Berliner Tagung zum Thema öffentliche Erinnerung: Der Staat als Geschichtsschreiber

Wissenschaftler verschiedener Länder sprachen im Zeughaus über staatliche Indienstnahme der Geschichte. Welche Rolle soll der Staat beim Erinnern beanspruchen?

Lech Kaczynski im Museum des Warschauer Aufstandes: Inwieweit darf der Staat ein Geschichtsbild verordnen? Bild: dpa

Geschichtspolitik - ist das nicht schon vom Begriff her ein manipulatives Unternehmen? So fragte Gesine Schwan, Rektorin der Frankfurter Universität Viadrina, gleich zu Beginn der Veranstaltung, die am vergangenen Wochenende im Berliner Zeughaus stattfand und dem Thema "Strategien der Geschichtspolitik in Europa seit 1989" gewidmet war. Schwan steuerte geradewegs das zentrale Thema der Tagung an: Welche Rolle soll der Staat, sollen Politiker bei der öffentlichen Erinnerung spielen?

Die Tagung war ein Gemeinschaftswerk des Berliner Zentrums für historische Forschung, eines Zweiges der polnischen Akademie der Wissenschaften, des Leipziger Zentrums für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas und des Frankreich- und Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin. Angezielt war ein Vergleich der Lage in Frankreich, Polen und Deutschland, also quasi ein Versuch, die Europa-Politik des "Weimarer Dreiecks" auf wissenschaftlicher Ebene fortzusetzen.

Was soll also der Staat auf dem Gebiet der Geschichte? Vom Prinzip her gesehen war die Antwort für die meisten der anwesenden Historiker eindeutig: der Staat soll positive Rahmenbedingungen schaffen, also gute Schulen, Unis, Archive und Geld für Forschungsvorhaben bereitstellen. Wo es ums Gedenken geht, von Straßenbenennungen bis zu Gedenkfeiern, Ehrungen und Denkmälern, soll er öffentliche Debatten ermöglichen und deren Ergebnisse in die Tat umsetzen. Keinesfalls sollte er dabei aber initiierend wirken oder gar die Geschichtsinterpretation an sich reißen.

Mit seinen "Drei Nein" fasste dies der große alte Mann der polnischen Midiävistik und lebenslange Dissident Karol Modzelewski folgendermaßen zusammen: der Staat darf kein Geschichtsbild verordnen. Geschichtspolitiker können sich äußern, aber nicht hoffen, den Regeln des wissenschaftlichen Streits zu entgehen. Historiker haben keinerlei Aufgaben gegenüber der Staatsräson.

Ganz anders sah es der polnische Philosoph Dariusz Gwawin, Direktor des Museums für den Warschauer Aufstand. Gawin bezeichnet sein Museum als "typisches Identitätsmuseum", für das Zeitzeugen eine wichtige Rolle spielen. Seine Absicht sei es gewesen, nicht nur die Leiden des polnischen Volkes, sondern vor allem seinen Kampf darzustellen. Andere Museen - wie das in Planung befindliche Museum der polnischen Geschichte - wären schon allein wegen der Multinationalität der untergegangenen alten polnischen Adelsrepublik - multikulturell ausgerichtet. Eben darin zeige sich der Wissenschaftspluralismus.

Dieser Ansicht widersprach der polnische Historiker Jerzy Holcer. Es wäre auch die Aufgabe des Museums gewesen, die Frage zu thematisieren, ob der Aufstand, so heldenhaft er war, als richtig und vernünftig zu beurteilen sei, ob er mehr als ein sinnloses Blutvergießen war. Wer die Präsentation solcher Fragen in der Ausstellung nicht zulasse, folge der geschichtspolitischen Leitlinie der gerade abgewählten Regierung Kaczynski.

Umstritten auch der Begriff der "nationalen Identität". Wie soll sich Identität im Rahmen einer national ausgerichteten Geschichtspolitik angemessen darstellen lassen, so sie die Minderheiten außen vorlässt? Soll einem jungen deutschen Türken als Ausweis seiner Identität abverlangt werden, den Mord an dem Juden als das katastrophale Ereignis der Geschichte zu verstehen, während ihm gleichzeitig die türkische Geschichtspolitik verbietet, den armenischen Genozid beim Namen zu nennen?

