Autor Markaris: "Griechenland ist noch eine Monarchie"

Am Sonntag wählen die Griechen - viel ändern wird sich nicht. Drei Großfamilien regieren seit Jahrzehnten das Land, so Schriftsteller Petros Markaris.

"Nation in tiefster Krise seit 1974": Griechen vor Wahlplakat mit Premier Karamanlis Bild: dpa

taz: Herr Markaris, kurz vor der Wahl scheint in Griechenland das Thema Waldbrände vom Tisch zu sein. Warum?

Petros Markaris: Der Eindruck ist ganz richtig. Die Waldbrände sind nicht zum Thema Nummer eins der Wahlen geworden, was alle prophezeit hatten. Die Griechen haben sie genauso rasch vergessen, wie sie während der Waldbrände großen Lärm darum gemacht haben. Das suggeriert ihnen, dass es keine Mitschuld des Staatsapparates und der Bürger an dieser Umweltkatastrophe gab. Im Wahlkampf ging es nur noch um die Höhe der Entschädigungsgelder für die Betroffenen.

PETROS MARKARIS, geboren 1937 in Istanbul, lebt in Athen und gilt als der populärste griechische Schriftsteller. Er ist Autor von Theaterstücken, einer beliebten griechischen TV-Serie und Koautor des griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos ("Der Bienenzüchter"). Zudem übersetzt er deutsche Dramatiker, zuletzt übertrug er "Faust" ins Griechische. Seine Romanfigur, Kommissar Kostas Charitos, wird oft mit Wallander verglichen.

Griechenland wird von drei politischen "Großfamilien" regiert. Warum eigentlich?

Griechenland ist eine Republik, die wie eine Monarchie regiert wird. Trotz der Abschaffung der Monarchie bestimmt diese weiterhin Strukturen und Geist der griechischen Republik. Drei Familien, Karamanlis, Papandreou und Mitsotakis, stellen die Kronprinzen, die in monarchistischer Tradition regieren. Dabei steckt unsere Nation in einer ihrer tiefsten Krise seit 1974, seit dem Ende der Militärdiktatur. Es geht darum, diese Krise überhaupt wahrzunehmen, und nicht darum, wer der nächste Kronprinz wird. Nur begreift das keiner.

Wie überzeugend sind die oppositionellen Sozialisten, die Pasok? Sind sie eine Alternative zur Nea Demokratia?

Vorab, wir stehen vor einem Paradox. Dieselben Regierungsparteien, die seit dreißig Jahren alles falsch machen, wollen wieder gewählt werden. Angesichts des schlechten Zustands der regierenden rechtsliberalen Nea Demokratia mit dem Regierungschef Kostas Karamanlis sollte die Pasok eigentlich in der Lage sein, am Sonntag zu gewinnen. Doch die Pasok plagt die Last der Geschichte. Denn sie hat an der Regierung einen harten, rücksichtslosen Modernisierungskurs durchgesetzt. Jetzt kann sie hoffen, dass wohl ein Teil der konservativen Wähler zu ihr überläuft. Das sind jedoch Proteststimmen gegen die verfehlte Politik der Neokonservativen.

Seit der "Metapolitefsi", dem Übergang von der Diktatur zur Demokratie, ist die Linke gespalten und bei Wahlen nicht sehr erfolgreich. Warum gibt es keine echte linke Alternative?

Der KKE, der kommunistische Partei, und Synaspismos, dem Bündnis der radikalen Linken, fehlen bis heute schlicht überzeugende Programme, die den Lebenswelten der Wähler entsprechen. Ein großer Teil der Eurokommunisten ist längst von der Pasok "gefressen worden" und der verbleibende Teil der Synaspismos stammt überwiegend aus frustrierten Mitgliedern der KKE. Wo sind da überhaupt noch Unterschiede? Beide Parteien verfolgen ähnliche Ziele, sind aber heillos zerstritten. Zudem schließen KKE und Synaspismos Koalitionen mit bürgerlichen Kräften aus. Warum soll man sie dann wählen?

Die Griechen scheinen diesmal ganz besonders die Meinung zu vertreten, "es ändert sich nichts in der Politik". Ist diese Beobachtung richtig?

Ja, der Durchschnittsbürger distanziert sich von der Politik überhaupt. Er merkt, dass die Politiker wechseln, nicht aber die Politik selbst. Das erzeugt diese Distanz. Prinzipielle Unterschiede in den Parteien sind nicht mehr wahrnehmbar. Das Einzige, was die Griechen noch zur Urne bringt, scheint die "Strafe" zu sein: die Regierungsparteien werden abgewählt, weil sie ihre Versprechen nicht halten.

Trotz der EU-Integration ist die griechische Politik in eigenen Traditionen verhaftet, die wenig mit der modernen, europäischen Politikentwicklung gemein hat. Warum?

Weil viele Chancen verpasst wurden. Die erste war während der Karamanlis-Ära in den 70er-Jahren. Da wurde vergeblich versucht, in der französischen Tradition der Neogaullisten, eine Partei dieses Formats zu entwickeln. Das hätte eine echte Modernisierung für unser Parteiwesen bedeutet. Danach hatte Griechenland mit der Pasok unter Papandreou in den 80ern eine zweite, große Chance vertan. Statt in der europäischen sozialdemokratischen Tradition sich als Mitte-links-Kraft zu verstehen, entwickelte sich die Pasok zu einer populistischen antieuropäischen Bewegung, geprägt von unersättlicher Vetternwirtschaft. Seitdem steht die EU in Griechenland nur noch für Subventionen, an denen sich Parteien und gewisse gesellschaftliche Schichten schamlos bereichern.

Letzte Frage: Was wird Ihre Romanfigur, der Kommissar Charitos, am Sonntag machen?

Gute Frage! Ich glaube, Charitos gehört noch zu den 12 Prozent unentschlossener Wähler. Wenn Sie mich fragen: Ich fühle mich in diesem Wahlkampf wie ein Kunde im Sommerschlussverkauf - wobei allerdings nicht der Preis, sondern der Wert der Ware sinkt. Ich bin todmüde von dieser Abwertung der Politik. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Charitos übrigens auch nicht.

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