Pro & Contra zur Havemann-Bio: Abrechnung mit DDR-Staatsfeind Nr.1

Ein maßloses 1.100-Seiten-Pamphlet zerpflückt Heldengeschichten. Florian Havemann rechnet in "Havemann" mit seinem Vater Robert ab. Ein Pro & Contra

Genial oder egoman? Florian Havemann fabrizierte aus dem Leben seines Vater einen Wälzer. Bild: ap

Faszinierende Literatur

sagt JÖRG MAGENAU

Grauer Karton, rote Buchstaben, markanter Titel: "Havemann". So ähnlich - asketisch, intellektualistisch, proletarisch - sah einst "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss aus. Doch nichts könnte dem 1.100 Seiten schweren "Havemann" so fremd sein wie die Akribie und die historische Exaktheit eines Peter Weiss. Der auftrumpfende Gestus ist diesem Buch schon anzusehen. Aufgeteilt in viele kleine Kapitel und Anekdoten enthält "Havemann" zahlreiche Fotos als Ausgangspunkt für Betrachtungen und Geschichten. Das erinnert an Alexander Kluges und seine das Material ausstellende Erzähltechnik. Doch auch mit dessen naturwissenschaftlich-technischer Experimentierlust hat der Autor Florian Havemann nichts zu tun. Er ist von eher hitzigem Temperament, ein Erzähler der lodernden Leidenschaften, der keine Rücksicht nimmt auf gängige Meinungen oder auf Freundschaften. Der Größenwahn, der da ungezügelt triumphiert, ist eine Sprechweise, ein Ton, der die Geschichten, die erzählt werden mussten, erzählbar macht. "Havemann" ist Autobiografie und Familienroman, ein erstaunliches deutsches Geschichts- und Geschichtenbuch zwischen Dichtung und Wahrheit, Tragik und Kolportage, Groteske, Gerücht und Gala-Revue.

Man kann nun lange darüber spekulieren, ob Wolf Biermann wirklich vor seiner Ausbürgerung von Margot Honecker gewarnt wurde und dann auch noch mit ihr geschlafen hat. Oder ob Claus Peymann ("Payman") sich wirklich im Liebesschmerz auf ein Eisenbahngleis legte. Oder ob Helene Weigel wirklich einmal Brecht umbringen wollte, indem sie versuchte, ihn auf der Überfahrt von New York nach Europa über die Reling ins Meer zu schubsen. Besonders das Biermann-Kapitel erregt nun die Gemüter. Dass die eingebaute Skandalmaschine den Blick auf das, was diesen Autor antreibt und was "Havemann" so aufregend macht, verstellt, hat er sich aber selbst zuzuschreiben. Das Bekenntnis zu radikaler Subjektivität ist die Produktionsbedingung dieses völlig unmöglichen Pamphlets.

Dass man keine der unglaublichen Geschichten ungeprüft glauben darf, ist die Grenze, in der es sich bewegt. Doch innerhalb dieser Grenzen ist es in seiner Maßlosigkeit, seinem hypertrophen Egozentrismus, seiner Ungerechtigkeit und seiner teilweise unerträglichen Geschwätzigkeit vor allem dies: faszinierende Literatur. Die Kapitel über den Schriftstellerfreund Thomas Brasch wird in Zukunft kennen müssen, wer sich mit Brasch befasst. Florians Liebesgeschichte mit Nina Hagen ist so schlicht wie ergreifend. Die rührenden Begegnungen mit Rudi Dutschke sind so noch nirgends zu lesen gewesen. Der tobende Zorn gegen Wolf Biermann ist so maßlos wie notwendig. Und die Liebeserklärung an Erich Fried ist auch nicht gerade zeitgemäß.

So ein Text ist nicht lektorierbar, nicht belehrbar und in seinen stilistischen Mängeln nicht verbesserbar. Offensichtliche Fehler wie der, dass das 11. Plenum der SED nicht 1964, sondern erst 1965 stattfand, hätte man aber trotzdem korrigieren können. Leidenschaft und eine Wunde, die da hingebungsvoll über Jahrzehnte hinweg bewirtschaftet wird, um schließlich Kunst zu ernten - das ist es doch, was in so vielen lauwarmen Literaturversuchen der Gegenwart fehlt und was kein Literaturinstitutsseminar ersetzen kann. Julia Francks mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Familienroman "Die Mittagsfrau" sieht neben dieser wüsten, bitteren Abrechnung blass aus. "Havemann" wäre genau der deutsche Familienroman des 20. Jahrhunderts, wie ihn das Publikum so sehr schätzt. Doch in seiner unversöhnlichen Abrechnungslust ist er zu verstörend und zu sperrig, um marktkompatibel zu sein.

