Jagd - nur mit der Kamera: Wal in Sicht und im Bild

Ob Pott-, Zwerg- oder Buckelwal: Auf den nordnorwegischen Vesterålen-Inseln gehen Touristen auf Waljagd - mit ihrer Fotokamera. Die Walsafaris gehören zu den beliebtesten Touristenattraktionen. Die Besucherzahl steigt stetig

Schwertwal (Orca) vor Norwegens Nordküste Bild: pixelio.de

Geschäftsführer Erwin Fulterer ist zufrieden. Seine Kunden schicke er mit "der Erinnerung an ein einmaliges Erlebnis" nach Hause, gesteht er im Gespräch. Denn der Direktor der Hvalsafari AS weiß, wie er seine Kundschaft glücklich machen kann: "Sie müssen möglichst viele Wale zu Gesicht und vor allem vor die Kamera bekommen. Als Trophäe für daheim."

Hvalsafari AS, Box 58, N-8483

Andenes, Tel. + 47 76 11 56 00

www.whalesafari.com

booking@whalesafari.no

Von Andenes aus, einer Ortschaft auf den nordnorwegischen Vesterålen-Inseln gelegen, erreicht man in zwei Stunden Schifffahrt den Kontinentalsockel. In dieser nährstoffreichen Meeresregion halten sich besonders gerne Wale auf. Nirgends sonst in Europa hat man die Gelegenheit, so große Wale so nah an der Küste zu beobachten. Die Wahrscheinlichkeit, diese riesigen Meeressäuger zu entdecken, ist nirgends in Europa so hoch: In Andenes liegt die Erfolgsquote immerhin bei 95 Prozent.

Eine Biologiestudentin, die hier am Nordwestende Europas Touristen auf Walsafaris begleitet, erzählt, dass man hauptsächlich Pottwale zu Gesicht bekommt. Doch neben den bis zu 20 Meter langen Pottwalen leben hier auch Buckelwale, Schwertwale, Zwergwale, aber auch verschiedene Delfinarten. "Allein im Nordatlantik gibt es an die 100.000 Zwergwale", erklärt die Studentin, weist aber sogleich darauf hin, dass die Touristen solche Tiere auf den Wal-Ausfahrten nur selten zu sehen bekommen. Das liegt daran, dass die bis zu neun Meter langen Zwergwale nur für wenige Sekunden an der Wasseroberfläche auftauchen, um wieder in der Tiefe des Meeres zu verschwinden. Im Gegensatz zu ihren größeren Vettern in Norwegen dürfen sie gejagt werden. Eine Tatsache, die dem Land bei Umweltschützern im Ausland einen schlechten Ruf eingehandelt hat.

Die "Whale Watchers" auf den norwegischen Walfang angesprochen, geben sich wortkarg. Nur einer der Wissenschaftler der Forschungsstation äußert sich, wenn auch nur vage: "Wir hier sind natürlich neutral", sagt er lächelnd. Dann fügt er hinzu, dass nach seiner Ansicht die Kritiker im Ausland herzlich wenig über den Walfang wüssten. Deswegen verfehlten sie mit ihren Argumenten meist das Ziel.

Erst 1988 begann man in Andenes mit den Touristenfahrten. Denn damals ging den Forschern das Geld aus und sie konnten sich die Fahrten aufs Meer nicht mehr leisten. Deshalb begannen sie Touristen auf die Beobachtungsfahrten mitzunehmen. Damals, 1988, fuhren lediglich 375 Interessierte mit, heute sind es bereits jährlich über 15.000 Menschen. Das Angebot kommt an. Die Walsafaris gehören zu den beliebtesten Touristenattraktionen in Nordnorwegen.

"Es wird dringend empfohlen, diese zwei Tabletten einzunehmen", ermahnt die Führerin in gebrochenem Deutsch. Diese Medikamente seien hilfreich gegen Seekrankheit. Während der ersten zwei Stunden der Ausfahrt konzentrieren sich die meisten Passagiere darauf, ihren Mageninhalt bei sich zu behalten. Die Mutigen holen sich Tee und Gebäck - schließlich ist das im Preis inbegriffen. Die Vorsichtigen verzichten auf Speis und Trank, sitzen etwas verkrampft auf ihren Plätzen und blicken zum Horizont. Dieses Verhalten soll angeblich gegen aufkommende Seekrankheit helfen. Auf einmal weckt ein Schrei vom Ausguck sowohl Teetrinker als auch die Meditierenden auf: "Hval, hval", schallt der Ruf über das Boot. Helle Aufregung überall. Die Wal-Touristen versuchen, mit Kameras bewaffnet, so schnell wie möglich an die Reling zu gelangen. Stolpern übereinander. Bei 100 Leuten ist es nicht einfach, auf dem kleinen Boot einen geeigneten Platz zum Fotografieren zu ergattern. Eine Fontäne schießt in etwa 300 Meter Entfernung in die Höhe.

An der "Blasrichtung" des Strahls erkennen Sachkundige angeblich die Walart. Die Führerin erklärt, dass es sich um einen Buckelwal handelt. Dies sei ein Glückstag, denn einen solchen Wal sehe man hier nicht alle Tage. Die Fotoprofis mit ihren 500-mm-Objektiven haben den Wal einigermaßen gut aufs Bild bekommen. Bald darauf trifft das Touristenschiff auf einen Schwarm Weißnasendelfine, die eine Weile neben dem Boot mitschwimmen. Nach einiger Zeit hat jeder Tourist seinen Delfin im Kasten - auch die Reisegäste ohne Teleobjektiv. Dann senkt sich die euphorische Stimmung: Die "Action" auf dem Meer lässt nach.

Aber auf dem Rückweg erscheint im Blickfeld der Bootsinsassen doch noch der berühmte Pottwal. "Dort drüben", ruft der Guide, und so, als sei dies der Startschuss für einen Hundertmeterlauf, stürzen sich die Wal-Touristen erneut zur Reling. Der Pottwal scheint zu wissen, dass er die Hauptattraktion der Fahrt ist, und lässt das Schiff bis auf 30 Meter herankommen. Jetzt klicken die Kameraverschlüsse wie wild. Nach etwa einer Minute wird es dem Wal dann zu dumm: Er winkt zum Abschied mit seiner riesigen Schwanzflosse in die Kameraobjektive der begeisterten Touristen. Diese nehmen, wie von Fulterer versprochen, "die Erinnerung an ein einmaliges Erlebnis" mit nach Hause.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de