Architektur: Westwärts mit aller Macht

Die Ausstellung "50 Jahre Interbau 1957" in der Berliner Akademie der Künste widmet sich der Geschichte des Hansaviertels mit differenziertem Blick.

Der Berliner Hansaplatz 1957 Bild: akademie der künste

In der jüngsten Zeit wurden so viele Liebeserklärungen an Architekturen der Nachkriegsmoderne abgegeben, dass man bereits wieder hellhörig werden könnte. Die Hymnen auf die wohl umstrittenste Epoche des Städtebaus in der Bundesrepublik aber waren durchaus ernst gemeint, ja voller Achtung. Ob bei Rudolf Lodders Grindel-Hochhäusern in Hamburg oder bei der im 50er-Jahre-Schick restaurierten Berliner Kongresshalle von Hugh Stubbin - kaum einer zweifelt an der architektonischen oder kulturellen Bedeutung.

Bemerkenswert an dieser euphorischen Rezeption bleibt, dass sie noch immer im Ton der Rechtfertigung geführt wird. Man merkt, dass die Wunden aus der Zeit, als die Architekturen des Wiederaufbaus schlichtweg als "Bausünden" diskreditiert wurden, nicht verheilt sind. Hinzu kommt, dass die seit 20 Jahren geltenden Leitbilder der "europäischen Stadtstruktur" des 19. Jahrhunderts, der Verdichtung und Rekonstruktion weiter die ästhetischen und politischen Stadtentwicklungs-Debatten dominieren. Sie beginnen gerade erst zu wanken. Zudem sind zahlreiche Bauten und Denkmäler der 50er- und 60er-Jahre vom Abriss bedroht. Darum die glühenden Verehrungen.

Der Keimzelle der deutschen Nachkriegsmoderne, dem Hansaviertel in Berlin-Tiergarten, ist jetzt eine Ausstellung mit dem Titel "50 Jahre Interbau 1957" in der Akademie der Künste gewidmet. Die Kuratoren der Schau hätten allen Grund gehabt, das Erbe der Nachkriegszeit zu feiern - gegen die etwa im Berliner Bauamt noch bis vor kurzem vorherrschende Sichtweise, das Hansaviertel "als seelenlose Architektur" zu verteufeln.

Dass man der Versuchung des uneingeschränkten Lobgesangs widerstand und stattdessen zu einer differenzierten Bewertung der Entstehung, der politischen Implikationen der Zeit und schließlich der Architektur des Hansaviertels fand, gibt der Moderne nun erst recht den Respekt zurück, den sie verdient.

Zimperlich ging es schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Berliner Baupolitik nicht zu. Wo bis 1945 am nördlichen Tiergarten ein dichtes - dann zerbombtes - Wohngebiet stand und heute zwischen Bäumen, Parkanlagen und öffentlichen Plätzen sich das Hansaviertel ausbreitet, wurde 1953 mit radikaler Wucht eine riesige ovale Fläche durch Enteignung und Abriss freigeräumt.

Ein "neues" Hansaviertel in Form einer modernen Gartenstadt sollte im Programm des sozialen Wohnungsbaus zur Linderung der Wohnungsnot dort entstehen. Um die Bedeutung des Vorhabens zu steigern, taufte der Senat die Fläche in "Interbau 1957" um. Der Modellcharakter einer internationalen Bauausstellung in der kriegszerstörten Stadt versprach Aufmerksamkeit, die Beteiligung renommierter Architekten, Geld und Anerkennung für den Mut zu Neuem. "Die Besten der Zeit sollen hier die Gestalt einer neuen europäischen Stadt formen", lautete der Anspruch.

Es ging im Hansaviertel, wie überall in den Jahren des Wiederaufbaus, recht schnell: 1953 wurde der Bauwettbewerb ausgelobt. Der Siegerentwurf von Jobst/Kreuzer mit rechtwinklig im Tiergarten verteilten Wohnriegeln wurde mehrmals, 1954 und 1956, überarbeitet. Der jetzige Charakter des Quartiers orientierte sich an den Vorstellungen des Neuen Bauens und dem Design aus den 20er-Jahren sowie an Hans Scharouns Ideal der organischen, aufgelockerten, grünen Stadt.

Die Planung, Wohnungen für über tausend Menschen zu schaffen, wurde mit den Hochhäusern im Norden, mehrgeschossigen Wohnzeilen davor sowie mit der niedrigen Teppichbebauung im Süden festgelegt. Zwei Straßen durchschnitten die Siedlung. An deren Kreuzung entstanden Läden. 1957 war die Mehrzahl der schlanken und schnittigen Gebäude fertig oder im Bau.

Wegen der Überarbeitungen verlor das Konzept an Radikalität und Vision. Berlin hatte trotzdem sein kleines Brasília, das von den Architekturstars jener Zeit (unter ihnen Le Corbusier, Alvar Aalto, Egon Eiermann, Walter Gropius und Oscar Niemeyer) in schickem Weiß oder in Bunt mit schönen, offenen Grundrissen realisiert wurde.

Zugleich entlarvt die Ausstellung die Interbau als Paradebeispiel für die politische Funktionalisierung von Städtebau. Der ideologische Anspruch, "eine bessere Welt" und "die moderne Stadt von morgen" zu gestalten, nährte sich durch Abgrenzung und Gegenbilder. Die dichte Mietskasernen- und Stadtstruktur des 19. Jahrhunderts, die gigantischen Planungen der Nazizeit, die Trümmer des Krieges und schließlich das Ostberliner Aufbauprogramm "einer sozialistischen Stadt auf deutschem Boden" an der Stalinallee mussten überwunden werden. Zugleich sollte mit dem Hansaviertel der Beweis angetreten werden, dass West-Berlin den Anschluss und die Bindung an die westliche, internationale, ja amerikanische Baukultur und Demokratie herzustellen in der Lage war. Wer die Plakate, die Geschichten und Fotografien jener Tage an sich vorüberziehen lässt, legt einen Weg voller Propaganda zurück.

Was nicht weiter schlimm ist. Weil die Akademie selbst im Hansaviertel liegt, kann man im Anschluss an die Ausstellung durch das Viertel flanieren, die Architekturen erleben und erahnen, warum es eine beliebte Berliner Wohngegend ist. Das ist nach der dicht gepackten Dokumentation wie eine "Promenade darchitecture", die beglückt.

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