Der Wunden sind viele: die Zuneigungsverweigerung durch den Vater. Die Verhaftung und das Gefängnis im Jahr 1968, weil der 16-jährige Florian Havemann eine tschechische Fahne malte und aus dem Fenster der elterlichen Wohnung am Strausberger Platz hängte. Auf die Haft, die von Ulbricht persönlich verkürzt wurde, folgten die Überstellung in ein Erziehungsheim und die Zwangsproletarisierung als Reichsbahn-Elektriker. Eine unverheilte Wunde ist auch das hundsgemeine Lied "enfant perdu", das Wolf Biermann dem 1971 nach Westberlin geflohenen Jüngling hinterherschleuderte, um sich in Abgrenzung zum Republikflüchtigen als reformwilliger Kommunist zu präsentieren. Man kann den bleibenden Hass Florian Havemanns durchaus nachvollziehen.

Auch wenn im Mittelpunkt immer das unermessliche Ego des Autors steht, so setzt er doch weit in der Vergangenheit an. Er beginnt mit der Lebensgeschichte des Großvaters Hans, philosophierender Feuilletonist und Geologe, der 1933 so flott in die NSDAP eintrat wie 1946 dann in die SED. Es folgt Robert, der Widerstandskämpfer, von den Nazis zum Tode verurteilt, überzeugter Kommunist und DDR-Bürger, dann Systemkritiker, der nach der Ausbürgerung des Freundes Wolf Biermann zwei Jahre unter Hausarrest gestellt wurde. Vom hehren Dissidentennimbus möchte Sohn Florian aber nichts übrig lassen. Sein Bildnis des Vaters zeigt einen Alkoholiker, der es sich im Hausarrest mit staatlicher Rente bequem machte, der so faul war wie sexbesessen und desinteressiert an Wissenschaft und Politik. Der Tenor ist klar: weg mit der Heiligensaga, den Widerstandsmythen! Florian Havemann bringt die Heldengeschichte auf Betthöhe. Wer das geschmacklos findet, hat zweifellos recht. Aber Geschmack ist eine Kategorie, mit der dieser Amoklauf der Erinnerung nicht zu fassen ist.

Dass so gebrauchsfertige Begriffe wie "Opfer" und "Täter", "Widerstand" und "Anpassung" sich auflösen, ist ein erfreuliches Ergebnis dieser Streitschrift. Denn die Trennschärfe der Begriffe ist in der Realität nicht zu finden. Stets sind es niedere menschliche Beweggründe, die bei Havemann als Motive durchscheinen: Heroismus ist auch nur eine Eitelkeit. Kein Buch also für Idealisten. Den Vater-Rufmord hat der Sohn offenbar immer noch nötig. Die Auseinandersetzung mit den Vätern war für die Kommunistensöhne ja noch schwieriger als für westliche Generationskollegen, die ihren Vätern ja immerhin ihre Mitläufer- oder Mittäterschaft im Nationalsozialismus vorhalten konnten. Florian Havemann und viele andere hatten es mit Überlebenden zu tun, mit Widerstandskämpfern, an deren Vergangenheit nicht zu zweifeln war. Ihnen war nur die Gegenwart vorzuwerfen. Es ging um die Frage, "was von dem in der DDR geblieben war, was unsere Eltern einst gewollt hatten".

Diese Rebellion ist noch nicht vorbei. Und wenn der 55-jährige Florian Havemann in seiner destruktiven Kraft pubertär wirkt, dann hat das mit der Unabgeschlossenheit des utopischen Potenzials der Geschichte zu tun. Er hält dem Vater immer noch seine Träume vor. Der Sohn bleibt unversöhnt. Kein Happy End.

