Jerzy Montag zum Sexualstrafrecht: "Rückfall in den 50er-Puritanismus"

Eine Verschärfung des Sexualstrafrechts ist überflüssig, meint der grüne Rechtspolitiker Jerzy Montag. Ein Gespräch über Dr. Sommer, Paragrafen und Zensur

1957, da war die Welt noch in Ordnung. Oder so. Bild: dpa

taz: Die Bundesregierung will die sexuelle Ausbeutung von Kindern unter Strafe stellen. Was ist dagegen zu sagen?

Jerzy Montag (60) ist seit 2002 Bundestagsabgeordneter der Grünen und deren rechtspolitischer Sprecher.

Jerzy Montag: Pardon, die Regierung ist dabei, Streicheln, Küssen und Petting unter Strafe zu stellen. Dieses Gesetz wirkt sich verheerend auf die sexuellen Erfahrungen von Jugendlichen aus. Die suchende und fordernde Sexualität junger Leute wird unter Strafandrohung gestellt. Das ist ein Rückfall in den Puritanismus der 50er-Jahre.

Immerhin sollen sexueller Missbrauch und Kinderprostitution vermieden werden. Ist das kein gutes Ziel?

Das ist ein akzeptables Ziel - im Prinzip. Nur sind dafür keine neuen Gesetze oder Paragrafen nötig. Was an sexuellen Akten zwischen Menschen strafwürdig ist, sei es Prostitution oder sexuelle Nötigung, steht bereits unter Strafe. Wenn ein 21-Jähriger und eine unter 16-Jährige beteiligt sind, wird geahndet, was geahndet werden muss. Mehr braucht es nicht.

Wollen Sie bestreiten, dass die sexuelle Selbstbestimmung ein schützenswertes Gut ist?

Nein, das streite ich nicht ab. Aber hier geht es meines Erachtens nicht um Opferschutz, es werden massenhaft Täter produziert. Und diese angeblichen Täter werden viel jünger sein als bisher.

Wie meinen Sie das?

Wenn künftig ein 14-Jähriger eine unter 18-Jährige mit zu sich ins Bett nimmt, steht das unter Strafe - falls dem etwa eine Kinoeinladung vorausging. Selbst das Fotografieren von sexuellen Handlungen wird strafbar. Unser aller Aufklärungsheftchen Bravo müsste künftig unter jedes seiner Bildchen den Zusatz kleben: Partner sind knapp über 18. Dr. Sommer soll zensiert werden - ja, wo sind wir denn?

Aber hat sich die gesellschaftliche Realität nicht verändert? Die Sexualisierten werden jünger.

Ich sehe das nicht. Heute hat mehr als die Hälfte der 14-jährigen Mädchen bereits Geschlechtsverkehr. Aber das ist doch keine Entwicklung der letzten Jahre, sondern Ergebnis einer jahrzehntelangen gesellschaftlichen Libertinage. Das muss man nicht gut finden, o. k. Aber glaubt die Bundesregierung allen Ernstes, dieses Phänomen mit dem Strafgesetzbuch eindämmen zu können?

INTERVIEW: Jan Piegsa /Christian Füller

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