Schwedens populärster Blog abgeschaltet: "Der Blog ist ein Monster geworden"

Mit Zynismus und Boshaftigkeiten wurde Zeitungsblogger Alex Schulman zum populärsten Blogger. Jetzt ist der Blog eingestellt. Weil ihm auch das eigene Nest nicht mehr heilig war?

Letzter Schrei des Monsters. Bild: screenshot aftonbladet

STOCKHOLM taz Schwedens populärster Blog ist nicht mehr. Am Montag um 8.59 Uhr schrieb Alexander Schulman den letzten Eintrag in "Alex Schulman sein": "Der Blog ist ein Monster geworden. Ich habe ihn nicht mehr im Griff." Schulman ist Journalist bei Schwedens auflagenstärkster Boulevardzeitung Aftonbladet. Sein Blog lag unter dem Portal der Online-Ausgabe dieser Zeitung und schaffte es fast ein Jahr lang die landesweite Blog-Topliste anzuführen. Mit einem Inhalt, der zu einem grossen Teil darin bestand, sich über Personen des öffentlichen Lebens nicht nur lustig zu machen, sondern diese aufs Gröbste zu verunglimpfen und zu beleidigen. Schulman: "Je härter und gefühlloser - desto grösser die Begeisterung meines Publikums."

Rückblickend - das muss man aber nicht unbedingt für bare Münze nehmen -, stellt der Journalist seinen Blog als "strategisches Experiment" dar. Er habe Grenzen testen wollen. Dafür wo das zulässige Mass an Zynismus und Mobbing überschritten werde in einer Zeit, in der es für den Inhalt von Medien und speziell Blogs offenbar keine Grenzen gebe. Grenzen kannte Schulman dabei auch nicht, was die Kritik an Kollegen der eigenen Zeitung anging. Vor eineinhalb Wochen qualifizierte er einen namentlich genannten Kollegen als "provozierend schlecht" ab. Er schäme sich mit diesem in derselben Redaktion zu arbeiten.

In den Redaktionsfluren wird gemunkelt, dass es eher solche Kollegenschelte als der behauptete eigene Überdruss am Bloggen war, der jetzt zur Einstellung von "Axel Schulman sein" geführt hat. Während alle vorhergehenden Angriffe gegen den Blog, der so erfolgreich Webverkehr anlockte, von der Redaktionsleitung mit Hinweis auf die Meinungsfreiheit zurückgewiesen worden waren, habe die Alternative aus der Chefetage nun gelautet: Kündigung oder Schluss mit diesem Blog. Der Ex-Blogger selbst beteuert, es habe zwar durchaus redaktionelle Irritation, aber beileibe nie ein solches Ultimatum gegeben. Der Stolperstein für ihn selbst sei gewesen, als er erfuhr, wie ernst ein Schauspieler die Schulman-Verhöhnungen angesichts der Trauer über seinen toten Hund genommen habe. Nicht zum ersten Mal, aber da speziell habe er gemerkt "was für ein ekeliges Schwein ich doch bin".

Die Brutalisierung des Meinungsklimas am Beispiel des Schulman-Blogs hatte in letzter Zeit in Schweden eine Grundsatzdebatte ausgelöst, in die sich auch die schwedische Presse-Ombudsfrau Yrsa Stenius eingeschaltet hatte. Von einem "unerhört beunruhigenden Zeichen" sprach und an das Verantwortungsbewusstsein der zuständigen Redakteure appellierte. Sonst laufe die Presse noch Gefahr vom Gesetzgeber an die Leine genommen zu werden.

Wenn es ein Experiment war, zeigte der Schulman-Blog potentiellen NachfolgerInnen hinter der Tastatur, mit welchen Mitteln man erfolgreich in der ständig schärfer werdenden Onlinekonkurrenz Klicks für ein Medienportal generieren kann. Der Kommentator der Tageszeitung, der nach dem Web-Ende für Schulman meinte, "wieder an das Gute im Menschen glauben zu können" – womöglich dürfte dieser Glaube nicht allzu langlebig werden.

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