Egomanisches Machwerk

sagt RUDOLF WALTHER

Bekenntnisschriften sind ein ebenso altes wie schwieriges Genre. Ob Augustinus "Bekenntnisse" aus dem Jahr 398, Jean-Jacques Rousseaus "Confessions" von 1782 oder Florian Havemanns monumentaler "Havemann" von 2007: Stets stellen sich, trotz der gewaltigen Unterschiede, die gleichen drei Probleme. Erstens müssen Bekenntnisschriften unterscheiden zwischen dem, was aus guten Gründen privat bleibt, und dem, was öffentlich werden soll. Daher muss alles, was öffentlich gemacht wird, wenigstens rudimentären Standards von Plausibilität und Überprüfbarkeit standhalten. Drittens schließlich können literarische Bekenntnisschriften von Rang diese Plausibilität und Überprüfbarkeit beiseitewischen: mit ästhetischer Qualität und Stimmigkeit. Florian Havemann scheitert mit seinen Bekenntnissen grandios an allen drei Problemen.

Ein einfaches Leben hat er wahrlich nicht. Vater, Mutter, Stiefmutter und Geschwister miss- und verachteten ihn. Nach der Flucht in den Westen versuchte er sich in verschiedenen Berufen, brachte aber weder als Putzmann ein Bein auf den Boden noch als Künstler. Über ein weitgehend missratenes Leben zu berichten ("ich bin der geborene Loser, ich verliere gern") ist schwierig, denn das meiste, was Florian Havemann erzählt, gehört eher in die Praxis eines Psychotherapeuten und nicht an die Öffentlichkeit. Selbst wenn Havemann seine Leser überfallmäßig mit Du anredet, interessieren sich diese nicht dafür, wie er einmal sogar eine Lesbe rumkriegte. Die Peinlichkeiten, die Havemann über sein eigenes Sexualleben und die bodenlosen Gerüchte über dasjenige anderer ausbreitet, belegen nur, was der Autor selbst einräumt: "Havemann [ist] eine Form des Exhibitionismus", und zwar der vulgären Art.

Havemann hat keinen Stoff und keine Sprache. Fast alles, was er zu seinem in mancherlei Hinsicht zwielichtigen Vater zu sagen hat, kann man auf ein paar Seiten einer Ausgabe des Spiegel vom Oktober 1978 nachlesen. Das Buch datiert diesen Artikel Florians einmal falsch auf "1979" und walzt ihn auf über 1.000 Seiten aus. Das wirklich Neue - die zeitweilige Anbiederung des Kommunisten Robert Havemann an die Nazis nach 1933 - ließe sich auf zehn Seiten darstellen. Viele Passagen werden gleich dutzendfach wiederholt. Dem wenigen an Stoff, das Havemann zu bieten hat, steht er mit einer Haltung gegenüber, die gleich der erste Satz festschreibt und die das ganze Buch durchzieht: "Egal, womit anfangen". Egal ist damit auch, womit, wie und warum weitermachen und aufhören. "Ich überprüfe es nicht auf seinen Wahrheitsgehalt, ich forsche nicht nach. (…) Nur meine Wahrheit zählt, und sie zählt auch dann hier allein nur, wenn sie vielleicht nicht die Wahrheit ist."

Havemann bescheinigt sich zwar selbst, "genial" zu sein, und hält seine Sachen für "verdammt gut geschrieben". Aber er hat gar keine Sprache, sondern nur einen monoton stampfenden Hauptsatz-Staccato-Sound, den er wohl für expressionistisch hält, der aber nur so trieft von pubertären Überheblichkeiten ("Ich, Havemann" - "Kleingeist Biermann" - "Herr Delius" - "Kollege Karl Heinz Bohrer"), Weinerlichkeiten ("und was habe ich nicht alles überlebt"), Kitsch ("das Urbild von Brüsten"), eitler Koketterie ("ich bin ein Ignorant, seit ich schreibe") und ideologischem Ramsch ("wenn es um die Vorwürfe gegen die Menschheit geht, bin ich immer dabei").

"Ich bin immerhin Verfassungsrichter", schreibt Havemann rund ein dutzend Mal. Genau genommen ist er auf Vorschlag der PDS Laienrichter am Landesverfassungsgericht in Brandenburg geworden - ein Versorgungsposten für Parteisoldaten. Wenn er es in dieser Funktion mit Akten, Wahrheit und Zeugenschaft hält wie mit dem Motto seines Buchs ("Bastle an einer Legende. Mehr nicht."), dann drohen Klägern wie Beklagten nette Zeiten. Bleibt eine Kernfrage, und die betrifft nicht das Buch, sondern den Verlag und - emphatisch gesagt - das intellektuelle Niveau und Klima im Land: Wie kommt Suhrkamp dazu, ein solches überflüssiges, egomanisches und verbiestertes Machwerk zu drucken?

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