere Utopien für sich als Kassiererinnen bei Aldi.

Die gesellschaftlichen Klassenunterschiede sollten in der feministischen Theorie erst mal Nebenwiderspruch bleiben. Denn es gibt dennoch Diskriminierungserfahrungen, die alle Frauen machen. Sie machen nur nicht alle die gleichen. Wer sich als "F-Klässlerin" nicht als Frau benachteiligt fühlt, hat offenbar kein Problem damit, ihre Berufstätigkeit auch an männlichen Vorbildern anzulehnen. Das werte ich als gutes Zeichen und würde es nicht in einen Vorwurf ummünzen, wie Hark und Gerhard es vermitteln. Aber bei diesen erfolgreichen Karrierefrauen ist dann eben der Vergleich mit stufenleitergleichen Männern angebracht, die mit der größten Selbstverständlichkeit ihre Bartstoppeln seit jeher von bezahlten oder anderen Frauen aus dem Waschbecken entfernen lassen. Kein Aufsichtsratsmitglied wurde je gefragt, wie es seinen Job neben den vier Kindern schafft. Frauen in ähnlicher Position danach zu fragen, ist sexistische Diskriminierung.

Für die breite Mittelschicht bedeutet das - wie übrigens seit 150 Jahren: Bürgerliche Frauen kämpfen für ein Recht auf Arbeit und Kinder und Putzfrau. Berufstätigkeit ist ihre Bestätigung dafür, unabhängig vom Familienernährer zu sein. Dass Arbeiterfrauen schon seit über 150 Jahren Lohnarbeit leisten, um die Familien (mit) zu ernähren, sie also vor allem arbeitsrechtlichen Schutz benötigen, ist ein anderes wichtiges Thema. Diese unterschiedlichen Anliegen sind jedoch kommunizierbar und aushaltbar. Beides sind feministische Forderungen mit verschiedenen Vorzeichen.

Natürlich gibt es auf der statistischen Ebene dieses "Wir" namens Frau. Werfen wir beispielsweise einen Blick in die Führungsetagen, die weitgehend "oben ohne" (Bierach/Tuborg) sind, tun wir das mit der Geschlechterbrille. Wenn wir Frauennetzwerke aufbauen, um Qualifikation signifikant zu fördern, steht das Geschlecht im Vordergrund. Auch Zahlen zu Gewalt in der Ehe und zu Armutsverteilung werden durch geschlechtliche Fokussierung zum Skandal.

Mir scheint, in der Feminismusdiskussion haben sich unterschiedliche Ebenen verheddert. Das kann passieren. Zum einen speist sich der Feminismus der 70er-Jahre aus dem marxistischen Gleichheitsideal. Das wird zur Stolperfalle für alle Frauen, die sich auf der Karriereleiter nach oben bewegen. Angeblich auf dem Rücken der unterprivilegierten Kinder- und Putzfrauen. Aber wir müssen von der diagnostizierten Grundungleichheit der realen Lebenswelt ausgehen: Frauenprobleme werden schichtenspezifisch angegangen. Zum anderen: Sobald eine Frau etwas im Namen des real existierenden Feminismus sagt, könnte die nächste kommen und sagen: Du hast die Zwangsprostituierte, die illegale Putzfrau und das Kopftuchmädchen vergessen. Das ist nicht produktiv. Davon sollten wir Abstand nehmen. Man kann auf unterschiedlichen Ebenen für die gleiche Sache kämpfen.

Aber wir "um die 30-Jährigen" können uns vom öffentlichen Zorn der Altfeministinnen auch ein gutes Stück abschneiden und merken: Streit kann produktiv sein. Der Skandal ist doch nicht, dass es Frauen gibt, denen es durch ein - ich nenne es altmodisch - "privilegiertes Geburtsrecht" leicht fällt, nach oben zu kommen. Sondern dass es seit mindestens 30 Jahren keine Staatsangelegenheit ist, für jedes Kind einen Krabbelstubenplatz zu schaffen und schichtenübergreifende Chancengleichheit zu fördern.

Feminismus bedeutet Pluralismus. Nicht zufällig ist der Studiengang "Gender Studies" interdisziplinär angelegt. Die aktuelle Hirnforschung ist als Thema genauso wichtig wie die literarische Konstruktion innovativer Lebensmodelle. Juristische Geschlechterungleichheit ist so wichtig wie Integrationsprojekte für Thai-Frauen oder die Sparte "mögliche Vorbilder" in Form einer F-Klasse. Es geht darum, ein feministisches Orchester zum Klingen zu bringen. Ein Möglichkeit wäre - neben dem schönen Kullmann-Slogan "Let your sister be" - der Bindestrich-Feminismus. Das ermöglicht jeder Frau, mit einer temporären Identität politische Ziele zu verfolgen. Als Radikal-Feministin, als Post-Feministin, als Mädchenberatungs-Feministin, als Lipstick-Feministin. Das verleiht verbale Schlagkraft und macht Spaß. Jedes 4. Vorstandsmitglied wird unter Männern durch Freunde und Bekannte rekrutiert. Bei Frauen wird nur jede 20. über Beziehungen eingestellt. Die Statistik-Feministin kennt diese Zahlen und streut sie nebenher ein, um Frauen zu motivieren, vom Einzelkampf Abstand zu nehmen. Weil das nicht produktiv ist. Feministin-Sein ist die Haltung, das Zugeben, zu einer Hälfte zu gehören, für die es nicht selbstverständlich ist, ihren eigenen Entwurf zu leben. Die es aber trotzdem tut.

Es geht deshalb um Bündnispolitik, wie sie uns Judith Butler geraten hat. Das Initiationsmoment für Bündnisse war die Tatsache, dass lesbische Frauen mit Schwulen mehr Gemeinsamkeiten hatten als mit den männerorientierten Heteras. Das liegt vielen Feministinnen noch heute schwer im Magen. Der Vorwurf fehlender Solidarität endet mit kollektiver schlechter Laune. Das Geschlecht ist nicht die vorrangige Denkidentität. Auch gleichgesinnte Männer befürworten Frauenhäuser, aus den selben Gründen wie ich. Pluralität und in strategischen Bündnissen geschlechtsspezifische Probleme offen zu verhandeln, heißen die effektiven Handlungsoptionen. Bündnispartner sind die besseren Zuhörer und die besseren FürstreiterInnen als die Kategorie "Geschlechtsgenossin" oder ethnische Herkunft. Manchmal gibt es erfreuliche Schnittmengen. Die sollten wir nutzen.

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