Allerdings: Wie die nationalstaatliche Identität ist auch die als Ausweg gedachte europäische Idee ein Konstrukt, wenngleich eines ohne Inhalt. Camille Maze, Sozialwissenschaftlerin an der Pariser ENA, zeigte auf die Schwierigkeit, ein geschichtspolitisches Imperativ - Europas Einigung - in die Form eines Museums übersetzen zu wollen und damit eine Identität im Vorgriff zu konstruieren.

Von mehreren Teilnehmern wurde auch das Projekt eines europäischen Schulbuchs angesprochen, bei dem die einzelnen Länder von "Staatsfremden" beschrieben werden sollen. Fazit solcher Versuche: die Nationalgeschichte blieb bei den Diskutanten die Basis, damit aber auch die Tendenz, nationalgeschichtlichen Versuchungen der Geschichtspolitik zu erliegen.

Der Wind wird bei geschichtspolitischen Auseinandersetzungen für gewöhnlich rauer, so es um Ansprüche geht, um Entschädigung, oder, wichtiger noch: um Anerkennung. Im Referat des Warschauer Zeithistorikers Wlodzimierz Borodziej wurde die bestimmende Rolle herausgearbeitet, die in den letzten Jahrzehnten den Opfern zukam. Opfer müssen nicht nur die individuell Leidtragenden sein, auch deren Nachkommen und schließlich ganze Nationen können als solche betrachtet werden.

Opfer zu sein, heißt, einen gewissen Status einzunehmen. Und der Kampf um diesen Status, die "Konkurrenz der Opfer", endet in der Regel damit, dass die Gewinne der einen Opfergruppe die Verluste der anderen sind. Dramatische Formen nahm dieser "Krieg der Erinnerungen" nach Borodziej um Opferansprüche an, als nach 1989 mit den Opfern des Stalinismus neue Akteure die europäische Bühne betraten.

Der französische Historiker Francois Hartog sieht in diesen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen nur ein beschränktes Feld für den Historiker. Zum zentralen Begriff wird das Trauma, und Opfer ist, wer traumatisiert ist. Der Historiker als Therapeut, diese Schreckensvision kursierte in den Reden etlicher Tagungsteilnehmer.

Moshe Zuckermann, israelischer Historiker und wohlvertraut mit den deutschen Zuständen, erklärte den Konflikt zwischen "Staats-Narrativen" und Gruppen- oder individuell Narrativen an Hand des Verhältnisses zum Holocaust in Israel. Die Katastrophengeschichte des Judentums im 20. Jahrhundert sei von den herrschenden zionistischen Gruppen stets vereinnahmt und instrumentalisiert worden. Die Opfer waren eine Propagandagröße im geschichtspolitischen Kampf, ihre konkreten Schicksale hingegen standen niemals im Mittelpunkt. Während im geschichtspolitischen Diskurs der Zionisten der Mord an den Juden stets als konstitutiv für die Notwendigkeit eines israelischen Staates angesehen wurde, sahen Teile der jüdischen Orthodoxie den Holocaust gerade als Strafe Gottes für den Versuch, Israel vor der Ankunft des Erlösers neu zu begründen und damit gegen Gottes Gebot zu verstoßen.

So nachhaltig Zuckermann, der "Post-Zionist", die Geschichtspolitik an zentralen zeitgenössischen Problemen Israels festmachte, so wenig war davon bei den deutschen Teilnehmern der Tagung zu spüren. Nur Norbert Frei sprach von der Tendenz in der Bundesrepublik, seitens der Regierung die Öffentlichkeit bei Debatten um Gedenkstätten - wie dem Denkmal für die gefallenen Soldaten der Bundeswehr - herauszuhalten. Dabei sei es vor allem Aufgabe der Gesellschaft, die mit dem öffentlichen Erinnern verbundenen geschichtspolitischen Fragen zu bedenken. Auch bei Projekten wie dem geplanten Einheits- und Freiheitsdenkmal.

CHRISTIAN SEMLER

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de