Diskussion zum Moscheebau: Wen der Muezzin stört

Wer hat Angst vor der Moschee? Wallraff, Staeck und Groys diskutierten in der Berliner Akademie der Künste über Moscheebau und "Islam versus Islamismus"-Debatte.

Beim Ruf des Muezzin vom Minarett ist für Klaus Staeck "Schluss mit Toleranz". Bild: dpa

Besonders der Bau der Kölner Moschee ist umstritten. Nach den Plänen der Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) soll sie die größte in Deutschland werden. Dagegen läuft seit Monaten die Bürgerinitiative "Pro Köln" Sturm. Die rechtsextreme Organisation wird vom Verfassungsschutz beobachtet und ist seit 2004 im Kölner Stadtrat vertreten. Doch auch andere wie der Schriftsteller Ralph Giordano sind mit den Plänen der vom türkischen Staat gelenkten Ditib nicht einverstanden. So gäbe es "kein Grundrecht auf den Bau einer Großmoschee", sagte Giordano und erregte damit einiges Aufsehen.

Am Dienstagabend ließ nun die Akademie der Künste in Berlin Boris Groys, Klaus Staeck, Michael Marx und Günter Wallraff über den heiklen Umgang mit den muslimischen Mitbürgern diskutieren - unter Ausschluss dieser selbst. Moderiert von Friedrich Dieckmann, galt es zu klären: "Fördert der Bau markanter Moscheen die kulturelle Integration der Muslime in unserer Gesellschaft, oder ist er ihr im Wege?"

Die Frage war wohl eher rhetorisch gemeint und schon vorweg durch die Besetzung beantwortet. Wirklich konträre Positionen waren an diesem Abend - wie so oft im linkskulturellen Milieu - mit der Lupe zu suchen. Die Herren auf dem Podium sind alle als Verfechter von Religions- und Meinungsfreiheit bekannt. Und so wünschte sich auch der Leiter der Akademie der Künste, Klaus Staeck, nicht die Moschee in irgendeinen Hinterhof zurück. Es ging um Details. Für Staeck zum Beispiel ist beim Ruf des Muezzin vom Minarett "Schluss mit Toleranz". Aber in der Hauptsache gehe es ihm darum, "wie wir es schaffen, zwischen verrückten Selbstmordattentätern und dem Islam zu trennen".

Ja, wie schaffen wirs denn? Kenner der Szenerie, von den Nachrichtendiensten oder nichtreligiösen Wissenschaften etwa, waren in der Akademie genauso wenig zugegen wie qua Herkunft manchmal Wissende. Und so oblag es am ehesten noch Günter Wallraff, dem erfahrenen Investigativjournalisten, die Veranstaltung ein wenig empirisch zu unterfüttern. Wallraff befindet sich seit längerem in einem "produktiven Austausch" mit dem Dialogbeauftragten der Ditib in Deutschland, Bekir Alboa. So schlug er vor, in Köln auf dem Grundstück der islamischen Gemeinde aus Salman Rushdies verfemtem Buch "Die satanischen Ferse" zu lesen. Die Ditib sträubt sich, angeblich mit Anweisung aus Ankara. Und so werde er, Wallraff, demnächst in die Türkei reisen, um der Religionsbehörde vielleicht doch noch ein eindeutiges Bekenntnis zu Meinungsfreiheit und Toleranz zu entlocken.

Merkwürdig schräg im Raum stand die Absicht des Diskussionsleiters, die Islamdiskussion um einen christlich-erzkatholischen Aspekt zu erweitern. Kardinal Meisner gefällt das neue Mosaik-Fenster des Künstlers Gerhard Richter im Kölner Dom bekanntlich nicht. Für den Moderator Dieckmann ist Richters Kunst am Dom hingegen einfach "Kunstgewerbe", und so oblag es dem Karlsruher Professor Boris Groys, hier ein wenig zu differenzieren. Sein theoretisches System überführt Richters Farbpuzzle mühelos von der Darstellung des Nichtdarstellbaren über Ikonisierung und Abstraktion zur computergestützten postmodernen Kunst in der heutigen Epoche der Globalisierung.

Groys wäre aber nicht Groys, hätte er nicht auch zur Debatte "Islam versus Islamismus" etwas zu behaupten gewusst. So würde er, der alte sowjetische Dissident, jede neue Moschee erst mal als Zeichen einer bislang unsichtbaren Minderheit in Deutschland unterstützen. Der Islam sei viel weniger homogen, als man glaube, er kenne viele islamische Dissidenten. Von diesen hätte man sich allerdings gerne die eine oder den anderen aufs Berliner Podium gewünscht.

So verebbte die Diskussion am Ende in einem relativ unerheblichen Schlagabtausch zwischen dem Koran-Forscher Michael Marx und Günter Wallraff um die richtige Interpretation einer angeblich "heiligen" Schrift.

ANDREAS FANIZADEH

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