Militärmusikfestival in Köln: Tschingdarassabumm!

Militärmusikkorps aus aller Welt sind angereist, um sich auf einem Festival in Köln mit dem Motto "Klänge für den Frieden" zu präsentieren. Tätääää.

Und: frrrrmmmmmlfrmmmmlfrrrmmmm. Bild: dpa

Rüstige Rentner und auch solche mit Krückstock sind in der Überzahl. Viele ältere Ehepaare sind gekommen. Die Herren tragen Anzug oder auch dunkelgrünen Loden. Manchem Besucher wächst unter der Nase ein Charlie-Chaplin-Bart. Die Damen sind überwiegend im Abendkleid erschienen, einige im Dirndl, andere im Hosenanzug. Allerdings ist das Publikum bunter gemischt, als zu erwarten gewesen wäre. Auch junge Menschen, salopp gekleidet, gelegentlich mit dezentem Piercing ausgestattet oder mit schwarzglänzenden Springerstiefeln, warten gespannt auf die ersten Klänge. Und viele Militärs aus allen Ländern der Welt hat es nach Köln gezogen. Hochdekorierte Soldaten aus der Volksrepublik China rutschen ungeduldig auf ihren Sitzen.

"Schade, dass aus unserem Land keine Kapelle dabei ist", erklärt in gebrochenem Deutsch ein chinesischer Offizier. Neben ihm sitzt eine Abordnung aus Namibia. Zwei Reihen weiter haben es sich ein paar Hochrangige aus Südamerika bequem gemacht. Mit ihren Sonnenbrillen sehen sie aus, als seien sie geradewegs einer Karikatur entstiegen. Die Militärattachés der Welt sind zu Gast bei Freunden. Aber auch für Inländer bleibt das Internationale Militärmusikfestival im siebenten Jahr ein Publikumsmagnet. Trotz des Protests mancher örtlicher antimilitaristischer Gruppe ist die Kölnarena bis auf den letzten Platz ausverkauft.

"Klänge für den Frieden" ist der Titel des Festivals. Doch weder Joan Baez noch Herbert Grönemeyer treten auf. Militärmusikkorps aus neun Ländern sind angereist, um unter der Schirmherrschaft von Franz Josef Jung (CSU) ihr Können zu präsentieren. Der findet für diese Friedensaktivität entsprechende Grußworte: "Die gemeinsame Musik verbindet Soldaten unterschiedlicher Nationen, fördert die Völkerverständigung und lässt so manche grenzüberschreitende Freundschaft entstehen."

Schaut man auf die Ränge der Kölnarena, mag man dem Verteidigungsminister zustimmen. Friedlich und gut gelaunt trinken da ehemalige Feinde miteinander Bier: Kasachen und Amerikaner, Vietnamesen und Franzosen, Argentinier und Briten. Eine Welt, in der das Militär das Sagen hätte, wäre eine friedliche Welt, so erscheint es hier.

Die ersten Takte überraschen nicht. Mit Tschingdarassapeng marschiert das Musikkorps der Bundeswehr ein. "Der Königgräzer", jener Klassiker preußischer Marschmusik, wurde direkt nach dem Sieg über die Österreicher 1866 von einem Herrn Piefke - der Mann hieß wirklich so - komponiert.

Doch dieser Krieg ist lange her. Inzwischen treten die Österreicher mit ihrer "Militärmusik Tirol" gleichberechtigt neben den Musikkorps aus Usbekistan, Schweden, Indien und Deutschland auf. Die Darbietungen der internationalen Gäste räumen mit einem verbreiteten Vorurteil auf. Militärmusik beschränkt sich mitnichten auf Marschmusik. Militärmusik ist Musik, die von Militärs gemacht wird. Und diese ist sehr heterogen. Das Repräsentationsorchester der Armee Weißrusslands hat eine junge Dame mitgebracht, die in atemberaubender Geschwindigkeit ein Hackbrett spielt. Nachdem sie mit dem zitherartigen Instrument fertig ist, tanzt sie einen folkloristischen Tanz. Die musizierenden Soldaten bleiben dezent im Hintergrund, wirken, in einem nicht ganz exakten Kreis aufgestellt, wie eine freundliche Dorfkapelle. Ein Zuschauer mit schlohweißem Haar flüstert während einer Pause zu seiner Begleiterin: "Tanzen können sie, die Russen." Tatsächlich bedient das Gastspiel der Musiker aus Belorus die alte deutsche Sehnsucht nach dem weiten Osten. Die Begeisterung des alten Mannes lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Der Zweite Weltkrieg war ein historischer Irrtum. Denn, und das räumt ebenjener Herr ein: "Tanzen können sie, die Russen."

Auch andere alte Feinde treten auf. Nachdem die Halle mit künstlichem schottischem Nebel gefüllt ist, erklingt es aus dutzenden von Dudelsäcken. "The Band of the Royal Regiment of Scotland" marschiert ein. Gegen den Klang und die Lautstärke der pfeifenden Säcke kommen weder Pauken noch Trompeten an. Die Posaunen von Jericho kommen einem in den Sinn, die nach biblischer Überlieferung eine mächtige Stadtmauer zum Einsturz brachten. Überhaupt, Klang kann auch als Waffe dienen. Das Aufheulen der Stukas zermürbte den Gegner. Das Pfeifen der Stalinorgeln ließ die deutschen Landser fliehen. Ob der Dudelsack in früheren Kriegen eine ähnliche Funktion hatte, ist nicht überliefert.

Ebenso plötzlich, wie er begann, endet der Schottenmarsch wieder und hinterlässt komplette Stille. Und dann, ganz leise und getragen, stimmt das Regiment "Amazing Grace" an. Unendlich langsam schreiten die mit Kilts und Bärenfellmützen ausgestatteten Soldaten durch die Halle.

Nach dem letzten Ton des alten Kirchenliedes laufen dem älteren Herren, der sich gerade noch für die junge weißrussische Tänzerin begeisterte, dicke Tränen über die Wangen.

Und schon stehen die Nächsten auf der Bühne. Kostümiert wie Dschingis Khan, intonieren die Musiker des Orchesters der mongolischen Armee große Filmmusik. Fanfaren, Posaunen, Tuben, Klarinetten -die Instrumentierung wirkt eher zentraleuropäisch als zentralasiatisch. Es klingt arg nach "Ben Hur" oder einem anderen Monumentalfilm aus den Fünfzigern. Dann aber verschwindet der Pathos. Die Männer mit ihren roten Jäckchen wackeln wie beim Ententanz mit ihren Popos. Einen zu ernsten Eindruck wollen die Militärs aus Ulan Bator dann doch nicht hinterlassen. Das Kölner Publikum, durch den Karneval an sich selbst persiflierende Marschmusiker gewöhnt, quittiert die Showeinlage mit begeistertem Applaus.

Einen Höhepunkt des Abends kündigt der Moderator Helmut Jäger an: "Sie kommen gerade von einem Auslandseinsatz und haben spontan zugesagt." Welchem Land die nun auftretenden amerikanischen GIs soeben den Marsch geblasen haben, lässt der ehemalige ARD-Mitarbeiter und Offizier der Reserve allerdings offen. Genüsslich betont Jäger stattdessen, dass Glenn Miller den Swing in Uniform begründet hat. Und damit hat er Recht. Swing war die Musik, die die Nazis verboten hatten. Swing war die Musik der Befreier. Glenn Miller steckte in einer amerikanischen Uniform, als er seine großen Erfolge feierte. Und nun stimmt die 76th US Army Band "In The Mood" an, jenen Big-Band-Klassiker, den Miller seinerzeit populär machte.

Ist Militärmusik per se verwerflich? Eine positive Antwort fällt schwer, wenn man die goldglitzernden Barithonsaxofone sieht und hört, die diesen mörderischen Sound absondern. Selbst der friedensbewegteste Zuschauer könnte bei dieser Art von Militärmusik seine Beine nicht still halten.

Ganz anders wiederum ergeht es dem älteren Herrn, der die Schotten und Weißrussen so mochte. Mit leichenbitterer Miene verfolgt er die aufwendige Choreografie der Big Band. Afroamerikaner ziehen mit ihren Trompeten direkt an ihm vorbei.

Erst der deutsche Festivalbeitrag versöhnt den Alten wieder. Eine Rhönradgruppe aus Flensburg zeigt zu bayerischer Volksmusik ihr Können. Leni Riefenstahl wäre begeistert gewesen, wie die anmutigen Körper an den riesigen Stahlringen turnen. Die Deutschen, so mag mancher ausländische Gast seine Vorurteile bestätigt sehen, waren, sind und bleiben Alpenbewohner, die einen Reichsparteitag abhalten. Dazu passt die Darbietung des Wachbataillons: "Prääääääsentiert das Gewehr!" Es gibt eigentlich nur einen Zivilisten, der so krächzend schreien kann: Martin Semmelrogge. Der ist aber nicht vonnöten, die Bundeswehr verfügt für die Aufgabe über genug Feldwebel. Fackeln werden entzündet. Und dann spielt ein Feldgrauer mit weißen Handschuhen ganz einsam und allein auf seiner Trompete. Tatsächlich wird hier eine Ästhetik inszeniert, die auch dann eingesetzt werden kann, wenn Zinksärge aus Afghanistan auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln-Bonn landen. Der ältere Herr hält seine Hände gefaltet im Schoß. Sie zittern leicht.

Darf man in diesem Augenblick das Geschehen antimilitaristisch korrekt als kriegsverherrlichend aburteilen? Wie sähe solch eine Ü-70-Party in ein paar Jahrzehnten aus? Linke und friedensbewegte Ikonen mögen, präsentiert im Rahmen einer Nostalgieveranstaltung im Jahre 2040, genauso peinlich wirken. Um Massen zu mobilisieren, wählten Ostermaschierer vielleicht andere Formen und Inhalte, Indoktrinierendes kann man sehr wohl auch in der Hymne "We Shall Overcome" erkennen. Und auch der Zweivierteltakt ist nicht zwingend immer rechtsdrehend. Bert Brecht sein Hanns Eisler komponierte gern schmissige Märsche.

Zum großen Finale versammeln sich alle Mitwirkenden noch einmal im Innenraum der Halle. Über 500 Militärmusikanten spielen Wagner und Verdi. Auch Mongolen, Usbeken, Inder und Österreicher. Ein beachtlicher Schalldruck entsteht durch die Blechbläser. Und dann, ganz zuletzt, erheben sich alle Zuschauer von ihren Plätzen. Es erklingt das Deutschlandlied. Nur eine Strophe. Wer mitsingen möchte, muss sich entscheiden, welche der drei Strophen er auswählt. Die Mehrheit der Anwesenden singt: "Einigkeit und Recht und Freiheit."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de